27.07.2023

Belebung von Forschung durch besseren Einkauf

Seid umschlungen Millionen! Schillers Jauchzer „an die Freude“ kann die Firma Bosch in Anspruch nehmen. Der Staat fördert ihre Forschung mit Millionen Euro. Andere Forscher warten derweil auf ihre Förderbescheide. Experten mahnen u.a. besseren Einkauf bei Forschungseinrichtungen an.

Forschung Einkauf

Über 160 Millionen Euro für Bosch 

Rund 161 Millionen Euro – so viel soll der Forschungscampus des Konzerns Bosch in Renningen für ein wichtiges Wasserstoffprojekt erhalten. Das berichtet  das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR). Einen entsprechenden Förderbescheid überreichte am 12. Juli 2023 Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gemeinsam mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der baden-württembergischen Umweltministerin Thekla Walker (alle Drei Grüne) und der bayerischen Staatsministerin Melanie Huml (CSU). 30 Prozent der Fördersumme tragen die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland. 

Wichtige Projekte von gemeinsamem europäischem Interesse 

Das Projekt gehört zu den Wichtigen Projekten von gemeinsamem europäischem Interesse (Important Projects of Common European Interest, IPCEI) und ist damit Teil eines großen gemeinsamen europäischen Wasserstoffprojekts. In ihm soll Bosch zentrale Schritte zur Großserienfertigung stationärer Brennstoffzellen gehen. Das Unternehmen sieht laut IWR die hocheffiziente Festoxid-Brennstoffzelle als wesentlichen Baustein für eine nachhaltige Energieversorgung.  

Bosch investiert Millionen in Elektrolyse 

Nicht das einzige Wasserstoff-Projekt, in dem Bosch mit Millionen glänzt. Bereits vor einem Jahr im Mai 2022 ist der Konzern für einen wirksamen Klimaschutz ins Komponenten-Geschäft für die Wasserstoff-Elektrolyse eingestiegen. Bis Ende des Jahrzehnts wolle man nahezu 500 Millionen Euro in das neue Geschäftsfeld investieren – die Hälfte davon bis zur Markteinführung, die bereits für 2025 geplant ist. Für den Elektrolyseur-Komponentenmarkt erwartet das Technologie- und Dienstleistungsunternehmen 2030 weltweit ein Volumen von rund 14 Milliarden Euro. Mit dem Stack werde man das Kernstück der Wasserstoff-Elektrolyse liefern, kombiniert mit Leistungselektronik, Sensoren und Steuergerät zu einem Smart Module. 

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Fast eine Milliarde Euro für H2Global  

Auch im Wirtschaftsministerium in Berlin zeigt man sich über die jetzt neu begonnene Förderung für Bosch hinaus Millionen Euros gegenüber aufgeschlossen. Als Maßnahme zum Klimaschutz fördert Deutschland den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft mit fast einer Milliarde Euro. Habecks Haus bewilligte laut „WirtschaftsWoche“ bereits Ende 2021 900 Millionen Euro für ein neues Förderinstrument namens „H2Global“. Es soll über sogenannte Doppelauktionsverfahren den Markthochlauf von grünem Wasserstoff voranbringen. Dabei werde Wasserstoff günstig auf dem Weltmarkt eingekauft und in der EU meistbietend verkauft. Die Ampelregierung wolle, so der Bericht in dem Magazin, schnell eine Wasserstoff-Industrie mit einer Elektrolyse-Leistung von zehn Gigawatt bis 2030 aufbauen. Vorrangig soll er mit Hilfe von erneuerbaren Energien als grüner Wasserstoff erzeugt werden. 

Aufbau langfristiger Wertschöpfungs- und Lieferketten 

Das Förderinstrument soll helfen, langfristige Wertschöpfungs- und Lieferketten aufzubauen. Man werde zunächst Wasserstoff oder Wasserstoffderivate außerhalb der EU mit Zehn-Jahres-Verträgen einkaufen, zitiert „WirtschaftsWoche“ den Minister. Ein Zwischenhändler soll die Verträge abwickeln. Er soll die Produkte in Auktionen an europäische Firmen verkaufen, die wiederum ihre Dekarbonisierung damit vorantreiben können. Da der Produktionspreis von grünem Wasserstoff in der Markthochlaufphase noch relativ hoch ist, dürfte der beauftragte Zwischenhändler Verluste einfahren. Sie sollen durch Subventionen für maximal zehn Jahre ausgeglichen werden. Die ersten Lieferungen nachhaltiger Energieträger auf Wasserstoffbasis nach Deutschland und Europa sind für das Jahr 2024 geplant. 

Internationale Wasserstoffimporte weiter stärken 

Im Rahmen des internationalen „Team Europe“-Ansatzes der European Hydrogen Bank soll H2Global zukünftig für alle EU-Regierungen zugänglich sein, die an der Durchführung von Wasserstoffausschreibungen interessiert sind. Darüber hinaus plant H2Global in Zusammenarbeit mit der Europäischen Wasserstoffbank, an gemeinsamen europäischen Ausschreibungen zu arbeiten. Damit wolle man internationale Wasserstoffimporte weiter stärken, schreiben die Deutschen Industrie- und Handelskammern (DIHK) dazu. H2Global beabsichtige dabei, Bedarf- und Preisrisiken bei nachfragenden Unternehmen zu reduzieren. Sie soll staatliche Förderung ausgleichen. Zudem verringerten internationale Produzenten über langfristige Lieferverträge ihr Abnahmerisiko.  

Auktion für innereuropäischen Bezug von Wasserstoff 

Die europäische Wasserstoffbank setzt an der Produzentenseite an. Sie fördere Projekte, welche vor allem grünen Wasserstoff in der EU produzieren. Dafür können sich die Produzenten mit geplanter Produktionsmenge und voraussichtlichen Kosten bei der Wasserstoffbank bewerben. Die Förderung wird an die kosteneffizienten Projekte ausgestellt. Die EU Hydrogen Bank plant, 800 Millionen Euro für eine erste Auktion für den innereuropäischen Bezug von Wasserstoff bereitzustellen. Zusätzlich sollen Wasserstoffimporte erleichtert werden, um europäische Wasserstoffabnehmer versorgen zu können. 

Die Causa PtJ  

Nicht alle Forscher oder Forscherinnen kehren vom Staat mit derart üppigem millionenschwerem Forschungsdrang belastet ins heimische Labor zurück. Zumal zu Wasserstoff lässt sich der Staat nicht lumpen, Millionen an Förderung für Forschung auszuloben. Unter Forschern keine Unbekannte ist der für verschiedene Ministerien, darunter das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) tätige Projektträger Jülich (PtJ). Wie die Redaktion erfährt, liegt dem PtJ ein Antrag eines Wissenschaftlers (Name der Redaktion bekannt) auf Förderung für eine Grundlagenforschung zur Nutzung von Wasserstoff vor, die nach Ansicht des Entwicklers der Energiewende erheblich und in kürzester Zeit zum Durchbruch verhelfen könnte.

Den Antrag hat er Anfang April 2021 – also vor über zwei Jahren – gestellt, vorschriftsmäßig in Form einer Skizze der in den Förderungsregularien vorgeschriebenen genau zwölf Seiten. Zwei Gutachter sollen sich seither angeblich über die Skizze beugen. Bis heute hat er keine verbindliche Antwort erhalten. Zum Vergleich: die Ampel-Regierung wollte von den Abgeordneten des Deutschen Bundestages verlangen, vor der Sommerpause 2023 über einen Gesetzesentwurf zu entscheiden. Der Entwurf umfasst nach Angaben der Opposition rund 120 Seiten. An Zeit hierfür wollte sie den Abgeordneten ein Wochenende zugestehen. Das Bundesverfassungsgericht hätte in seinem Eilbeschluss zur Unterbindung der geplanten Bundestagssitzung mindestens 14 Tage Zeit dafür für erforderlich gehalten.  

Sattelberger kritisiert Förderpraxis 

Der Fall ist kein Einzelfall: Wer Förderung vom Staat haben will und nicht einem Pakt wie dem Pakt für Forschung und Innovation angehört, hat Pech gehabt. Warum es immer wieder zu vergleichbaren Fällen bei der Umsetzung von Förderversprechen der Politik kommt, erhellt sich aus der Einschätzung des FDP-Politikers Thomas Sattelberger. Er hat in einem Beitrag für die Online-Plattform „Table.Media“ die Förderpraxis in Deutschland heftig kritisiert. Sattelberger saß von 2017 bis 2022 für die FDP im Deutschen Bundestag. Von Dezember 2021 bis Juni 2022 war er Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Vor seiner Zeit in der Politik war er lange Jahre im Vorstand der Telekom. 

Der einstige Staatssekretär fordert Maßnahmen zur Revitalisierung vor allem der Außeruniversitären Forschungseinrichtungen (AuF)  

  • Max Planck,  
  • Helmholtz,  
  • Leibniz und  
  • Fraunhofer sowie  
  • Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).  

Langfristige finanzielle Planungssicherheit für AuF 

Sie verfügten über langfristige finanzielle Stabilität und Planungssicherheit – mit garantierter dreiprozentiger Erhöhung der jährlichen Zuschüsse. Sattelberger zitiert eine weniger diplomatische Ausdrucksweise so manchen Hochschulpräsidenten mit den Worten: „Die schwimmen im Geld.“ 

Sattelbergers umzusetzender Maßnahmenkatalog wäre: 

  • Dosierter Wettbewerb der AuF: Sei es durch das Setzen anspruchsvoller Key Performance Indicators (KPI) mit Konsequenzen bei Nicht-Erreichung,  
  • Vergabe von Mitteln in einem wettbewerblichen Verfahren an unkonventionelle Projekte oder von Wild Cards für „verrückte Konzepte“ aus einem gemeinsam gespeisten Fond.  
  • Effizienzsteigerung durch Shared Services und Entschlackung der Hauptquartiere  
  • nicht-dispositive Dauerprozesse zur Erreichung von Skaleneffekten in 
  • Buchhaltung,  
  • Einkauf  
  • Reporting.  
  • Schaffung einer institutionenübergreifenden Plattform für übergreifende strategische Felder etwa für eine Deutsche Leadership Academy for Research, Science & Transfer, für Talentscouting, für Transferstrategien und Patentwesen, für die Zusammenstellung von Tiger Teams, also Ad hoc-Task Forces für besonders herausfordernde Zukunftsaufgaben.  

Totengräber der Innovation 

Immense finanzielle Mittel des Staates und damit der Steuerzahler fließen Sattelberger zufolge hierzulande in die Forschung. Rund 120 Milliarden Euro hätten Bund und Länder für das Jahrzehnt 2021 bis 2030 allein im Pakt für Forschung und Innovation IV gebunden. Eine Dauerfinanzierung ohne angemessene wettbewerbliche Mechanismen, deren Wirksamkeit nicht einmal regelmäßigem internationalen Benchmarking unterzogen werde, geschweige denn einem System-Review, werde „zum Totengräber von Innovation“. Als langjähriger Mitarbeiter der damaligen Daimler-Benz Aerospace (DASA) habe er gesehen, zu welchen Konsequenzen eine durch den Staat abgesicherte Kostenerstattung plus abgesicherter Marge (Cost plus-Prinzip) in den wehrtechnischen Bereichen geführt hatte:  

  • zu Verkrustung von Organisation,  
  • zu Verfestigung tradierter Routinen und Machtstrukturen sowie  
  • zu Erosion früher leistungsfähiger Kulturen.  

So wie in den meisten AuFs. Der fehlende kommerzielle Erfolg der damaligen DASA spiegele sich im mangelnden Innovationserfolg der heutigen AuF. 

Sattelberger: „Einem Land auf der Abstiegsrutsche zum kranken Mann Europas helfen weder Nobelpreise noch Lobeshymnen auf deutsche Spitzenforschung, sondern nur kommerzialisierte Innovationen.“

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)