29.04.2021

Dank EVI werden Fahrzeuge künftig digital erkannt

Zufahrtkontrolle, Maut, Umweltzone – für den umweltfreundlichen Transport von Menschen und Waren reichen herkömmliche Kfz-Kennzeichen bald nicht mehr aus. Die Grundlage für Smart City und KI-Transport ist die elektronische Fahrzeugerkennung, kurz EVI.

EVI digital

Chip unters Blech

Es hört sich an wie Verschwörungstheorie à la Bill Gates. Der Unterschied: ein Chip wird (noch) nicht dem Menschen unter die Haut appliziert, sondern seinem Lieblingsspielzeug, dem Auto unters Blech. Doch beginnen wir von vorn:

Shenzhen ist eine Megacity im Süden Chinas mit zwölf Millionen Einwohnern und 3,5 Millionen Autos und mit über 500 Pkw pro Straßenkilometer der größten Automobildichte in ganz China. Folge: Staus, soweit das Auge reicht. Die Stadt arbeitet auf Hochdruck an einem intelligenten Verkehrsmanagement-System.

KI-gesteuerte Ampeln erweitern das Handlungsspektrum der Behörden, eine endgültige Lösung für die Verkehrsmassen sind sie nicht. Jochen Betz, Geschäftsführer beim Hersteller von Kfz-Kennzeichen Tönnjes in Delmenhorst glaubt, dass die elektronische Fahrzeugerkennung (electronic vehicle identification – EVI) eine Grundlage für Smart City-Anwendungen darstellt. Sie ermögliche wirkungsvolle und zeitgemäße Identifikationsprozesse. Kern der RAIN-RFID-Technologie für drahtlose Kommunikation zwischen Kfz-Kennzeichen auf der einen und autorisierten Lesegeräten auf der anderen ist der RFID-Chip. Das Anwendungsspektrum von EVI sieht Betz in:

  • gezielter Verkehrsführung,
  • Zufahrtskontroll- und
  • Mautsysteme,
  • Umweltzonen,
  • Bezahlvorgänge bei Brücken- oder Fährüberfahrten,
  • Schutz vor Fahrzeugdiebstahl oder
  • Kennzeichenfälschung.

RAIN-RFID von Kathrein

Betz‘ Unternehmen ist federführend bei der Entwicklung von Soft- und Hardware als Voraussetzung für elektronische Fahrzeugerkennung. In Zusammenarbeit mit dem bayrischen RAIN-RFID-Hardware-Hersteller Kathrein Solutions und dem Unternehmen für Halbleiter NXP stellt Tönnjes das RFID-Kennzeichen „Ideplate“ und den Windschutzscheibenaufkleber „Idestix“ her. Die Technologie ist im Einsatz etwa bei der arabischen Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco in der Zufahrtskontrolle auf dem Betriebsgelände. Die Philippinen statten Roller und Motorräder mit dem Idestix Headlamp-Tag aus, einer RFID-Vignette für den Frontscheinwerfer.

Passive Chips im Verkehr

Sowohl die fälschungssicheren Kennzeichen als auch die Aufkleber, die sich beim Ablösen selbst zerstören, sind mit einem speziell hergestellten, passiven RAIN-RFID-Chip, dem „Ucodedna von NXP, ausgestattet. Dieser übermittelt Daten kontaktlos über mehrere Meter. Der Chip enthält eine verschlüsselte einmalige Identifikationsnummer. Autorisierte Lesegeräten können sie im Verkehr entziffern, egal ob ruhend oder fließend.

Betz plädiert dafür, alle Fahrzeuge jedes Landes damit auszustatten. Nur so seien Sicherheit und Transparenz garantiert. Sind Fahrzeuge erstmal mit diesen passiven Transpondern ausgestattet, könne diese Technologie für weitere Applikationen wie Maut, Straßengebühren, Parken, Tanken und Zufahrtskontrollen verwendet, erklärt Christian Schnebinger von Kathrein. Bei passiven UHF RFID handelt es sich um einen weltweiten Standard. Das schaffe Flexibilität und sei überdies nutzerfreundlich. Bei diesen batterielosen Transpondern entfalle sämtliche Wartung.

Vier Milliarden Tonnen Transportaufkommen im Straßenverkehr

Dass die elektronische Fahrzeugerkennung in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnt, belegen die drei Firmen mit Statistiken des deutschen Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) von Autobahnen. Demnach soll sich das Transportaufkommen im Straßenverkehr allein in Deutschland bis 2023 auf knapp vier Milliarden Tonnen beziffern. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren war von lediglich 3,4 Milliarden Tonnen die Rede. Die Corona-Pandemie habe zudem laut BAG direkte Auswirkungen auf die Lkw-Fahrleistung. Die ist seit Pandemiebeginn in der Bundesrepublik um 5,5 Prozent gestiegen – wegen des zunehmenden Lieferverkehrs, wie man bei Tönnjes vermutet.

RFID-Technologie Schlüssel zur Digitalisierung

„Mit unserer Technologie und dem kombinierten Know-how tragen wir dazu bei, dass Behörden und Zulassungsstellen in Zukunft deutlich effizienter arbeiten können werden“, erklärt Ralf Kodritsch bei NXP.
Seiner Meinung nach bildet die Nutzung von RFID-basierten Technologien darüber hinaus eine Grundlage, um den gesamten Bereich der Fahrzeugerkennung umfassend und zeitnah zu digitalisieren.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)