19.02.2018

Die 4 Säulen des Arbeitsschutzes – 1. Die Gefährdungsbeurteilung

Von den vier zentralen Elementen für einen ordentlichen Arbeitsschutz im Betrieb, steht die Gefährdungsbeurteilung unangefochten auf Platz 1. Hier müssen Sie alle möglichen Risiken auflisten, die den Mitarbeitern bei der Arbeit drohen können. Wichtiger aber noch: Die Gefährdungsbeurteilung ist Planungs- und Ideenspeicher für Maßnahmen, die ein Unternehmen ergreift, um eben diese Risiken zu minimieren.

Gerade bei der Gefährdungsbeurteilung ist der Rat von uns Sifas wichtig. Denn der Verantwortliche, der Unternehmer, versteht im Großen und Ganzen herzlich wenig davon und braucht deshalb unsere kompetente Hilfe. Ich bin aber zur Überzeugung gelangt, dass etwas anderes fast genauso bedeutend ist wie unser Know-how. Ich nenne es mal „diplomatisches Geschick“: Einerseits wollen wir ja, dass sich die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter tatsächlich verbessern. Andererseits dürfen wir aber auch das Vertrauen und die Kooperation des Unternehmers nicht verspielen – eine manchmal schwierige Gratwanderung.

Nach einigen Jahren als Sifa habe ich deshalb das Gefühl, ich könnte auch bei den Vereinten Nationen als Verhandlungsführer durchstarten. Herrn Putin zu überzeugen kann nicht viel schwerer sein, als sich mit einem störrischen Geschäftsführer an den Verhandlungstisch zu setzen, der die Gefährdungsbeurteilung für eine Farce hält („Kritzeln Sie halt schnell was hin, und gut!“) oder, schlimmer noch, seinen Arbeitsschutz als ausreichend betrachtet („Was mich das jetzt schon kostet!“).

Immerhin existieren handfeste Argumente, die Arbeitgeber der „Mal schnell was hinkritzeln“-Sorte auf den Boden der Tatsachen zurückholen können (leider gibt’s dafür nie eine Garantie).

Zum Beispiel, dass ihn das Arbeitsschutzgesetz dazu verpflichtet, alle möglichen Gefährdungen für die Mitarbeiter und alle daraus gefolgerten Maßnahmen in einer Gefährdungsbeurteilung nachvollziehbar zu dokumentieren. Dass er mit einer Geld– oder Freiheitsstrafe rechnen muss, wenn er dieser Pflicht gar nicht oder nur mangelhaft nachkommt. Und dass er vor Behörden oder vor Gericht für seine Gefährdungsbeurteilung geradesteht, nicht die Sifa – es sei denn, er wurde nachweislich schlecht beraten. Deshalb rate ich übrigens jedem von Ihnen dringend, seine Argumente und seine empfohlenen Maßnahmen – auch für sich selbst – immer zu dokumentieren.

In die Königsklasse der Diplomatie wage ich mich als Sifa vor, wenn ich mit dem Unternehmer um die Maßnahmen ringe, die die Mitarbeiter in Zukunft besser schützen sollen. Seine und meine Vorstellungen trennt hier meist ein sehr breiter Graben. Die beste Möglichkeit: Ich überzeuge ihn. Die richtigen Quellen, seien es Gesetzestexte oder Gerichtsurteile, ebenso wie eine Latte vorher ausformulierter Argumente, können viel für die Arbeitnehmer bewirken.

Erfahrungsgemäß schadet es jedoch in der Regel, wenn ich unnachgiebig auf meiner Position bestehe. Klar, ich habe recht, aber Rechthaben allein bringt niemandem etwas, wenn der Arbeitgeber auf stur schaltet. Dann schmeißt er mich irgendwann raus und es ändert sich: gar nichts. Und eine weniger gute Lösung ist für die Arbeitnehmer immer noch besser als gar keine. Wichtig also: Den Dialog mit dem Arbeitgeber und den Behörden suchen, um so Kompromisse zu finden, die beide Seiten akzeptieren können.

Das bedeutet nicht, dass ich mich auf jeden Kuhhandel einlasse. Aber wen ich nicht überzeugen kann, auf den muss ich einen kleinen Schritt zugehen – und ihm dabei idealerweise das Gefühl geben: Mein kleiner Schritt, das war eigentlich ein ganz großer. Diplomatie eben.

Rechtlich auf der sicheren Seite kann sich ein Unternehmen übrigens erst dann fühlen, wenn es die Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen auch in seiner stets aktuell gehaltenen Gefährdungsbeurteilung nachweist. Diese Maßnahmen bilden die weiteren Säulen.

zu Säule 2: Die Betriebsanweisungen

zu Säule 3: Die Unterweisungen

zu Säule 4: Die Arbeitsmittelprüfung

 

Autor: Lothar Scholz (seit 15 Jahren selbstständige Fachkraft für Arbeitssicherheit und Brandschutzbeauftragter )