11.07.2022

BASF digitalisiert LKW-Abfertigung

Jede Sekunde zählt – zumal bei der Abfertigung von LKW bei der Anlieferung bei Großabnehmern wie dem Ludwigshafener Chemiekonzern BASF. Papierkrieg und Rohrpost im Wareneingang war gestern – jetzt sind App und EDV angesagt. Kern der Technik: das Dtex-Projekt.

LKW-Abfertigung

Fehlerfreie Transportabwicklung bei BASF Ludwigshafen

2.500 LKW – ungefähr so viele soll das Projekt „digital Transport Execution“ (Dtex) pro Tag bei BASF in Ludwigshafen abfertigen. Es entsteht dort derzeit am Stammsitz des Unternehmens. Sein Kernpunkt sind umfassende Digitalisierung und Automatisierung aller Abfertigungsprozesse unter Nutzung innovativer Technologien für eine schnelle und fehlerfreie Transportabwicklung. Die volldigitale, cloud- und sensorik-gestützte LKW-Abfertigung mit direkter Zufahrt zum Werksgelände erfolgt ganz ohne persönliche Anmeldung vor Ort. Der LKW-Fahrer braucht dazu nicht einmal mehr auszusteigen.

CTC von BGL/Trusted Carrier

BASF hat sich für den Service der Initiative „Chemical Trusted Carrier (CTC)“ des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V. von Trusted Carrier (TC) entschieden. Ab Frühling 2023 sollen erste Transportpartner und deren Fahrer digital über CTC und die Wallet-App mit dem Dtex-System kommunizieren können. Alle für den Auftrag benötigten Daten würden von da an vorab geprüft und ausgewertet zur Verfügung stehen. Für CTC-Transportpartner sei damit eine volldigitale Abfertigung mit  direkter Werkszufahrt auf Grundlage transportauftragsbezogener LKW-Steuerung und ohne Wartezeiten, möglich. Das Dtex-System startet laut Angaben stufenweise ab Mitte 2023. Der Roll-out werde dann bis Mitte 2024 erfolgen. Interessierte Transportpartner könnten sich bereits schon jetzt registrieren.

TC – BGL-Initiative einer universellen Schnittstelle

Die Trusted Carrier GmbH & Co. KG wurde 2021 auf Initiative des BGL als offenes Angebot einer universellen digitalen Schnittstelle zwischen Transportpartnern und verladender Industrie gegründet. Transportpartner können das Portal zur einmaligen Registrierung und Erfassung der Fahrzeug-Stammdaten nutzen. TC prüft sie vollständig und wertet sie aus. Die Fahrer werden mit der im Telefon hinterlegten Biometrie verknüpft. Die geprüften Daten werden dann der verladenden Industrie über die mobile Wallet-App für Fahrer bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt, über das Design konform zur Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Die App sie kompatibel zu den Mobilfunkstandards Android und iOS und kostenlos erhältlich. Die Abrechnung des Dienstes erfolgt transparent je nach Nutzung.

Räder sollen rollen statt stehen

Mit CTC hat sich BASF vorausschauend für ein offenes branchenweites System entschieden. Man verspricht sich davon, dass es insbesondere den Transportpartnern administrativen Aufwand spart. Die App und bei Trusted Carrier digital hinterlegte Daten können bedarfsgerecht an jedem Industriestandort eingesetzt werden. Dies soll dazu beitragen, dass „branchenweit die Räder rollen, statt zu stehen“, so die BGL in einer Mitteilung an die Presse.

Wesentliche Abfertigungsschritte beschleunigt

Ralf Busche, BASF-Senior Vice President European Site Logistics Operations, begrüßt die Kooperation: „Gemeinsam mit dem Trusted Carrier Team wollen wir ein so wichtiges Projekt vorantreiben.“ Mit diesem Grad an Digitalisierung und Automatisierung würden die wesentlichen Abfertigungsschritte beschleunigt für:

  • BASF-Mitarbeiter,
  • Spediteure und
  • Kunden.

Der manuelle Prüfaufwand werde so verringert und die Effizienz in der gesamten LKW-Abfertigung erhöht. Neben den großen Optimierungspotenzialen, welche dieses Projekt bietet, entwickel man hier richtungsweisende Lösungen für die Zukunft, so Busche.

Start Februar 2021 bei Henkel Düsseldorf-Holthausen

Im Februar 2021 wurde mit dem Einsatz der TC·Waliet App am Standort Henkel Düsseldorf-Holthausen begonnen. Seitdem wurden mehrere tausend digitale Voranmeldungen am Standort durchgeführt, wodurch laut „Specialist media Februar 2022“ Fahrer ihre Warte- und Erfassungszeiten reduzieren konnten. Für die Standortmitarbeiter können durch vorab validierte Daten Prüf· und Erfassungsaufwände vermieden werden. Alle Beteiligten hätten erheblich Zeit eingespart. Gleichzeitig unterstützten die kontaktlosen Vorgänge die Pandemieanstrengungen am Standort.

Die gemeinsamen Anstrengungen mit der chemischen Industrie nahmen gleich zu Beginn des Jahres 2022 Fahrt auf für die automatisierte Zufahrt. Durch die wegfallende Notwendigkeit für Fahrer, zur Registrierung am Standort aussteigen zu müssen, habe man Warteschlangen umgehen können. Die Beteiligten gewönnen somit Zeit und Kapazität. Möglich werde das durch die im Voraus vollständig ausgewerteten und zur Verfügung gestellten Daten für Transportpartner und Fahrer als digitale „Trusted Data“ für die effiziente digitale Zusammenarbeit zwischen Transportpartnern und Verladern.

Von führenden LKW-Fahrern empfohlen

„Die App nutze ich jeden Tag mehrfach. Sie vereinfacht meinen Arbeitsalltag durch wegfallende Check-In Dokumente, die sonst per Hand aus gefüllt werden müssen und einem zusätzlichen Check-In mit dem Voranmeldeterminal. Die Abfertigung am Standort durch die gut geschulten Mitarbeiter erfolgt problemlos und schnell. Ich verbringe so weniger Zeit mit Anstehen und Warten“, zitiert der BGL-Bericht den Fahrer der Spedition Bertschi, Patrick Wuthe als Nutzer der ersten Stunde bei Henkel in Holthausen.

„Ein sehr gut durchdachtes, zeitsparendes Produkt und dank einfachem Handling ein Gewinn für unsere Fahrer am Standort, den wir mehrfach täglich anfahren“, ergänzt Nicki Digga, Disponent bei Bertschi. Das erleichtere nicht nur den Alltag für die Fahrer, sondern auch für die Disponenten, die kundeneigene Systeme pflegen müssen. Sie könnten mit Hilfe der App wertvolle Zeit sparen. Trusted Carrier arbeitet gemeinsam mit Transportpartnern und Verladern für 2022 an vielen neuen Funktionen. Im ersten Halbjahr 2022 soll hinzukommen die Speicherung in der Wallet-App und Auswertung von:

  • Schulungsnachweise,
  • Sicherheitsunterweisungen und
  • andere Dokumente
  • ohne Papier und Zettelwirtschaft
  • sicher und digital gespeichert.

Sollten diese Dokumente für einen Transport erforderlich sein, können diese jederzeit digital und in Echtzeit zur Verfügung gestellt werden.

Abwicklung über Cloudsystem

Zur Beschleunigung der Transportabwicklung und Logistik werden modulare „Trusted Data“ erfasst. Unterschiedliche Branchen haben hierbei jeweils eigene spezifische Anforderungen an ihre Transportpartner. Deshalb wurde zunächst eine eigene Lösung für die chemische Industrie als Pilotindustrie namens „CTC“ (Chemical Trusted Carrier) aufgesetzt. Beim eingesetzten System handelt es sich um ein speziell auf die Anforderungen der Chemieindustrie angepasstes offenes Cloud System mit flexibler Nutzung über Standard-Schnittstellen. Transportpartner laden ihre Stammdaten einmalig in das CTC-System. Verlader konfigurieren ihre Datenanforderungen und können die Daten eines Transports im gewünschten Format direkt aus der CTC-Cloud abrufen. Dank der zentralen Datenprüfung durch das CTC-Backoffice erhält der Verlader immer vollständige und qualitätsgesicherte Daten. Die Vergütung des Dienstes erfolgt im „Pay per Use“-Preismodell, pro Nutzung und jeweils anteilig an Verlader und Transportpartner abgerechnet.

Drei Kernfunktionen

Derzeit werden drei Kernfunktionen angeboten, die alle Aspekte zur digitalen Transportabfertigung beinhalten:

  • vCard zeigt das Kurzprofil des beteiligten und von CTC als vertrauenswürdig geprüften Transportunternehmens.
  • Asset enthält die geprüften Stammdaten der Fahrzeugkomponenten derjenigen Transportunternehmen, die von TC validiert sind und digital abgerufen werden können.
  • Wallet ist die TC-Fahrpersonal-­App mit biometrischer Authentifizierung. Sie übermittelt die benötigten Fahrpersonaldaten und ermöglicht gleichzeitig die Kommunikation zwischen Fahrpersonal und Verladern.

Auf Basis des Systems wird die komplett digitalisierte Transportabfertigung ermöglicht. Ein angeschlossener Standort erhält digital und automatisiert bereits im Vorfeld. alle Transportdaten:

  • Auftrag,
  • Fahrer,
  • Transportkomponenten.

Konformität zu Auftrag und logistischem Prozess

Basierend auf den zuvor durch TC geprüften Qualitätsdaten, kann beim Verlader sofort die Konformität zu Auftrag und logistischem Prozess überprüft werden. Direkt in die TC-App kann dann z.B. ein Barcode oder eine PIN gesendet werden, der für diesen Transport die direkte Zufahrt – ohne weitere Anmeldung oder nochmaliges Anhalten – aufs Werksgelände ermöglicht. Das System beschleunigt darüber hinaus vor Ort auch die persönliche Transportanmeldung. Mit der TC-App kann der Fahrer mit einem Klick seine Transportdaten in Form eines Barcodes für eine Überprüfung zur digitalen Datenübernahme zeigen – manuelle Eingaben und Prüfaufwände entfallen.

Beschleunigung der Transportabwicklung

Eine Vereinfachung sowie Beschleunigung der Transportabwicklung durch Digitalisierung ist für Verlader wie Transportunternehmen von Vorteil. Dirk Engelhardt, Vorstandsprecher der BGL: „Von unseren Mitgliedern haben wir gelernt, dass der zur Transportabwicklung notwendige Datenabgleich zwischen den Logistikpartnern in Bezug auf Transportauftrag, eingesetzte Fahrer und Transportkomponenten äußerst aufwendig und auch fehleranfällig sein kann. Daraus entstand die Idee, alle benötigten Daten nur einmalig zentral zu erfassen und alles vorab objektiv zu prüfen, um sie dann mit dem Gütesiegel geprüft bzw. trusted digital den Transportbeteiligten zur Verfügung zu stellen. Mit dieser Anforderung ist TC seit 2019 in die Umsetzung gegangen und hat gemeinsam mit dem BGL-Arbeitskreis Chemielogistik sowie Industriepartnern daraus den Chemical Trusted Carrier für die Pilotbranche Chemie abgeleitet.

Chemische Industrie mit höchsten Anforderungen

Die chemische Industrie mit ihren bekanntlich höchsten Anforderungen an Sicherheit von Abläufen und Transporten sowie die spezialisierte Transportwirtschaft hätten die TC-Lösung mit allen Diensten „wirklich gut“ aufgenommen, so Engelhardt. An den meisten Standorten der Branche seien die Abwicklungskapazitäten bereits heute ausgelastet. Das führe schnell zu unproduktiven Warte- und Standzeiten. Engelhardt: „Transporte nun bereits vor der Ankunft am Standort zu validieren und ohne Anzuhalten direkt zur Laderampe zu schicken, entlastet Personal und Infrastruktur – und schafft damit zusätzliche Kapazität für erhöhte Abfertigungsvolumina.“

Als offenes System für die ganze Branche arbeitet TC mit dem Verband der chemischen Industrie VCI zusammen, ebenso wie mit der International Road Transport Union IRU als internationalem Dachverband des BGL.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)