13.10.2017

Sachsen entdeckt Abiturienten als Zielgruppe für das Handwerk

Willy Brandt forderte einst: Jeder soll die Möglichkeit zum Abitur haben. Studentenschwemme und Überqualifizierung waren die Folgen – Doktoren als Taxifahrer. In Sachsen hat ein Umdenken eingesetzt. Hier wirbt man jetzt in Abiturientenkreisen verstärkt um eine Ausbildung im Handwerk.

Auszubildende

In Sachsen Plus bei Ausbildungsverträgen

Das sächsische Handwerk steht weiter hoch im Kurs bei Schulabgängern. Wie „SZ-online“ unter Berufung auf Angaben des Sächsischen Handwerkstages berichtet, schlägt auch für das neue Lehrjahr ein Plus bei den Ausbildungsverträgen zu Buche. Bis Ende September wurden demnach 5.394 Lehren besiegelt – 447 oder neun Prozent mehr als vor einem Jahr. Die sächsische Online-Plattform zitiert Handwerkstag-Sprecher Frank Wetzel, der Lehrstellenmarkt sei aber hart umkämpft. Die Anforderungen an die Bewerber seien gestiegen. Der Verband werbe daher auch verstärkt um Abiturienten. Dafür fordere man mehr Unterstützung von der Politik für die Berufsausbildung.

Mehr Meister bilden Nachwuchs aus

Mehr Lehrverträge als im Vorjahr sind den Angaben zufolge bereits abgeschlossen in den Berufen:

  • Fahrzeuglackierer,
  • Bäcker,
  • Metallbauer,
  • Zimmerer

Als erfreulich vermerkt der Verband, dass wieder mehr Meister Nachwuchs ausbilden. So gebe es auch Lehrstellen für Estrich-, Fliesen-, Platten-, Mosaik- und Parkettleger, Kosmetiker oder Raumausstatter.

Nach wie vor freie Lehrstellen

Ungeachtet des Nachfrage-Plus sind indes immer noch rund 1000 Lehrstellen im Freistaat frei. Freie Plätze gibt es demnach noch bei:

  • Maurern,
  • Lebensmittel-Fachverkäufern,
  • Metallbauern,
  • Tischlern,
  • Kfz-Mechatroniker,
  • Elektroniker,
  • Friseur.

Der Zulauf sei groß. Vielen Bewerbern fehlten aber die nötigen Voraussetzungen. Im Kfz-Gewerbe beispielsweise brauche es solide Kenntnisse.

Berufsbilder anspruchsvoller

„Die Berufsbilder sind anspruchsvoller geworden“, erklärt der Verbandssprecher. Hauptschülern fehle es manchmal an Wissen, aber auch an sozialer Kompetenz etwa für den Kundenkontakt. Viele Betriebe setzten daher auf Abiturienten. Sie hätten die nötige Reife. Angesichts der sehr hohen Studierneigung suche man nach Rezepten, sie zu gewinnen. „Die Berufsausbildung in der Gesellschaft braucht ein besseres Image, die berufliche Bildung muss attraktiver werden“, so Wetzel.

Gleichbehandlung durch den Bund bei der Förderung

Der Sächsische Handwerkstag fordert eine Gleichbehandlung durch den Bund bei der Förderung wie für den akademischen Bereich. Das fange mit kompetenten Lehrern in Ober- und Berufsschulen an. „Wir hadern mit Seiteneinsteigern, das ist nicht optimal“, sagt der Sprecher. Man brauche nicht nur Akademiker, sondern auch gute Fachkräfte, die der gewerblichen Wirtschaft in Sachsen eine Zukunft geben. Sachsens Handwerk gehe voran: Ab 2018 gibt es dort auch die Berufsausbildung mit Abitur – im Elektrohandwerk.

Bau- und Ausbaugewerbe am stärksten vertreten

Nach Verbandsangaben beschäftigen derzeit rund 57.000 Handwerksbetriebe zwischen 300.000 und 320.000 Menschen. Am stärksten vertreten sind demnach das Bau- und Ausbaugewerbe mit etwa 16.000 zulassungspflichtigen Betrieben sowie das Elektro- und Metallgewerbe mit etwa 10.000 Unternehmen.

Probezeit für jeden Auszubildenden

Egal, wie eng die Personaldecke, ob der Aspirant für einen Ausbildungsplatz von der Mittelschule oder dem Gymnasium kommt – für alle gilt: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet.“ Die Vereinbarung einer Probezeit gilt deshalb als probates Mittel für den Arbeitgeber, um einen neuen Mitarbeiter zu „testen“. Dies gilt nicht nur für Angestellte sondern auch für Auszubildende. Was Arbeitgeber dabei beachten sollten, um ihren Vorteil zu nutzen, darauf geht „Meisterbrief AKTUELL“ in seiner neuen Ausgabe (13/2017 Oktober) ausführlich ein.

 

Meisterbrief Aktuell

Autor: Franz Höllriegel