Fachbeitrag | Organisation und Dokumentation
07.09.2015

Die Gefährdungsbeurteilung – von der Vorbereitung bis zur Fortschreibung

Mit der Gefährdungsbeurteilung wird der Vorgang der systematischen Ermittlung und Bewertung aller relevanten Gefährdungen beschrieben, denen die Mitarbeiter im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit ausgesetzt sind. Ziel der Gefährdungsbeurteilung ist es, Gefährdungen bei der Arbeit frühzeitig zu erkennen und diesen entgegenzuwirken bevor es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder Unfällen kommt.

Eine gefährdungsbeurteilung dient dazu, mögliche Gefahren am Arbeitsplatz zu erkennen, aufzuzeigen und zu beheben, bevor ein Arbeitnehmer Schaden nehmen kann.© Jupiterimages /​ PHOTOS.com>> /​ Thinkstock

Erstellen einer Gefährdungsbeurteilung nach ArbSchG – Vorbereitung

Anlass der Gefährdungsbeurteilung

Unbeschadet der gesetzlichen Bestimmungen sind Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen:

  • als Erstbeurteilung an bestehenden Arbeits- und Tätigkeitsplätzen
  • bei jeder Änderung, die Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten beeinflussen könnte,
    z.B. bei:
  • Anschaffung neuer Geräte und Ausrüstungen
  • Änderung von Arbeitsverfahren und Tätigkeitsabläufen
  • Änderung der Einsatzorganisation und
  • Änderung neuer Arbeitsstoffe oder Verwendung neuer Materialien
  • in regelmäßigen Zeitabständen, insbesondere bei Änderungen von Vorschriften bzw. Veränderungen des Stands der Technik
  • nach Störfällen sowie
  • nach Auftreten von Arbeitsunfällen, Beinahe-Unfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen

Gefährdungsbeurteilungen lassen sich unterscheiden in:

  • die unfallabhängige, retrospektive Beurteilung und
  • die unfallunabhängige, prospektive, präventive Beurteilung

Die unfallabhängige (retrospektive) Beurteilung

Bei der unfallabhängigen Beurteilung steht die Aufklärung eines Unfalls oder einer arbeitsbedingten Erkrankung im Vordergrund. Ziel ist es, Maßnahmen zu ergreifen, um zukünftig die für das Ereignis ursächlichen Gefahrenquellen auszuschließen. Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Unfallstatistik, dass sie über einen längeren Zeitraum Einzelereignisse erfasst und daraus allgemeingültige Aussagen getroffen werden können.

Neben den meldepflichtigen Arbeitsunfällen sollen immer die nicht meldepflichtigen Unfälle und Beinahe-Unfälle auch ausgewertet werden.

Die unfallunabhängige (prospektive, präventive) Beurteilung

Der Gedanke der Prävention, d.h. der Vorbeugung möglicher Unfälle und Erkrankungen, wird mit der unfallunabhängigen Gefährdungsbeurteilung verfolgt. Gemäß dem Ziel des Arbeitsschutzgesetzes sollen rechtzeitig Gefahrenquellen mit ihren Gefährdungsfaktoren erkannt und vor Eintritt von Gesundheitsschäden beseitigt oder eingedämmt werden.

Entgegen der retrospektiven Gefährdungsbeurteilung ermöglicht die prospektive, präventive Beurteilung eine planbare Vorgehensweise. In der Praxis haben sich folgende Vorgehensweisen bewährt:

  • arbeitsbereichs- und tätigkeitsbezogene Beurteilungen
  • berufsgruppenbezogene Beurteilung
  • personenbezogene Beurteilung

Mitwirkende Personen

Die Verantwortung für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung obliegt dem Arbeitgeber. Er kann die Gefährdungsbeurteilung selbst durchführen, wird aber in aller Regel fachkundige Personen, z.B. Sicherheitsfachkräfte, Brandschutzbeauftragte sowie Mitglieder des Betriebsrats, bei der Gefährdungsbeurteilung mit heranziehen. Ab einer Betriebsgröße von 20 Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern ist auch der Arbeitsschutzausschuss (ASA) einzubinden (§ 11 ASiG).

Zudem ist es wichtig, auch die Beschäftigten selbst und ihre Erfahrung bei der Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen. In vielen Fällen wird es notwendig sein, die Gefährdungsbeurteilung in Zusammenarbeit mit betriebsfremden befähigten Personen durchzuführen.

Brandschutz

Nutzung von Daten und Hilfsmitteln

Vor Beginn einer Gefährdungsbeurteilung Brandschutz werden, ob verwendbare Unterlagen bereits vorliegen. Das können u.a. sein:

  • Protokolle von früheren Betriebsbegehungen
  • Betriebsanweisungen
  • Brandschutzpläne und Alarmpläne
  • Ergebnisprotokolle von Brandschauen
  • Gebrauchs- und Betriebsanweisungen für Geräte und Maschinen
  • Nachschlagewerke mit Gefahrstoffdaten
  • Gefahrstoffdatensysteme
  • Gefahrstoffschnellauskunft (GSA)

 

Erstellen einer Gefährdungsbeurteilung nach ArbSchG – Ermitteln der Gefährdungen

Ermittelt werden müssen alle Gefährdungen, die die Beschäftigten am Arbeitsplatz treffen können.

Nach § 5 ArbSchG ergeben sich Gefährdungen insbesondere aus:

  1. der Gestaltung und der Errichtung der Arbeitsstätte und des Arbeitsplatzes
  2. physikalischen, chemischen und biologischen Einwirkungen
  3. der Gestaltung der Auswahl und dem Einsatz von Arbeitsmitteln, insbesondere Arbeitsstoffen, Maschinen, Geräten und Anlagen sowie dem Umgang damit
  4. der Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren, Arbeitsabläufen und Arbeitszeit und deren Zusammenwirken und
  5. der unzureichenden Qualifikation und Unterweisung der Beschäftigten

 

Erstellen einer Gefährdungsbeurteilung nach ArbSchG – Bewerten der Gefährdungen

Grundlagen

Bewerten der Gefährdungen heißt, den Ist-Zustand mit dem unfallverhütungsgerechten bzw. gesundheitsgerechten Soll-Zustand zu vergleichen. Jede identifizierte Gefährdung muss bewertet und eine mögliche Gefahr als ein nicht mehr vertretbares Risiko eines Schadenseintritts abgewendet werden.

Feststellung des Handlungsbedarfs

Bei der Bewertung der Gefährdungen können folgende Beurteilungen festgestellt werden:

  1. Es liegt Sicherheit vor, es besteht kein weiterer Handlungsbedarf zur Risikominderung.
  2. Das verbleibende Restrisiko kann nicht akzeptiert werden, es liegt Gefahr vor und Maßnahmen zur Risikominderung werden notwendig.

Bewertungsverfahren

Die Bewertung der identifizierten Gefährdung kann u.a. erfolgen durch:

  1. Vergleich mit normierten Schutzzielen (Vergleich mit Soll-Zustand)
  2. Vergleich mit bewährten, sicheren, gesundheitsgerechten Lösungen und Maßnahmen bzw. mit gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen
  3. spezielle Methoden der Risikoeinschätzung

Vergleich des Ist-Zustands mit dem Soll-Zustand

Liegen Gesetze, Verordnungen, Vorschriften, Richtlinien usw. vor, die einen sicheren Soll-Zustand beschreiben (z.B. Grenzwerte, Mindestanforderungen, Mindestabmessungen), so werden Forderungen u.a. durch den Gesetzgeber aufgestellt, bei deren Einhaltung die Situation eines akzeptablen Risikos vorliegt. Das Ziel zur Gestaltung sicherer und gesundheitsgerechter Arbeitssysteme (Schutzziel) muss unter Einhaltung der Vorgaben erfüllt werden.
Es sollte somit immer zuerst geprüft werden, ob es staatliche oder berufsgenossenschaftliche Vorschriften mit normierten Schutzzielen gibt. Liegen diese vor, kann bei der Gefährdungsbeurteilung auf die Risikoeinschätzung verzichtet werden, weil diese bereits bei der Festlegung der normierten Schutzziele vorgenommen wurde.

Vergleich mit bewährten, sicheren, gesundheitsgerechten Lösungen und Maßnahmen bzw. mit gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen

Unter Einbeziehung des Stands der Technik und der gesicherten Erkenntnisse wird eingeschätzt, inwieweit das bestehende Risiko weiter vermindert werden kann.

Spezielle Methoden zur Risikoeinschätzung und Risikobewertung

Für jede identifizierte Gefährdung wird das Risiko qualitativ oder quantitativ beschrieben und nachfolgend bewertet. Die Bewertung einer Gefährdung entspricht der Einschätzung des Risikos.

Risikoeinschätzung

Zur Einschätzung und nachfolgenden Bewertung von Risiken gibt es in der Literatur zahlreiche Beispiele, die für das eigene Unternehmen entsprechend angepasst werden müssen.

Der Handlungsbedarf zur Risikominderung wird durch das im Unternehmen akzeptierte Risiko bestimmt. Unabhängig von dem im Unternehmen akzeptierten Risiko sind Gesetze, Verordnungen und Vorschriften einzuhalten.

Es gibt eine Reihe verschiedener Verfahren zur Risikoeinschätzung und Risikobewertung, die in einer Risikomatrix zusammengefasst werden. In einer Risikomatrix wird angegeben, wie hoch ein Risiko ist. Dabei wird gemäß der technischen Definition von Risiko meist in der einen Achse (y) die Eintrittswahrscheinlichkeit und in der anderen Achse (x) die Auswirkung des Schadens oder die Schadensschwere angegeben.

Neben der von Nohl aufgestellten Risikobewertung gibt es entsprechende Arbeitshilfen von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), von der Störfallkommission sowie insbesondere von den Unfallversicherungsträgern, die neben den allgemeinen Hilfen nach Branchen oder Tätigkeiten zusammengefasste Gefährdungskataloge zur Verfügung stellen. Diese Kataloge unterstützen den Arbeitgeber bei der Umsetzung des § 5 ArbSchG, wonach die Beurteilung je nach Art der Tätigkeiten vorzunehmen ist.

 

Erstellen einer Gefährdungsbeurteilung nach ArbSchG – Maßnahmen festlegen, durchführen, kontrollieren

Festlegen der Maßnahmen

Nach § 2 Abs. 1 ArbSchG sind Maßnahmen des Arbeitsschutzes im Sinne des Gesetzes Maßnahmen zur Verhütung von Unfällen bei der Arbeit und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren einschließlich Maßnahmen der menschengerechten Gestaltung der Arbeit. Unter dem Begriff menschengerechter Gestaltung der Arbeit versteht man insbesondere:

  • die Anpassung der Arbeit an die physischen und psychischen Eigenschaften des Menschen (Ergonomie), soweit damit auf die Verminderung der gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Arbeit für die Beschäftigten hingewirkt wird
  • die Berücksichtigung der individuellen Belastungsfähigkeit und individuellen Beeinträchtigung aufgrund körperlicher oder besonderer Lebenssituationen

Grundsätze zur Festlegung von Maßnahmen

Aus der Gefährdungsbeurteilung ergibt sich, ob bereits durchgeführte Maßnahmen zur Verhütung von Gesundheitsschäden ausreichend sind. Müssen weitere Maßnahmen ergriffen werden, so sind entsprechend § 4 ArbSchG folgende Grundsätze zu berücksichtigen:

  1. Die Arbeit ist so zu gestalten, dass eine Gefährdung für Leben und Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird.
  2. Gefahren sind an ihrer Quelle zu bekämpfen.
  3. Bei den Maßnahmen ist der Stand der Technik, die Arbeitsmedizin und die Hygiene sowie sonstige gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen.
  4. Maßnahmen sind mit dem Ziel zu planen, Technik, Arbeitsorganisation, sonstige Arbeitsbedingungen, Sozialbeziehungen und Einfluss der Umwelt auf den Arbeitsplatz sachgerecht zu verknüpfen.
  5. Individuelle Schutzmaßnahmen sind nachrangig zu anderen Maßnahmen.
  6. Spezielle Gefahren für besonders schutzbedürftige Beschäftigtengruppen sind zu berücksichtigen.
  7. Den Beschäftigten sind geeignete Anweisungen zu erteilen.
  8. Mittelbar oder unmittelbar geschlechtsspezifisch wirkende Regelungen sind zulässig, wenn dies aus biologischen Gründen zwingend geboten ist.

TOP-Regel

Als allgemeine Rangfolge für das Ergreifen von Maßnahmen zur Verhinderung von Unfall- und Gesundheitsgefährdungen gilt generell die TOP-Regel:

  1. T wie technische Maßnahmen
  2. O wie organisatorische Maßnahmen und
  3. P wie personen- und verhaltensbezogene Maßnahmen


Prinzipien zur Wahl der Maßnahmen

Zudem sollten Maßnahmen unter Beachtung der folgenden Prinzipien gewählt werden:

  1. Gefahrenquellen
    Es werden Maßnahmen ergriffen, dass Gefahrenquellen mit Gefährdungsfaktoren nicht entstehen bzw. vorhandene beseitigt werden.
  2. Gefahrenquellen werden nicht wirksam
    Ausschließen/Beseitigen des Wirksamwerdens der Gefahrenquelle durch sicherheitstechnische Maßnahmen
  3. Organisatorische Sicherheitsmaßnahmen
    Obwohl sicherheitstechnische Maßnahmen ergriffen werden, verbleiben Restgefährdungen, die durch organisatorische Maßnahmen zum räumlichen oder zeitlichen Trennen von Gefahrenquelle und Mensch beherrscht werden sollen.
  4. Nutzung persönlicher Schutzausrüstungen
    Verringerung der noch verbliebenen Unfall- und Erkrankungsrisiken durch Anwendung von persönlicher Schutzausrüstung.
  5. Voraussetzungen für ein sicherheitsgerechtes Verhalten der Beschäftigten schaffen

Durchführen der Maßnahmen

Nachdem notwendige Maßnahmen ausgewählt wurden, müssen diese von den jeweiligen Betrieben oder zuständigen Stellen bestätigt werden. Es hat sich in der Praxis bewährt, dass die Zustimmung in der Dokumentation festgehalten wird. Mit der Zustimmung werden gleichzeitig die Verantwortlichen und die Termine festgelegt. Die Termine zur Durchführung leiten sich in der Regel aus der Dringlichkeit der Maßnahme ab, die sich aus der Bewertung der Gefährdung ergab.

Kontrollieren der Maßnahmen

Zur Kontrolle, ob eine Maßnahme durchgeführt wurde, muss ein Verantwortlicher festgelegt sein. Neben einem formellen Bestätigungsvermerk zur Einhaltung des gestellten Termins in der Dokumentation muss die Wirksamkeit der getroffenen und durchgeführten Maßnahmen vor Ort überprüft werden (z.B. Nachfolgemessungen).

Oftmals ist es notwendig, die Wirkung einer durchgeführten Maßnahme über einen längeren Zeitraum zu beobachten (z.B. Verlauf des Krankenstands, Entwicklung bei den Arbeitsunfällen).

Wurde das Ziel durch die Maßnahme erreicht, ist es nachfolgend erforderlich zu überprüfen, ob der eingetretene Zustand erhalten bleibt oder ob ggf. ergänzende Maßnahmen (z.B. zusätzliche Schulungen) notwendig werden.

Das Kontrollieren der Maßnahmen umfasst somit:

  • die Durchführungskontrolle
  • die Wirkungskontrolle
  • die Erhaltungskontrolle

 

Erstellen einer Gefährdungsbeurteilung nach ArbSchG – Fortschreiben von Gefährdungsbeurteilungen

Der Prozess der Gefährdungsbeurteilung kann nie als abgeschlossen betrachtet werden. So können beispielsweise neue Gefährdungen durch

  • die Umgestaltung von Verfahren,
  • die Veränderung der Arbeitsorganisation,
  • die Anschaffung neuer Geräte oder Maschinen,
  • den Einsatz von Fremdarbeitskräften und
  • Veränderungen im betrieblichen Ablauf

auftreten. Gleichfalls können

  • Störfälle,
  • Arbeitsunfälle oder das
  • Auftreten von arbeitsbedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen

eine neue Gefährdungsbeurteilung notwendig machen.

Veränderungen im Stand der Technik, neue Erkenntnisse und damit auch geänderte Vorgaben in Gesetzen, Vorschriften und Normen verpflichten den Arbeitgeber zu einer regelmäßigen Überprüfung von Sicherheit und Gesundheitsschutz seiner Beschäftigten und damit auch zum Fortschreiben der Gefährdungsbeurteilung.

Präventiv arbeiten heißt, vorbeugend Unfälle und Erkrankungen zu verhindern. Will man nicht nur korrigierend, d.h. kostenintensiv, in bestehende Prozesse eingreifen, muss man von Anfang an den Arbeitsschutz in die Geschäftsprozesse einbinden.

Fortschreiben der Gefährdungsbeurteilung heißt aber auch überprüfen, inwieweit diese Integration vorgenommen wurde. Ziel muss es sein, Gefahrenquellen mit ihren Gefährdungsfaktoren schon in der Konzeption auszuschließen.

Autor: Oliver Schonschek 

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