06.06.2017

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz

Vor wenigen Jahren geisterte der Begriff „Burnout“ durch die Diskussionen der Personalräte. Der Zeitdruck und die psychischen Belastungen der Beschäftigten waren dafür eine der Ursachen. Nachdem es in letzter Zeit seltsamerweise etwas „still“ um dieses Thema geworden ist, fand nun im Mai ein Kongress dazu statt, auf dem eine Bilanz zum Stand und Fortschritt der Aktivitäten gezogen wurde.

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz

Das Forschungsprojekt

Als Auftakt für den Dialogprozess „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ hatte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales zu einem Kongress eingeladen. Gemeinsam mit den Sozialpartnern wurden die Befunde des Abschlussberichts der BAuA zum Forschungsprojekt „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ vertieft diskutiert und Schlussfolgerungen für die Gestaltung einer gesundheitsgerechten Arbeitswelt gezogen.

Belastungsfaktoren

Der Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Wissenschaftliche Standortbestimmung“ bietet eine umfangreiche, wissenschaftlich fundierte Übersicht über psychische Belastungsfaktoren bei der Arbeit. Insgesamt konnte die BAuA 22 Faktoren in vier Themenfeldern identifizieren, die die psychische Gesundheit bei der Arbeit beeinflussen. Zu den vier Themenfeldern

  • „Arbeitsaufgabe“ (z.B. Handlungsspielraum),
  • Arbeitszeit“ (z.B. Erholung),
  • Führung und Organisation“ (z.B. soziale Beziehungen) und
  • „Technische Faktoren“ (z.B. Lärm)

nennt der Bericht zehn Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes.

Statements der einzelnen Teilnehmergruppen

Bundesministerin Andrea Nahles

Flexibilität bei der Arbeitszeit, Druck und Mehrarbeit können krank machen. Fast jede zweite Frühverrentung ist die Folge seelischer Leiden. Durch die Digitalisierung können sich Risiken für psychische Erkrankungen weiter verstärken. Die Studie der BAuA zeigt uns, dass es das eine Patentrezept nicht gibt. Wir brauchen einen Arbeitsschutz 4.0, der neue Risiken einbezieht und bei psychischen Erkrankungen funktioniert. Für viele Risiken haben wir bereits einen guten Rechtsrahmen, der konsequenter umgesetzt werden muss. Das heißt vor allem passgenaue Prävention in den Betrieben.

Alexander Gunkel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der BDA

Die Arbeitgeber sind im ureigenen Interesse sehr an der psychischen Gesundheit ihrer Beschäftigten interessiert. Arbeit hat meist deutlich positive Wirkungen auf die psychische Gesundheit. Dennoch kann es bei ungünstiger Gestaltung der Arbeitsbedingungen zu Fehlbelastungen kommen. Wir wollen in dem vereinbarten Dialogprozess gemeinsam Wege finden, psychische Fehlbelastungen möglichst zu vermeiden, und hierzu konkrete Umsetzungsschritte vereinbaren. Der Bericht der BAuA zeigt, dass es vor allem darum gehen muss, das Gestaltungswissen auf der betrieblichen Ebene zu fördern. In einer sich zunehmend schnell ändernden Arbeitswelt müssen die betrieblichen Akteure in der Lage sein, die Gestaltung der Arbeitsbedingungen immer wieder betriebsindividuell anzupassen. Starre, pauschale Vorgaben können bei sich ständig wandelnden betrieblichen Anforderungen keine geeignete Lösung sein.

Annelie Buntenbach, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des DGB

In der digitalen Arbeitswelt verstärken sich Arbeitshetze und -intensität – in allen Branchen. Wie die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen, gefährdet das die psychische Gesundheit der Beschäftigten. Dieses Problem werden wir nur mit mehr Verbindlichkeit in den Griff bekommen. Wir halten deshalb eine Anti-Stress-Verordnung nach wie vor für notwendig. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften wollen den Prozess zur Förderung der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt weiter gemeinsam vorantreiben. Deshalb werden wir uns am Runden Tisch beteiligen – unter der Maßgabe, dass die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu arbeitsbedingten psychischen Belastungen schnellstens – spätestens bis Ende 2018 – in wirksame Schritte für die Gesundheit der Beschäftigten umgesetzt werden.

Isabel Rothe, Präsidentin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

Die Gestaltung der Arbeit unter dem Aspekt der psychischen Gesundheit gehört zu den wichtigsten Herausforderungen für einen zeitgemäßen Arbeits- und Gesundheitsschutz. Dabei können wir auf einem gut etablierten System aufbauen. Notwendig ist aber eine wesentliche Erweiterung der Perspektive, indem nicht nur die Gefährdungen, sondern auch arbeitsbezogene Ressourcen, also positive Merkmale der Arbeit, in den Blick genommen werden. Hierfür bedarf es einer Weiterentwicklung der Systeme und Vorgehensweisen sowie der Nutzung wichtiger betrieblicher Allianzen.

Autor: Werner Plaggemeier (langjähriger Herausgeber der Onlinedatenbank „Personalratspraxis“)