25.11.2021

Covid-19-Auswirkungen auf Einkauf schwerer als angenommen

Die Covid-19-Pandemie wirkt sich schwerer auf den Einkauf aus als bisher angenommen. Lieferketten könnten bis weit ins nächste Jahr belastet sein. Die Corona-Krise habe die Schwachstellen in der Beschaffung offengelegt, heißt es auf dem Einkäufer-Kongress des BME in Berlin.

Covid-19-Auswirkungen Einkauf

Einkäufer müssen richtige Lehren ziehen

  • Task Forces,
  • konsequenter Einsatz digitaler Technologien
  • Verwendung von Data Analytics und KI
  • strenges Kostenmanagement
  • vorausschauendes Risiko- und Lieferantenmanagement

Das sind die Hauptforderungen, mit denen als zentrale Ergebnisse des 56. BME-Symposiums Einkauf und Logistik Digital unter dem Veranstaltungsmotto „#newhorizons“ 900 Teilnehmer auf einer virtuellen Plattform Chancen und Risiken gegenwärtiger und künftiger Beschaffungsstrategien diskutierten. Mit diesen Instrumenten könne der Einkauf:

  • Störungen in den Betriebsabläufen frühzeitig erkennen,
  • Schaden vom eigenen Unternehmen abwenden und
  • nachhaltige Wettbewerbsvorteile erzielen.

Probleme über Probleme wegen Pandemie

In Plenen, interaktiven Workshop-Formaten und themenbezogenen Chat-Foren sowie den Statements der mehr als 140 Referenten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik spielten eine große Rolle:

  • die Analyse der vergangenen anderthalb Corona-Jahre
  • ein erster Blick in die Post-Corona-Welt
  • unterschiedliche Schocks auf die Lieferketten im Verlauf der Pandemie, z.B.
    • zu deren Beginn auf Nachfrageseite erhöhte Bedarfe beispielsweise von Hygiene- und Desinfektionsmaterial
    • in der zweiten Phase viele Lieferanten aufgrund staatlicher Lockdown-Maßnahmen nicht erreichbar oder in Bewegungsspielraum eingeschränkt
    • International eng vernetzt Shutdown ganzer Volkswirtschaften, zeitweilig geschlossene Grenzen sowie gesperrte Straßen und Häfen.

Fragile globale Wertschöpfungsketten

2020 und 2021 hätten gezeigt, wie fragil die globalen Wertschöpfungsketten geworden sind, legte Dr. Julia Hartmann, Professorin für nachhaltiges Supply Chain Management an der EBS Business School, den Finger in die Wunde der Einkäufer.

„Gleichzeitig lernen wir die Relevanz von Risikomanagement neu zu schätzen“, so Hartmann.
Das wichtige Instrument zur Krisenabwehr hält sie für „komplett unattraktiv“:

  • Mit ihm lasse sich kein einziger neuer Kunde gewinnen.
  • Risikomanagement bringe dem Einkauf keinerlei Einsparungen.
  • Ganz im Gegenteil. Man müsse Second Sources aufbauen, Notfallpläne entwickeln.

All das sei nach Frau Hartmanns Meinung im Tagesgeschäft in der Vergangenheit untergegangen oder stets anderen, dringlicheren Themen geopfert. Langfristig könne das nicht so bleiben; vor allem nicht mit Blick auf die Liefermärkte mit seinen anhaltenden Engpässen bei Rohstoffen und Vorprodukten gibt.

Einkauf muss schnell entscheiden

Das Risikomanagement ist ein fester Bestandteil des Lieferantenmanagements, hält Bernd Lüddemann, Chefeinkäufer bei SEW-Eurodrive GmbH & Co KG. Schlüsselfaktoren für ein erfolgreiches Risikomanagement seien die richtige Lieferantenauswahl:

  • Identifikation und Bewertung durch Integrated Supplier Application (ISA, Lieferantenaudit),
  • Frühwarnindikatoren: Bonitätsüberwachung, operative und strategische Lieferantenbeurteilung
  • effektives Lieferantenmanagement: enge Verzahnung von Risiko- und Lieferantenmanagement
  • schnelle Entscheidungen des Einkaufs, wenn Maßnahmen gegen ein Risiko ergriffen werden müssen.

Krisenbewältigung und nachhaltiger Einkauf

Wie aber kann der Einkauf Krisen am besten meistern? Für Bart Ader, Vizepräsident Supply Chain der Mann und Hummel Gruppe, liegt die Antwort in einer gut funktionierenden Kommunikation. Dafür trete täglich die Task Force des Unternehmens von Einkauf und Logistik in regelmäßigen Abstimmungsrunden zusammen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Einkaufs ist die Nachhaltigkeit. Hier hat sich die Beiersdorf AG ehrgeizige Umweltziele gesetzt, wie Julia Niedermeier, Chefin nachhaltige Verpackung weltweit, und Maren Segelken, Chefin Logistik und Beschaffung, erläuterten. Danach will der in Hamburg ansässige Konsumgüterhersteller eigenen Angaben zufolge bis 2025 die Emissionen in der gesamten Wertschöpfungskette um 30 Prozent reduzieren. Ebenfalls bis dahin will man die Kreislaufwirtschaft vorantreiben und den Anteil neuer Kunststoffe fossilen Ursprungs in den Beiersdorf-Verpackungen um 50 Prozent senken. Verpackungen sollen in vier Jahren vollständig wiederverwendbar, bis 2030 die Produktionsstandorte des Unternehmens klimaneutral sein.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)