07.07.2020

VdS-Prüfung von elektrischen Anlagen

In vielen Unternehmen gibt es immer wieder Diskussionen bezüglich der erforderlichen Prüfung der elektrischen Anlagen. Reicht die Prüfung durch einen VdS-anerkannten Sachverständigen aus oder müssen weitere elektrotechnische Prüfungen durchgeführt werden? Wie ist hier zu verfahren, um Rechtssicherheit im Unternehmen zu haben? Unser Experte gibt Ihnen Antwort.

VdS-Prüfung und weitere Prüfungen der elektrischen Anlage

Die VdS-Prüfung alleine reicht nicht aus. Elektrische Anlagen sind vor der Inbetriebnahme nach DIN VDE 0100-600 und wiederkehrend nach DIN VDE 0105-100 zu prüfen.

Die VdS-Prüfung nach VdS-Richtlinie 2228 der elektrischen Anlage ist eine Ergänzung der wiederkehrenden Prüfungen nach DIN VDE 0105-100 im Hinblick auf thermische Auswirkungen.

Prüfung nach Betriebssicherheitsverordnung

Prüfungen der elektrischen Anlagen sind nach Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV und TRBS 1201) bzw. nach der DGUV Vorschrift 3 „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“ je nach Nutzungsbedingungen (Betriebsart/-bedingungen) und Umgebungsbedingungen (äußere Einflüsse) spätestens alle vier Jahre durchzuführen.

Sie sollten von befähigten Personen durchgeführt werden, die als Elektrofachkräfte (EFK) tätig sind. Elektrische Anlagen und Betriebsmittel sind vom Arbeitgeber/Unternehmer regelmäßig zu prüfen, um die vom Gesetzgeber bzw. von den gesetzlichen Unfallversicherungsträgern geforderten Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten/Versicherten zu gewährleisten.

VdS-Prüfung

Die VdS-Prüfung elektrischer Anlagen erfolgt nach Klausel SK 3602 „Elektrische Anlagen“ der Zusatzbedingungen zu den Allgemeinen Feuerversicherungsbedingungen (AFB) und ist somit in der Regel Gegenstand des Feuerversicherungsvertrags für gewerblich genutzte Gebäude.

VdS-Prüfung ersetzt nicht andere Prüfungen

Die VdS-Prüfung kann nicht durch andere Prüfungen ersetzt werden und ersetzt ihrerseits nicht die Prüfungen elektrischer Anlagen und Betriebsmittel nach Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) oder nach der Unfallverhütungsvorschrift DGUV Vorschrift 3 „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“.

Gemäß den Vertragsbedingungen des Sachversicherers ist die Prüfung jährlich durchzuführen und darf nur von VdS-anerkannten Sachverständigen zum Prüfen elektrischer Anlagen durchgeführt werden, die mindestens ein Hochschulstudium der Elektrotechnik abgeschlossen haben.

Was wird bei der VdS-Prüfung geprüft?

Bei Prüfungen elektrischer Anlagen nach Klausel SK 3602 wird eine ordnungsgemäße Elektroprüfung nach Betriebssicherheitsverordnung bzw. DGUV Vorschrift 3 vorausgesetzt.

Die Einhaltung dieser Verpflichtung wird kontrolliert

  • durch Einsichtnahme in Bescheinigungen (z.B. von ausführenden Elektrofachkräften bzw. Elektroinstallationsbetrieben),
  • in Wartungs- und Instandhaltungspläne oder
  • in Nachweise der Prüfungen der elektrischen Anlagen und Betriebsmittel, der Blitzschutzanlage und der tragbaren Feuerlöscher (Ordnungsprüfung).

Zweck der VdS-Richtlinie 2871

Nicht zuletzt um durch die VdS-anerkannten Sachverständigen einheitliche, qualitativ gleichwertige Prüfungen durchzuführen, gibt es die VdS-Richtlinien.

Diese sind im Rahmen der VdS-Prüfung durch den VdS-anerkannten Sachverständigen zu berücksichtigen. Eine der wichtigsten VdS-Richtlinien ist die VdS 2871, die im März 2018 neu erschienen ist. Sie enthält Richtlinien für die Prüfung der elektrischen Anlagen nach Klausel SK 3602 sowie weitere Hinweise für den anerkannten Elektrosachverständigen.

Damit ist sie immer dann verbindlich anzuwenden, wenn durch einen VdS-anerkannten Sachverständigen ein Befundschein für die Versicherung erstellt werden soll. Ebenso kann die Richtlinie natürlich auch freiwillig in allen anderen Fällen genutzt werden.

Die vier Teilbereiche der VdS-Prüfung

Die eigentliche Prüfung gliedert sich in die nachfolgend erläuterten Teilbereiche.

Besichtigungen

In die Besichtigung der elektrischen Anlage sind alle relevanten Teile, insbesondere energietechnische Anlagen und Verteilungen, einzubeziehen. Falls Anlagenteile nicht oder nur mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand zugänglich sind bzw. besichtigt werden können, so ist dies im Befundschein zu vermerken.

Beginnend von der Einspeisung der Stromversorgung wird die elektrische Anlage besichtigt. Schwerpunkte sind:

    • Trafostation einschließlich Mittelspannungs-Schaltanlage
    • sämtliche Schaltanlagen und Verteiler
    • sichtbare Teile elektrischer Installationen von Maschinen
    • Kabel- und Leitungsanlagen von der Einspeisung bis zum jeweiligen Verbraucher (soweit sichtbar)
    • Schottungen und Maßnahmen zum Funktionserhalt im Zusammenhang mit der elektrischen Anlage (LBO und MLAR)
    • Beleuchtungsanlagen
    • Überspannungsschutz
    • Maßnahmen der Erdung und des Schutzpotenzialausgleichs
    • Schutz- und Überwachungseinrichtungen für den vorbeugenden Brandschutz
    • andere sicherheitstechnische Einrichtungen

Messungen

Im Allgemeinen führt der VdS-anerkannte Sachverständige eigene Messungen an der elektrischen Anlage durch. Liegen jedoch seitens des Versicherungsnehmers bzw. Betreibers Messprotokolle von anderen gesetzlich oder behördlich geforderten regelmäßigen Prüfungen vor, so können diese Messergebnisse in die VdS-Prüfung einbezogen werden.

Dabei kann es sich z.B. um Messprotokolle gemäß DIN VDE 0105-100 oder DGUV Vorschrift 3 handeln. Durch den Sachverständigen sollen diese fremden Messergebnisse bewertet und durch Stichproben auf Plausibilität geprüft werden (Kontrollmessungen). Besonderes Augenmerk verdienen in diesem Zusammenhang Messergebnisse, die auffällig sind, von typischen zu erwartenden Messwerten abweichen oder nicht schlüssig erklärt werden können. Für alle Stichproben gilt, dass die Messungen selbst und deren Umfang so ausgewählt werden, dass diese als repräsentativ bezeichnet werden können.

Diese typischen Messungen sind durchzuführen:

  • Temperaturmessungen
  • Isolationswiderstandsmessung
  • Durchgängigkeit des Schutzleiters
  • Schleifenwiderstandsmessungen
  • Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen (RCDs)
  • Strommessungen

Funktionsprüfungen

Die Funktionsprüfungen nach VdS 2871 unterscheiden sich nicht von denen der DIN VDE 105-100/A1 (vgl. DIN VDE 0105-100/A1). Typische Funktionsprüfungen, deren Umfang der Sachverständige in Absprache mit dem Betreiber festlegt, sind:

  • Erproben/Funktionsprüfung der Isolationsüberwachungsgeräte (z.B. Betätigung der Prüftaste von ISO-Wächtern in IT Systemen oder der RCD-Prüftaste an Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen)
  • Erproben/Funktionsprüfung der Wirksamkeit von Stromkreisen und Betriebsmitteln, die der Sicherheit dienen (z.B. Erprobung von Schutzrelais, Not-Aus-Schaltungen und Verriegelungen)
  • Erproben/Funktionsprüfung der Drehrichtung bei Drehstromsteckdosen (z.B. Erprobung von Drehstromverbrauchern und deren vorgeschriebenem Rechtsdrehfeld)
  • Erproben/Funktionsprüfung der Melde- und Anzeigeeinrichtungen (z.B. Erprobung der Stellungsanzeigen von Schaltern sowie der Funktion von Melde- und Kontrollleuchten)

Kann der Sachverständige die Funktionsprüfungen betriebsbedingt nicht durchführen und liegen seitens des Versicherungsnehmers keine Protokolle o.Ä. über regelmäßige Funktionsprüfungen vor, so ist dieser Sachverhalt im Befundschein zu vermerken.

Ordnungsprüfungen

Unter Ordnungsprüfungen wird die Sichtung des Sachverständigen von Prüf- und Wartungsbüchern oder Protokollen über durchgeführte Prüfungen an der elektrischen Anlage verstanden.

Dokumentation

Der Befundschein und seine Inhalte sind in der VdS 2229 definiert. Eine Abweichung von der vorgegebenen Gestaltung bzw. den aufzuführenden Inhalten ist nicht zulässig. Die Inhalte, die Gestaltung und große Teile des Aussehens sind vorgegeben.

Hinweis der Redaktion

Viele Angaben zur VdS-Prüfung stammen aus dem Beitrag „VdS 2871:2018-03 (06): Prüfrichtlinien nach Klausel SK 3602“ von Dipl.-Ing. FH Christoph Schneppe. Der ganze Beitrag mit vielen detaillierten Informationen und Abbildungen befindet sich im Werk „Elektrosicherheit in der Praxis“.

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Autor: Sven Ritterbusch