22.04.2021

Wertschöpfungspotenziale im Einkauf bleiben ungenutzt

Von der Hand in den Mund – diesen Eindruck erwecken derzeit die Einkaufsbemühungen von Unternehmen in aller Welt. Ihr Mangel: nicht strategisch angelegt, zu wenig innovativ, nicht partnerschaftlich. Folge: Immense Wertschöpfungspotentiale bleiben immer noch ungenutzt.

Wertschöpfungspotenziale

Spitzenleistung im Einkauf

Nur sieben Prozent aller Unternehmen weltweit bringen Spitzenleistung im Einkauf und generieren Wert. Laut einer globalen Studie bleiben so Chancen liegen, die langfristige Einkaufsstrategien mit Innovationspartnerschaften bieten. Was oft übersehen wird: Unternehmens- und Einkaufsperformance hängen voneinander ab. Deswegen bleiben Wertschöpfungspotenziale in Milliardenhöhe ungenutzt. Dabei gehört ein intern und extern bestens vernetzter Einkauf zum Aushängeschild eines Top-Unternehmens.

Assessment of Excellence in Procurement

Dies ist das Ergebnis der Studie „Assessment of Excellence in Procurement“ (AEP), die 2020 die Unternehmensberatung Kearney zum zehnten Mal seit 1992 zur Anwendung von Beschaffungspraktiken und ihre Auswirkungen auf die Unternehmensergebnisse durchführt. Die Benchmark-Studie untersuchte über 370 teilnehmenden Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Regionen weltweit mit einem Jahresumsatz von mindestens zwei Milliarden US-Dollar.

Ernüchterndes Ergebnis

Das Ergebnis bezeichnen die Marktforscher als „ernüchternd“. Nur sieben Prozent der Unternehmen fallen in das Segment der Spitzenleiter in der Beschaffung. Sie unterscheiden sich mit einem fast fünfmal höheren Ergebnisbeitrag und 33 Prozent höheren durchschnittlichen Margen von den Vergleichsgruppen:

  • High Potentials acht Prozent,
  • Mittelfeld 50 Prozent
  • Nachzügler 35 Prozent.

Die Spitzenleister gingen nach strategischen Anforderungen vor wie:

  • Nachhaltigkeit
  • Produkt- und Dienstleistungsinnovation

Plattformökonomischer Ansatz

Kernelement ihres Erfolges sehen die Marktforscher in einem plattformökonomischen Ansatz. Dieser ziele über unmittelbare Kostenüberlegungen hinaus auf die Schaffung langfristiger struktureller Vorteile in der gesamten Lieferkette ab.

„Mehr als 90 Prozent der Unternehmen schöpfen das Potenzial im Bereich Beschaffung nicht aus“, sagt Dr. Michael F. Strohmer, Partner und Leiter des Bereichs Procurement bei Kearney.
Dabei könne gerade jetzt die richtige Plattformstrategie in Kooperation mit Zulieferern zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.

Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Zulieferern

Doch nicht nur bei der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und ihren Zulieferern ließen sich ungenutzte Potenziale erschließen, sondern auch bei der Einführung dafür nötiger Systeme. So kooperierten Spitzenleister mit digitalen Start-ups mit innovativen Werkzeugen zum Einkaufs- und Lieferantenmanagement. Sie wollten in allen Bereichen agiler und somit zu jeder Zeit wettbewerbsgerecht positioniert sein, so Strohmer.

Auslagerung von Kosten

Immer mehr Unternehmen hätten erkannt, dass die alleinige Auslagerung von Kosten keinen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil bringe. Vielmehr lasse sich die Wertschöpfung insgesamt bedeutend erhöhen, indem die Unternehmen ihre Zulieferer entlang der gesamten Lieferkette in Prozesse einbänden.

In diesem Zusammenhang verweist Strohmer auf die Beschaffung der Covid-19-Impfstoffe durch die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten. Seiner Ansicht nach ein „abschreckendes Beispiel“. Es zeige die Folgen von Versuchen, innerhalb kurzer Zeit ein Produkt mit komplexer Lieferkette in großen Mengen zu beziehen, sich dabei zu stark am Preis zu orientieren und nicht an den Gesamtbetriebskosten.

Entscheidende Faktoren für den Erfolg

Wer Erfolg im Einkauf haben möchte, sollte auf drei entscheidende Faktoren setzen:

  • Team-Exzellenz: Talent-Management spielt eine wichtige Rolle. Wer seine Mitarbeiter weiterbildet, herausragende Leistungen fördert und digitale Technologien nutzt, kann für hohe Wertschöpfung im Einkauf sorgen.
  • Kategorienmanagement: Spitzenleistung bei der Warengruppenstrategie reduziert die Kosten und generiert ca. 73 Prozent des Mehrwerts in der Beschaffung.
  • Lieferantenmanagement: Herausragende Lieferanten erfüllen vertragliche Verpflichtungen und tragen zur Vermeidung von Einkaufsrisiken bei.

Im Sinne besseren Einkaufs empfehlen die Experten Anstrengungen bei der eigene Strategie. Das Mittelfeld sollte seine Wertschöpfung über ein breiteres Spektrum ausdehnen, die Spitzenleister müssten im Unternehmen ein Umfeld der Anerkennung schaffen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)