23.02.2018

Arbeitgeber beugen Amokläufern im Betrieb vor

Bei dem Amoklauf an einer Schule in Florida letzte Woche starben 17 Menschen. Der Attentäter ist ein 19 Jahre alter ehemaliger Schüler. Er hat den Mord gestanden. Seither diskutiert man verstärkt, wie umgehen mit Amok-Läufern – übrigens ein Problem, das auch Arbeitgeber interessiert.

Drohung mit Waffe

Drohbrief gegen Lehrer eines Berufskollegs

Eine Schülerin kündigte vergangenes Jahr in einem anonymen Brief die Erschießung mehrerer Lehrer des Emschertal-Berufskollegs (EBK) an. Nun wurde sie verurteilt. Laut einem Bericht in der „WAZ“ wollte sie ein wenig Aufmerksamkeit. Dafür säte sie panische Angst. Nach einer Drohung mit einem Amoklauf im EBK hat ein Gericht sie Mittwoch letzter Woche zu 100 sozialen Arbeitsstunden verurteilt. Am selben Tag erschoss in Florida der Schüler einer Schule 17 Menschen.

Amokläufe in USA und anderswo

Besonders häufig kommt es in den USA zu Amokläufen. Im Dezember 2012 starben in der Kleinstadt Newtown 27 Menschen von der Hand eines Todesschützen, darunter 20 Grundschüler. Aber auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Amokläufen, zuletzt unter anderem in Erfurt, Winnenden und München. Der wohl folgenschwerste Amoklauf der letzten Jahrzehnte wurde laut „statista.com“ 2011 vom Norweger Anders Behring Breivik verübt. Dabei starben in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen. Der Amoklauf mit den meisten Todesopfern in Deutschland ereignete sich in Erfurt am 26. April 2002. Dort tötete der 19-jährige Robert Steinhäuser elf Lehrer, zwei Schüler, eine Referendarin, eine Sekretärin und einen Polizisten.

Richterin: „Alle hatten Todesangst“

Angela Coenen, Richterin im Fall der Schülerin am EBK, erinnerte in der Urteilsbegründung vor allem an die gravierenden Folgen, die der Amok-Brief vom 18. September 2017 angerichtet hatte. Mehrere Lehrer, deren Erschießung in dem Brief namentlich genannt wurden, meldeten sich krank. Schüler, zu denen der angedrohte Amoklauf trotz schulintern verordneten Stillschweigens durchgesickert war, fehlten anschließend. „Alle hatten Todesangst, weil sie sich völlig zu Recht vor einem Amoklauf gefürchtet haben“, sagte Richterin Coenen. Als Motiv legte sich das Jugendschöffengericht auf einen Mix aus Wut, Verzweiflung und Geltungsbedürfnis fest.

Kugel in den Kopf

„Dieser Amoklauf wird in die Geschichte eingehen. Ich knalle einer Lehrerin nach der anderen eine Kugel in den Kopf.“ So oder so ähnlich hatte laut „WAZ“ die 20-Jährige Wanne-Eickelerin in dem Brief gedroht. Die letzte Kugel, so soll sie geschrieben haben, werde den Schulleiter treffen. Eine Art Formatvorlage zu dem Amok-Schreiben will sie sich kurz zuvor in einer Facebook-Gruppe besorgt und dann mit den Namen der von ihr damals am meisten verachteten Lehrerinnen bestückt haben.

Aggressiv und eigenbrötlerisch

Oft verhalten sich gefährdete und potenziell gewaltbereite Jugendliche in irgendeiner Weise auffällig, sind aggressiv oder eigenbrötlerisch, verändern ihr Aussehen, ihr Auftreten oder verherrlichen Gewalt. Wer diese Anzeichen rechtzeitig erkennt, hat womöglich die Chance, einen Amoklauf zu verhindern. Christoph Paulus, Bildungswissenschaftler und Aggressionsforscher an der Universität des Saarlandes, hat rund sechzig Amokläufe aus Europa und den USA untersucht. Er hat herausgefunden, dass es bestimmte übereinstimmende Merkmale und Muster in den Profilen der Täter gibt. Für jugendliche Amokläufer seien das eine Persönlichkeitsstörung, eine aggressive, gewaltbereite Grundhaltung, ein gesteigertes Interesse an Waffen und der Zugang zu Waffen. Bei Erwachsenen kämen zu Persönlichkeitsstörung und Waffenzugang typischerweise ein geringes Selbstbewusstsein, niedrige Frustrationstoleranz, familiäre Probleme und eine Wahrnehmung der Umwelt als Bedrohung hinzu, zitierte der Bayerische Rundfunk Paulus unlängst.

Entscheidend: das Gefährdungspotenzial

Paulus‘ Auswertungen zeigten bei allen untersuchten Amokläufern eine paranoide oder narzisstische Persönlichkeitsstörung. Eine solche Persönlichkeitsstörung könne therapiert werden. In allen Phasen vor dem Amoklauf könne man die Spirale unterbrechen, entscheidend sei, das Gefährdungspotenzial zu erkennen.

Amok-Analyse-Tool „DyRiAS“

Mit seinem Team von der Universität Darmstadt hat Jens Hoffmann eine Software entwickelt, die helfen soll, potenzielle Amokläufer im Vorfeld zu erkennen. Dazu werden im „Dynamischen Risiko Analyse System“ 32 Fragen über eine verdächtige Person gestellt. Je nachdem, wie die Antworten ausfallen, errechnet die Software auf einer Skala von „1“ bis „6“ das potenzielle Gefährdungsrisiko, das von dieser Person ausgeht. Eine Methode, die durchaus auf Kritik stößt. Sie arbeitet mit standardisierten Fragen und kann nicht auf den Einzelnen gezielt eingehen. Gerade das aber wäre nötig. Die Erfahrung zeigt, dass die Taten der Amokläufer sehr individuell und komplex sind.

Fristlose Kündigung bei Amokdrohung

Übrigens ist die Androhung von Selbstmord oder Amok durchaus kein Spezifikum von Schulen. Auch Arbeitgeber sehen sich bisweilen damit konfrontiert, wie ein vom Bundesarbeitsgericht entschiedener Fall eines Mitarbeiters eines Bundeslandes zeigt. „Personaltipp AKTUELL“ (02/2018) berichtet darüber und erklärt, warum das Gericht die fristlose Kündigung des Mitarbeiters abgesegnet hat.

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Autor: Franz Höllriegel