Fachbeitrag | Organisation und Dokumentation 18.07.2016

Kein Schutzhelm hält ewig

Tatsache ist, dass Schutzhelme selbst dann, wenn sie gar nicht oft getragen werden, einem ständigen altersbedingten Verschleiß unterliegen, der sich grundsätzlich weder verhindern noch stoppen lässt. Allerdings hängt es von mehreren Einflussfaktoren ab, wie lange ein Schutzhelm wirksam schützt. Welche das sind und wie Sie die Haltbarkeit von Industrieschutzhelmen überprüfen können, erfahren Sie hier.

Überprüfen und rechtzeitig austauschen: Nur so kann PSA wirksam schützen

Industrieschutzhelme sollen in erster Linie vor Gefährdungen durch herabfallende Gegenstände schützen. Darüber hinaus schützen sie den Kopf vor möglichen Gefährdungen durch Anstoßen an Gegenständen, pendelnde Gegenstände, umfallende Gegenstände oder wegfliegende Gegenstände. Industrieschutzhelme müssen also Stöße dämpfen und durchdringungsfest sein. Diese Anforderungen erfüllen Schutzhelme nach DIN EN 397 „Industrieschutzhelme“.

Hergestellt werden die Schutzhelme aus Kunststoffen, die aber mit der Zeit altern und dabei porös und spröde werden. Mit anderen Worten: Je älter sie sind, desto stärker ist die Schutzfunktion von Industrieschutzhelmen eingeschränkt. Vor allem Witterungseinflüsse, UV-Strahlung, Luftverunreinigung und mechanische Beanspruchungen setzen den Kunststoffen zu.

Wichtiger Hinweis: Schon nach einem einzigen harten Schlag darf ein Helm nicht mehr weiterbenutzt, sondern muss aus dem Verkehr gezogen werden. Denn die Stabilität eines Helmes kann bereits durch eine nicht sichtbare Veränderung der Molekularstruktur des Kunststoffes oder einen nicht sichtbaren Haarriss eingeschränkt sein. Bei offensichtlichen Beschädigungen liegt ein Austausch des Schutzhelmes auf der Hand.

Haltbarkeit von Schutzhelmen ist sehr unterschiedlich

Auf dem Bau werden überwiegend Schutzhelme verwendet, die aus sogenannten thermoplastischen Kunststoffen gefertigt sind. Bei regelmäßiger und dauerhafter Nutzung sollten Helme aus diesem Material alle vier Jahre ausgetauscht werden.

Industrieschutzhelme, die aus duroplastischem Kunststoff bestehen, müssen hingegen erst nach acht Jahren ständigen Gebrauchs ausgewechselt werden.

Wie alt ein Helm ist, erkennen Sie am Herstellungsdatum, das neben den Informationen über Hersteller, Typ, Größe und Werkstoff zur Kennzeichnung des Helmes gehört. Diese Hinweise finden sich in aller Regel an der Unterseite des Helmschildes.

Praxis-Tipp: Kennzeichnung des Materials

  • Thermoplastischer Kunststoff: Kennzeichnung mit PE, PC, PA, ABS, PP-GF, PC-GF oder HDPE
  • Duroplastischer Kunststoff: Kennzeichnung mit UP-GF oder PF-SF

Duroplastische Helme sind hitzebeständiger

Industrieschutzhelme aus thermoplastischen Kunststoffen sind nicht für den Einsatz in Heißbereichen geeignet, weil ihre Formbeständigkeit bei Wärme gering ist. Abhängig vom verwendeten Kunststoff kann die Formbeständigkeit bereits bei rund 70 °C nicht mehr gegeben sein.

Auf der anderen Seite kann bei Helmschalen aus thermoplastischen Kunststoffen die Bruchfestigkeit bei Kälte als gut bezeichnet werden. Sie kann bei bis zu – 40 °C erhalten bleiben. Gängige thermoplastische Werkstoffe für Industrieschutzhelme sind z. B. Polyethylen (PE), Polyamid (PA), Polycarbonat (PC), Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS) oder glasfaserverstärktes Polypropylen (PP-GF).

Duroplaste sind im Gegensatz zu thermoplastischen Kunststoffen sehr hitzebeständig. Deshalb sind Helmschalen aus duroplatischen Kunststoffen hervorragend für den Einsatz bei sehr hohen Umgebungstemperaturen geeignet. Zudem besitzen sie eine gute chemische Beständigkeit, sodass sie häufig auch in Betrieben der chemischen Industrie eingesetzt werden. Gängige duroplastische Werkstoffe für Industrieschutzhelme sind z. B. glasfaserverstärktes ungesättigtes Polyesterharz (UP-GF) oder faserverstärktes Phenol-Formaldehyd-Harz (PF-SF).

Bei diesen Tätigkeiten besteht Schutzhelmpflicht

Dem Kopfschutz dienende Industrieschutzhelme gehören zu den Persönlichen Schutzausrüstungen (PSA). Nach dem TOP-Prinzip ist der Arbeitgeber erst dann verpflichtet, Beschäftigte mit PSA auszurüsten, wenn auf der Grundlage einer Gefährdungsbeurteilung festgestellte Gefährdungen nicht durch technische oder organisatorische Maßnahmen beseitigt werden können. Auf der Basis einer solchen Gefährdungsbeurteilung ergibt sich, dass Industrieschutzhelme z. B. in folgenden Bereichen bzw. bei folgenden Tätigkeiten getragen werden müssen:

  • Hoch- und Tiefbauarbeiten (einschließlich Abbruch- und Umbauarbeiten)
  • Montagearbeiten im Maschinenbau, Stahlbau und Holzbau
  • Arbeiten in ortsfesten Betrieben (z. B. Steinbrüche, Hütten- und Walzwerke, Gießereien, chemische Industrie, Fertigteilwerke)
  • Arbeiten mit Bolzenschubwerkzeugen oder Eintreibgeräten
  • Arbeiten im Bereich von Kranen, Hebezeugen, Aufzügen, Fördermitteln, Rammen
  • Sprengarbeiten
  • Arbeiten über Kopf

Zeit für Helmwechsel? Machen Sie den „Knacktest“

In der betrieblichen Praxis fällt es nicht immer leicht, zu beurteilen, ob es bereits an der Zeit ist, einen Schutzhelm auszuwechseln oder nicht. Als Entscheidungshilfe kann hier ein einfacher Trick dienen. Mit dem sogenannten „Knacktest“, den die DGUV empfiehlt, lässt sich schnell feststellen, ob ein Schutzhelm bereits versprödet ist.

Beim „Knacktest“ wird die Helmschale mit den Händen seitlich leicht eingedrückt bzw. der Schirm leicht verbogen. Ist mit angelegtem Ohr ein Knister- oder Knackgeräusch wahrzunehmen, sollte der Helm aus dem Verkehr gezogen und gegen einen neuen Schutzhelm ausgetauscht werden.

Aufkleber haben auf Schutzhelmen nichts zu suchen

Auf Baustellen sieht man immer wieder, dass Industrieschutzhelme mit Aufklebern, Bemalungen oder Beschriftungen optisch aufgepeppt wurden. Das sollte jedoch grundsätzlich unterbleiben, weil auf den Kopfschutz weder Anstrichstoffe noch Lösemittel oder Klebemittel aufgebracht werden dürfen. Klebeetiketten können vor allem bei Helmschalen aus Polycarbonat (PC) oder Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS) zu Materialschäden führen. Es sei denn, der Hersteller erklärt ausdrücklich, dass die Schutzwirkung des Helmes durch Anstrichstoffe, Lösemittel und Klebemittel nicht beeinträchtigt ist.

Industrieschutzhelme im Bergsteigerdesign?

Ohne Zweifel sind Bergsteigerhelme „attraktiver“ im Design als Industrieschutzhelme. Aber ist ein Umstieg überhaupt zulässig?

Eine klare Antwort liefert § 2 der PSA-Benutzungsverordnung. Danach dürfen nur solche Industrieschutzhelme ausgewählt und zur Verfügung gestellt werden, die die erforderliche CE-Kennzeichnung tragen. D. h. es dürfen grundsätzlich auch andere Schutzhelme als Industrieschutzhelm verwendet werden, vorausgesetzt, sie wurden im Rahmen einer EG-Baumusterprüfung zusätzlich auf der Grundlage der DIN EN 397 „Industrieschutzhelme“ geprüft und zertifiziert. Laut BG Bau dürfen Beschäftigte Schutzhelme aus dem Bergsport nutzen, wenn diese neben der DIN EN 12492 auch die DIN EN 397 erfüllen und mit einem 4-Punkt-Kinnriemen nach DIN EN 397 fertig montiert ausgestattet sind.

BG Bau fördert Anschaffung von Schutzhelmen

Übrigens fördert die BG Bau seit Anfang Januar dieses Jahres für gewerbliche Mitgliedsunternehmen die Anschaffung von Industrieschutzhelmen nach DIN EN 397 im Bergsteiger-Design mit Arbeitsschutzprämien. Weitere Informationen erhalten Sie auf der Homepage der BG Bau unter www.bgbau.de.

Wichtiger Hinweis: Anhängig vom Anschaffungspreis gibt es von der BG Bau als Arbeitsschutzprämie zwischen 50 Prozent des Kaufpreises bzw. 30 Euro pro Helm. Der Förderantrag muss direkt bei der Berufsgenossenschaft eingereicht werden. Je nach Betrieb entscheidet die Berufsgenossenschaft dann, ob es noch Geld aus dem Fördertopf gibt oder nicht.

Tipp: Damit Sie schnell und mühelos feststellen können, ob ein Schutzhelm noch brauchbar ist oder schnellstmöglich ausgetauscht werden muss, haben wir für Sie eine spezielle „Checkliste Schutzhelm (PSA – Kopfschutz)“ vorbereitet, die Sie direkt hier herunterladen können.  Sie kreuzen einfach an, welche Anforderungen erfüllt sind und sehen auf einen Blick, wenn Handlungsbedarf besteht.
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Autor: Markus Horn