04.06.2018

Absturzunfälle: Auch geringe Höhen sind gefährlich

Tätigkeiten mit Absturzgefahr gelten grundsätzlich als gefährliche Arbeiten und müssen besonders gesichert sein. Forscher der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin haben die Ursachen für Absturzunfälle untersucht und dabei festgestellt, dass nicht tragfähige Bauteile und das Fehlen von Sicherheitsvorkehrungen wesentliche Gründe sind.

Absturzunfälle

Wer bei der Arbeit hoch hinaus will, lebt gefährlich. Das belegt eine Auswertung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Die BAuA-Forscher haben 400 Absturzunfälle mit tödlichem Ausgang untersucht. Bei einem Drittel der Unfälle spielen nicht tragfähige Bauteile eine Rolle. Die Statistik weist auch aus, dass Arbeiten in geringen Höhen nicht unterschätzt werden dürfen, denn jeder zehnte tödliche Absturz erfolgte aus einer Höhe unterhalb von zwei Metern. Auch Erfahrung hilft nicht bei Arbeiten in der Höhe. Eines der wichtigsten Merkmale dieser Unfälle ist jedoch das Fehlen von Sicherheitsvorkehrungen: Bei einem Drittel der Unfälle fehlten diese vollständig. Die konsequente Nutzung von Sicherheitsvorkehrungen ist deshalb der wesentliche Hebel, um Todesfälle durch Abstürze aus großer Höhe zu verhindern.

Arbeitnehmer geeignet?

Arbeiten mit Absturzgefahr sind zwar kein Auslöser für eine Pflicht- oder Angebotsvorsorge. Dennoch ist der Arbeitgeber in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Arbeitnehmer gesundheitlich in der Lage sind, gefährdende Tätigkeiten sicher auszuüben. Die Frage stellt sich insbesondere dann, wenn die Mitarbeiter ihre Tätigkeit teilweise ohne Sicherung durchführen müssen. Die Fallhöhe spielt dabei grundsätzlich keine Rolle. Eine Eignungsvorsorge, die z. B. einen Seh- und Hörtest sowie ein EKG und den Einfluss etwaiger Medikamenteneinnahme beinhaltet, soll besondere Gefährdungen aufdecken, auf die der Arbeitgeber unter Umständen reagieren muss (Zuweisung anderer Aufgaben, besondere Schutzmaßnahmen).

Sicherheit durch drei Systeme

Grundsätzlich können Beschäftigte durch drei Systemtypen vor Absturzunfällen geschützt werden:

  • Weghaltesysteme sollen mit ihren Absperrungen verhindern, dass Mitarbeiter überhaupt erst an eine Absturzkante gelangen. Öffnungen oder Vertiefungen müssen bewehrt oder begehbar und abgedeckt oder mit tragfähigem Material verfüllt sein, das sich nicht verschieben lässt. Das Prinzip: Wer gar nicht in die Nähe der Gefahrstelle kommt, kann auch nicht abstürzen.
  • Auffangsysteme sollen stürzende Personen auffangen und einen Aufprall verhindern. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn Weghaltesysteme aus technischen Gründen nicht anwendbar sind. Beispiele für Auffangsysteme sind Schutznetze und Fanggerüste.
  • Kommen weder Weghaltesysteme noch Auffangsysteme in Frage, können nach Anhang 1, Nummer 3.1.5 Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) und Nr. 4.2 ASR A2.1 im begründeten Einzelfall auch PSA gegen Absturz (PSAgA) verwendet werden. Ein Beispiel dafür sind mitlaufende Haltesysteme (siehe Beispiel Flachdach). Die zu benutzende persönliche Schutzausrüstung muss sich aus der Gefährdungsbeurteilung ergeben.

Der Einsatz von Einrichtungen gegen Absturz nach § 12 Abs. 1 DGUV Vorschrift 38 bzw. 39 „Bauarbeiten“ und der Technischen Regel für Betriebssicherheit „Gefährdung von Personen durch Absturz“ (TRBS 2121) hat Vorrang vor dem Gebrauch von persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz. Bei Klettervorgängen (z. B. an Masten) sollen Haltesysteme genutzt werden. Sie halten Arbeitnehmer in einer bestimmten Position und verhindern einen Absturz, etwa beim Steigen.

Absturzunfälle bei geringen Höhen

Auch Hilfsmittel, mit denen Arbeitnehmer in geringe Höhen aufsteigen, müssen regelmäßig überprüft werden. Dazu gehören Leitern und Tritte, die entsprechend der Betriebssicherheitsverordnung z. B. auf Verformung, Beschädigung,
scharfe Kanten, Abnutzung, gute Befestigung und Vollständigkeit zu prüfen sind. Die Prüfung ist zu dokumentieren. Die Zeitabstände richten sich nach den Betriebsverhältnissen. Dies kann bei andauerndem oder mit hoher Beanspruchung verbundenem Einsatz der Leitern sogar eine tägliche Prüfung durch eine sachkundige Person bedeuten.

Keine Alleinarbeit erlaubt

Arbeiten mit Absturzgefahr gehören grundsätzlich zu den „Gefährlichen Arbeiten“, bei denen Alleinarbeit verboten ist. Es muss stets zu zweit gearbeitet werden, um schnell Hilfe holen zu können. Dies gilt auch dann, wenn es umfangreiche
Auffangsicherungen gibt, denn auch hier kann es beispielsweise durch eine Schockwirkung oder einen Blutstau zu starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen.

Beispiel Flachdach

Flachdächer bieten den Vorteil, dass Arbeitnehmer sich bei Abstand von den Rändern sicher bewegen können. Deshalb kommen hier meist Absperrungen zum Einsatz, die verhindern, dass sich die Mitarbeiter einer Absturzkante überhaupt nähern. Für Arbeiten an der Absturzkante werden häufig Seilsicherungssysteme verwendet. Hierbei wird ein Seil mit einer Gleitvorrichtung entlang der Absturzkante montiert. An diese Gleiter hängen sich die Arbeitnehmer an und werden so bei Stürzen aufgefangen. Gleichzeitig bleiben sie für die Erledigungen ihrer Aufgaben flexibel und können sich auch über längere Strecken bewegen.

Stürze von Fahrzeugen

Häufig stürzen Arbeitnehmer beim Be- und Entladen oder beim Reinigen von Lkws von den Fahrzeugen. Hier kann schon bei der Fahrzeuganschaffung darauf geachtet werden, dass das Öffnen und Schließen vom Boden aus möglich ist. So lassen sich Planen besser zur Seite schieben („Schiebeplane“), als sie nach oben werfen zu müssen, was häufiges Klettern an den Fahrzeugen zur Folge hat. Ist es unumgänglich, dass Arbeitnehmer sich am Fahrzeug in der Höhe bewegen, sollten entsprechende Hilfsmittel wie kurze, trittsichere Leitern so zur Verfügung gestellt werden, dass sie in unmittelbarer Nähe des Aufstiegs gelagert sind (z. B. angebracht an Halterungen direkt am Fahrzeug). Denn nur dann werden diese Hilfsmittel im Arbeitsalltag auch wirklich genutzt.

Ein Problem ist in jedem Winter die Entfernung von Schneelasten auf Lkws. Dies muss vor Fahrtantritt geschehen, damit durch abrutschenden Schnee während der Fahrt niemand zu Schaden kommt oder die Fahrsicherheit beeinträchtigt wird. Damit dies gefahrlos geschehen kann, sollten Schneegerüste, die es mittlerweile auch an Autobahnraststätten gibt, auf dem firmeneigenen Parkplatz zur Verfügung gestellt werden. Damit wird gefährliches Klettern auf dem Fahrzeug vermieden. Abstürze passieren häufig auch dadurch, dass die Fahrzeuge nicht gerade, sondern schräg an die Rampe herangefahren werden und deshalb die Ladebrücke nicht richtig aufliegt. Wichtig sind hier Hilfsmarkierungen.

Autor: Markus Horn