12.10.2020

Erstprüfung nach DIN VDE 0100-600

Eine der wichtigsten Normen für die elektrotechnische Praxis ist Mitte 2017 neu gefasst worden – die DIN VDE 0100-600. Sie bildet das Pendant zur zeitgleich veröffentlichten VDE 0105-100/A1 und regelt die Erstprüfung elektrischer Anlagen. Erfahren Sie mehr dazu.

Die DIN VDE 0100-600 ist 2017 neu gefasst worden. Inzwischen ist die Übergangsfrist abgelaufen, innerhalb der die alte Fassung noch angewendet werden durfte.

Erstprüfung elektrischer Anlagen nach DIN VDE 0100-600

Der offizielle Titel der DIN VDE 0100-600:2017-06 lautet „Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 6: Prüfungen (IEC 60364-6:2016); Deutsche Übernahme HD 60364-6:2016 + A11:2017“. Der Anwendungsbeginn der geänderten Norm war auf den 01.06.2017 festgelegt worden.

Für Prüfungen nach der alten Fassung war eine Übergangsfrist bis zum 17.03.2020 eingeräumt. Diese Frist ist mittlerweile abgelaufen, so dass jetzt alle Prüfungen nach der Fassung von 2017 durchzuführen sind.

Die DIN VDE 0100-600:2017-06 beginnt mit den normativen Anforderungen bezüglich der Erstprüfung elektrischer Anlagen durch

  • Besichtigen,
  • Erproben und
  • Messen.

Darüber hinaus soll mithilfe der Norm festgestellt werden, ob auch die Anforderungen der anderen Normen der Reihe VDE 0100 erfüllt sind. Es wird ebenfalls geregelt, welchen Inhalt die entsprechenden Prüfberichte bezüglich der Erstprüfung enthalten müssen.

16 Prüfpunkte beim Besichtigen

Der Unterabschnitt 6.4.2.3 legt 16 konkrete Anforderungen für den Umfang der Überprüfung beim Besichtigen fest. Mittels Besichtigen ist danach – soweit zutreffend – Folgendes zu prüfen:

1. Schutzmaßnahme gegen elektrischen Schlag (siehe DIN VDE 0100-410)

2. Vorhandensein von Brandabschottungen und anderen Vorkehrungen gegen die Ausbreitung von Feuer sowie Maßnahmen zum Schutz gegen thermische Einflüsse (siehe DIN VDE 0100-420 und DIN VDE 0100-520:2013-06 Abschn. 527)

3. Auswahl der Kabel, Leitungen und Stromschienen hinsichtlich Strombelastbarkeit und Spannungsfall (siehe DIN VDE 0100-430 und DIN VDE 0298-4:2013-06)

4. Auswahl, Einstellung, Selektivität und Koordinierung von Schutz- und Überwachungsgeräten (siehe DIN VDE 0100-530:2011-06 Abschn. 535)

5. Auswahl, Anordnung und Errichtung von geeigneten Überspannungs-Schutzeinrichtungen (SPDs), wenn diese verlangt sind (siehe DIN VDE 0100-534)

6. Auswahl, Anordnung und Errichtung von geeigneten Trenn- und Schaltgeräten (siehe DIN VDE 0100-530:2011-06 Abschn. 536)

7. Auswahl der elektrischen Betriebsmittel und der Schutzmaßnahmen unter Berücksichtigung der äußeren Einflüsse und mechanischen Beanspruchungen (siehe DIN VDE 0100-420:2016-02 Abschn. 422, DIN VDE 0100-510:2014-10 Abschn. 512.2 und DIN VDE 0100-520:2013-06 Abschn. 522)

8. ordnungsgemäße Kennzeichnung von Neutral- und Schutzleitern (siehe DIN VDE 0100-510:2014-10 Abschn. 514.3)

9. Vorhandensein von Schaltungsunterlagen, Warnhinweisen und anderen ähnlichen Informationen (siehe DIN VDE 0100-510:2014-10 Abschn. 514.5)

10. Kennzeichnung der Stromkreise, Überstrom-Schutzeinrichtungen, Schalter, Klemmen und dergleichen (siehe DIN VDE 0100-510:2014-10 Abschn. 514)

11. ordnungsgemäße Klemmen und Verbindungen von Kabeln und Leitern (siehe DIN VDE 0100-520:2013-06 Abschn. 526)

12. Auswahl und Errichtung von Erdungsanlagen, Schutzleiter (einschließlich Schutzpotenzialausgleichsleitern) und ihre Anschlüsse an die Haupterdungsschiene (siehe DIN VDE 0100-540:2012-06)

13. leichte Zugänglichkeit der elektrischen Betriebsmittel zur Bedienung, Kennzeichnung und Instandhaltung (siehe DIN VDE 0100-510:2014-10 Abschn. 513 und 514)

14. Maßnahmen gegen elektromagnetische Störungen (siehe DIN VDE 0100-444:2010-10)

15. Anschluss der Körper an die Erdungsanlage (siehe DIN VDE 0100-410:2007-06 Abschn. 411)

16. geeignete Auswahl und Errichtung von Kabel- und Leitungssystemen (siehe DIN VDE 0100-520:2013-06 Abschn. 521 und 522)

Anlagen oder Räume besonderer Art

Das Besichtigen muss laut 6.4.2.3 auch die Anforderungen für Anlagen oder Räume besonderer Art berücksichtigen.

Erproben und Messen nach DIN VDE 0100-600

Dieser Unterabschnitt wurde 2017 bezüglich der Prüfschritte in geringem Maß aktualisiert. In 6.4.3.1 wird vorangestellt, dass die im Unterabschnitt 6.4.3 beschriebenen Prüfverfahren lediglich als Referenzverfahren gelten – das bedeutet, dass andere Verfahren nicht ausgeschlossen sind, wenn sie zu gleichwertigen Ergebnissen führen.

Praxistipp: An die in der Norm angegebene Verfahrensweise halten

Trotzdem ist es aus rechtlicher Vorsicht empfehlenswert, sich genau an die in der Norm angegebene Verfahrensweise zu halten. Ein anderes Vorgehen sollten Sie m.E. nur dann wählen, wenn es dafür nachweisbare sicherheitsrelevante Gründe gibt.

Zunächst wird in 6.4.3.1 gefordert, dass Mess- und Überwachungsgeräte sowie Verfahren mit den Anforderungen der entsprechenden Teile der DIN EN 61557 (VDE 0413) konform sind. Sollten andere Messgeräte verwendet werden, müssen diese die gleichen Leistungsmerkmale und die gleiche Sicherheit aufweisen. Laut der für Deutschland geltenden Anmerkung sollten dabei die Angaben der Hersteller berücksichtigt werden.

Sofern zutreffend, müssen beim Erproben und Messen die folgenden Prüfungen durchgeführt werden, vorzugsweise in dieser Reihenfolge:

  1. Durchgängigkeit der Leiter
  2. Isolationswiderstand
  3. Isolationswiderstand zur Bestätigung der Wirksamkeit des Schutzes durch SELV, PELV oder durch Schutztrennung
  4. Isolationswiderstand/-impedanz von isolierenden Fußböden und isolierenden Wänden
  5. Prüfung der Spannungspolarität
  6. Prüfung zur Bestätigung der Wirksamkeit des Schutzes durch automatische Abschaltung der Stromversorgung
  7. Prüfung zur Bestätigung der Wirksamkeit des zusätzlichen Schutzes
  8. Prüfung der Phasenfolge der Außenleiter
  9. Funktionsprüfungen
  10. Spannungsfall

Nach Behebung eines Fehlers Prüfung(en) wiederholen

Wird beim Erproben und Messen ein Fehler festgestellt, muss nach Behebung des Fehlers diese Prüfung und jede vorhergehende Prüfung, die durch den Fehler möglicherweise beeinflusst wurde, ausdrücklich wiederholt werden.

Der Abschnitt schließt mit dem Hinweis, dass bei Prüfungen, die möglicherweise in explosiver Atmosphäre durchgeführt werden müssen, geeignete Sicherheitsvorkehrungen nach DIN EN 60079-17 (VDE 0165-10-1) zu ergreifen sind.

Anlagen mit explosiver Atmosphäre

Für Deutschland wird angemerkt, dass in überwachungsbedürftigen Anlagen mit explosiver Atmosphäre grundsätzlich die entsprechenden Anforderungen der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) einzuhalten sind.

Durchgängigkeit bei Verbindung zu Körpern prüfen

Die Prüfung der Durchgängigkeit der Leiter und die Verbindung zu Körpern, falls zutreffend, muss dabei laut Unterabschnitt 6.4.3.2 durch eine Widerstandsmessung erfolgen. Dazu zählen:

  • Schutzleiter (einschließlich der Schutzpotenzialausgleichsleiter)
  • Körper
  • aktive Leiter ringförmiger Endstromkreise.

Ringförmige Endstromkreise

Zu Recht wird in der Norm vermerkt, dass ringförmige Endstromkreise in Deutschland nicht anwendbar sind.

Für Deutschland gilt, dass ein höchstzulässiger Widerstandswert durch die DIN VDE 0100-600 nicht vorgegeben wird.

Widerstandswert

Allerdings wird empfohlen, dass der gemessene Wert nicht höher sein sollte als der der Leitungslänge entsprechende Leiterwiderstand (siehe Tabelle A.1 der DIN VDE 0100-600) zuzüglich der üblichen Übergangswiderstände.

Isolationswiderstand muss zwischen aktiven Leitern gemessen werden

In Unterabschnitt 6.4.3.3 wird ausdrücklich gefordert, dass der Isolationswiderstand zwischen

a) aktiven Leitern und

b) aktiven Leitern und dem mit der Erdungsanlage verbundenen Schutzleiter

gemessen werden muss.

Aktive Leiter miteinander verbinden?

Sofern zweckdienlich, bspw. wenn Betriebsmittel die Messergebnisse beeinflussen oder beschädigt werden können, dürfen bei der Prüfung die aktiven Leiter miteinander verbunden werden. Hier kann es ggf. erforderlich sein, die Messung während der Errichtung der elektrischen Anlage vor dem Anschluss der elektrischen Verbrauchsmittel durchzuführen.

Beinhaltet der Stromkreis Betriebsmittel, die die Messergebnisse beeinflussen oder die beschädigt werden können, ist laut Norm nur eine Messung nach 6.4.3.3. b) notwendig. Ein mit Messgleichspannung gemessener Isolationswiderstand ist dann ausreichend, wenn die Hauptverteilung und jeder getrennt geprüfte Verteilungsstromkreis mit allen angeschlossenen Endstromkreisen (ohne angeschlossene elektrische Verbrauchsmittel) einen Isolationswiderstand aufweist, der nicht kleiner als der zugehörige Wert der Tabelle 6.1 der DIN VDE 0100-600 (siehe unten) ist.

Im Anschluss gibt es zwei nur für Deutschland geltende Anmerkungen. Es wird zuerst darauf hingewiesen, dass in IT-Systemen Isolations-Überwachungseinrichtungen (IMDs) bei eingeschalteter elektrischer Anlage die Messaufgabe der Messung des Isolationswiderstands erfüllen. Daher muss grundsätzlich vor Anschluss von IMDs eine Isolationswiderstandsmessung als Erstprüfung durchgeführt werden.

Tab.: Isolationswiderstand (Mindestwerte) nach Tabelle 6.1 der DIN VDE 0100-600

Nennspannung Stromkreis Messgleichspannung Mindestwert Isolationswiderstand
SELV und PELV 250 V 0,5 MΩ
≤ 500 V sowie FELV 500 V 1 MΩ
> 500 V 1.000 V 1 MΩ

In der Norm wird darauf hingewiesen, dass …

  1. die Mindestwerte der Tabelle 6.1 bei der Prüfung des Isolationswiderstands grundsätzlich zwischen nicht geerdeten Schutzleitern und Erde angewandt werden müssen.
  2. falls gefordert wird, dass FELV-Stromkreise mit derselben Messgleichspannung geprüft werden, die für den Primärstromkreis der Stromquelle angewendet wird.

Können Überspannungs-Schutzeinrichtungen (SPDs) oder andere elektrische Betriebsmittel die Prüfung beeinflussen oder besteht die Gefahr, dass diese bei der Prüfung beschädigt werden, müssen sie vor der Durchführung der Messung des Isolationswiderstands abgetrennt werden.

Wann die Messgleichspannung herabgesetzt werden darf

Sollte es aus praktischen Gründen wenig sinnvoll sein, solche elektrischen Betriebsmittel abzuklemmen (bspw. fest installierte Steckdosen mit eingebauter Überspannungs-Schutzeinrichtung), erlaubt die Norm, dass die Messgleichspannung für den betrachteten Stromkreis auf 250 V herabgesetzt wird. Allerdings muss der Isolationswiderstand mindestens 1 MΩ betragen.

Zur Erleichterung der Messung soll der Neutralleiter von der Haupterdungsschiene getrennt werden.

In TN-C-Systemen wird die Prüfung zwischen den aktiven Leitern und dem PEN-Leiter vorgenommen.

Wann weitere Untersuchungen notwendig sind

Es wird hier auch festgehalten, dass die gemessenen Werte des Isolationswiderstands üblicherweise bedeutend höher als die Mindestwerte der Tabelle 6.1 sind. Deshalb wird bei offensichtlichen Abweichungen von den erwarteten Werten zwischen Stromkreisen gefordert, weitere Untersuchungen durchzuführen, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Wichtig: Erstellen eines Prüfberichts über die Erstprüfung

In Unterabschnitt 6.4.4.1 der DIN VDE 0100-600 wird gefordert, dass nach Beendigung der Prüfung einer neuen Anlage oder von Erweiterungen oder Änderungen einer bestehenden Anlage grundsätzlich ein Prüfbericht erstellt werden muss. Der Bericht muss umfassen:

  • Details des Anlagenumfangs, der durch den Bericht abgedeckt ist
  • Aufzeichnungen über das Besichtigen und die Ergebnisse des Erprobens und Messens

Ausdrückliche Anordnung zu Fehlern oder fehlenden Teilen

Es wird ausdrücklich angeordnet, dass alle Fehler oder fehlende Teile, die während der Prüfung der Anlage erkannt werden, korrigiert werden müssen, bevor der Prüfer erklären kann, dass die Anlage die Anforderungen der Reihe VDE 0100 erfüllt.

Abschnitt 6.4.4.2 erlaubt, dass bei Erstprüfungen von Erweiterungen oder Änderungen bestehender Anlagen der Prüfbericht Empfehlungen für angemessene Reparaturen und Verbesserungen enthalten darf – eine Pflicht dazu besteht laut DIN VDE 0100-600 allerdings nicht.

Der Prüfbericht der Erstprüfung muss laut Unterabschnitt 6.4.4.3 zwingend Aufzeichnungen über die Besichtigung, die geprüften Stromkreise und die Prüfungsergebnisse enthalten.

Jeder Stromkreis muss aufgeführt werden

Die Aufzeichnungen über die geprüften Stromkreise und die Prüfergebnisse müssen grundsätzlich jeden Stromkreis aufführen – einschließlich der zugehörenden Schutzeinrichtung(en) – und die Ergebnisse der geforderten Erprobungen und Messungen enthalten.

Laut Unterabschnitt 6.4.4.4 müssen die Person bzw. die Personen, die für die Planung, Errichtung und Prüfung der Anlage verantwortlich sind, dem Auftraggeber den Prüfbericht, aus dem ihre jeweilige Verantwortlichkeit hervorgeht, zusammen mit den Aufzeichnungen über die Besichtigung, die geprüften Stromkreise und die Prüfergebnisse übergeben.

In der Norm wird geraten, dass der Prüfbericht eine Empfehlung für den Zeitraum zwischen der Erstprüfung und der ersten wiederkehrenden Prüfung enthalten sollte.

Prüfberichte müssen laut 6.4.4.5 von einer Elektrofachkraft bzw. von Elektrofachkräften mit Prüferfahrung zusammengestellt, unterschrieben oder in anderer Form bestätigt werden.

Nationaler Anhang der DIN VDE 0100-600

Weitere Anforderungen zu Mindestinhalten des Prüfberichts über die Erstprüfung finden Sie im zwingend zu beachtenden nationalen Anhang NA der DIN VDE 0100-600.

In der Norm selbst wird übrigens angemerkt, dass die Anhänge E, F und G der DIN VDE 0100-600 Beispiele für Berichte und Pläne enthalten, die für die Beschreibung, die Erstprüfung und auch für die wiederkehrende Prüfung von Anlagen verwendet werden können.

Praxistipp

Für Deutschland gilt diesbezüglich aber, dass die genannten Anhänge ausschließlich durch den nationalen Anhang NA ersetzt werden.

Bezüglich der wiederkehrenden Prüfung wird in Abschnitt 6.5 der DIN VDE 0100-600 darauf verwiesen, dass diese in der DIN VDE 0105-100/A:2017-06 Abschn. 5.3.3.101 geregelt wird.

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Autor: Ernst Schneider