11.03.2019

Gefährdungsbeurteilung Gefahrstoffe: Alles Wichtige auf einen Blick

Von ganz besonderer Bedeutung für die Gefährdungsbeurteilung für Gefahrstoffe: Stoffe stehen nie für sich allein, sondern ihre gefährlichen Eigenschaften müssen Sie immer in Verbindung mit einer Tätigkeit betrachten. Wie Sie dabei vorgehen können, woher Sie Ihre Informationen nehmen und welche Fachkunde Sie dafür brauchen, lesen Sie hier.

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Die Grundlage der Gefährdungsbeurteilung für Gefahrstoffe: Alle Gefährdungen, die mit Tätigkeiten in Verbindung stehen, müssen Sie analysieren und bewerten. Sogar, wenn Sie keine Mitarbeiter beschäftigen, gleichzeitig aber selbst mit Gefahrstoffen hantieren, müssen Sie deren Gefährdungen beurteilen. Denn nur so können Sie die Maßnahmen zum Schutz Dritter festlegen, die die Gefahrstoffverordnung fordert.

Darüber hinaus empfiehlt die TRGS 400 solchen „Einzelunternehmern“, entsprechende Maßnahmen auch für die persönliche Sicherheit und zum Schutz der eigenen Gesundheit zu treffen.

Was ist die TRGS 400?

Diese Technische Regel für Gefahrstoffe beschreibt Vorgehensweisen zur Informationsermittlung und Gefährdungsbeurteilung nach § 6 Gefahrstoffverordnung (GefStoffV).

Wie erstellen Sie die Gefährdungsbeurteilung für Gefahrstoffe?

Informationen sammeln

Am Anfang der Gefährdungsbeurteilung steht die Datensammelwut. Prüfen sie alles, was Ihnen Aufschluss über die Eigenschaften der verwendeten Stoffe, Gemische und Erzeugnisse geben könnte.

Von ganz besonderer Bedeutung dabei: Stoffe stehen nie für sich allein, sondern ihre gefährlichen Eigenschaften müssen Sie immer in Verbindung mit den damit ausgeführten Tätigkeiten und Arbeitsverfahren.

Stoffeigenschaften und Tätigkeit bedingen zusammen die Höhe und Art der Exposition und damit das Ausmaß der Gefährdung.

Mögliche Informationsquellen:

  • Kennzeichnung auf der Verpackung oder auf dem Behältnis
  • Sicherheitsdatenblatt
  • Mitgelieferte Gefährdungsbeurteilung des Herstellers bzw. Inverkehrbringers
  • Technische Regeln für Gefahrstoffe – TRGS
  • DGUV-Regeln und –Informationen
  • Loseblattsammlungen
  • Internet, wie z.B. GESTIS-Stoffdatenbank des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

Gefährdungen beurteilen

Sie müssen für die mit den Tätigkeiten verbundenen Gefährdungen selbst vollständig ermitteln und beurteilen, ob

  • Tätigkeiten mit geringer Gefährdung,
  • dermale Gefährdungen (Gefährdungen durch Hautkontakt mit Gefahrstoffen),
  • inhalative Gefährdungen (Gefährdungen durch Einatmen von Gefahrstoffen),
  • physikalisch-chemische und sonstige durch Gefahrstoffe bedingte Gefährdungen

vorliegen.

Geringe Gefährdung

Von einer geringen Gefährdung können Sie ausgehen, wenn die allgemeinen Schutzmaßnahmen nach § 8 GefStoffV ausreichen aufgrund:

  • der dem Gefahrstoff zugeordneten Gefährlichkeitsmerkmale
  • der Verwendung nur geringer Stoffmengen
  • einer nach Höhe und Dauer niedrigen Exposition und
  • der Arbeitsbdingungen.

In der TRGS 400 finden Sie verschiedene Beispiele für „Tätigkeiten mit geringer Gefährdung”. Sie beschränken sich vor allem auf Gefahrstoffe, die für den privaten Endverbraucher im Einzelhandel erhältlich sind („Haushaltsprodukte”) und die am Arbeitsplatz unter für Haushalte üblichen Bedingungen (geringe Menge und kurze Expositionsdauer) verwendet werden.

Erleichterungen bei geringer Gefährdung

Sie kommen zum Schluss, das nur eine „geringe Gefährdung” vorliegt? Glück gehabt. Dann können Sie auf die folgenden Maßnahmen verzichten.

  • Führen eines Gefahrstoffverzeichnisses
  • Betriebsanweisung und Unterweisung
  • detaillierte Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung

Dermale Gefährdung (Hautkontakt)

Bei Feuchtarbeit oder Tätigkeiten mit hautgefährdenden, -resorptiven oder -sensibilisierenden Gefahrstoffen können Sie von einer dermalen Gefährdung ausgehen. In Ihrer Gefährdungsbeurteilung müssen Sie nun z.B. die Stoffeigenschaften berücksichtigen und Art, Ausmaß und Dauer des Hautkontakts in Betracht ziehen.

Eine in Anlage 4 der TRGS 401 enthaltene Matrix hilt Ihnen, die Gefährdungen hier in die Kategorien „gering”, „mittel” und „hoch” einzuteilen.

Inhalative Gefährdung (Einatmen)

Wie bei der dermalen Gefährdung achten Sie auch bei der Gefährdung durch Einatmen besonders auf Gefahrstoffe, die zu einer Sensibilisierung der Atemwege führen können. Diese Stoffe sind mit H 334 „Kann bei Einatmen Allergie, asthmaartige Symptome oder Atembeschwerden verursachen“ gekennzeichnet.

Physikalisch-chemische und sonstige Gefährdungen

Hierunter fallen insbesondere Brand- und Explosionsgefahren.

Diese entstehen z.B. durch folgende Stoffe/Verfahren:

  • explosionsgefährliche oder explosionsfähige Stoffe
  • brennbare Gase, Feststoffe und Flüssigkeiten (insbesonders die hochentzündlichen, leicht entzündlichen und entzündlichen Stoffe)
  • selbstentzündliche und chemisch oder thermisch instabile Stoffe
  • Stoffe mit brandfördernden Eigenschaften
  • aufgewirbelte brennbare Stäube (Staubexplosionen!)

Ausführliche Hinweise zur Gefährdungsbeurteilung bei möglichem Vorliegen explosionsgefährlicher Atmosphäre geben Ihnen die Technischen Regeln TRGS 720, 721, 722, 725 und 727.

Substitutionsprüfung

An allererster Stelle Ihres Maßnahmenkatalogs – noch vor den Überlegungen zu möglichen Schutzmaßnahmen – müssen Sie sich die Frage stellen, ob Gefahrstoffe durch Stoffe, Gemische oder Erzeugnisse ersetzt werden können, die für die Beschäftigten ein geringeres gesundheitliches Risiko darstellen (sogenannte Substitutionsprüfung).

Auch das Herstellungs- oder Verwendungsverfahren sollten Sie überdenken. Ist es zumutbar und nach dem Stand der Technik möglich, dieses zu ändern und so die Gefährdungen zu minimieren?

Als Faustregel gilt: Je größer das Gefährdungspotenzial, desto deutlicher die Forderung nach Substitution.

Tipp

Hier sei noch einmal ausdrücklich auf die Technischen Regeln zu Ersatzstoffen (TRGS 600 ff.) hingewiesen. Die hier beschriebenen Ersatzstoffe sind hinreichend geprüft und haben sich in der Praxis bewährt. In der TRGS 600 „Substitution” wird ausführlich dargestellt, wie Sie bei der Substitutionsprüfung und bei der eigentlichen Substitution vorgehen.

Schutzmaßnahmen

Die möglichen Schutzmaßnahmen in Ihrer Gefährdungsbeurteilung für Gefahrstoffe gliedern sich wie folgt.

  • Grundpflichten (§7 GefStoffV)
    Diese sind unabhängig von der Gefährdungsbeurteilung immer anzuwenden.
  • Allgemeine Schutzmaßnahmen (§ 8 GefStoffV)
    Maßnahmen, die bei geringem Risiko zu ergreifen sind und z.B. zur Beherrschung einer geringen Gefährdung ausreichen können.
  • Zusätzliche Schutzmaßnahmen (§ 9 GefStoffV)
    Maßnahmen, die festzulegen sind, wenn die Maßnahmen nach § 8 aufgrund einer höheren Gefährdung nicht ausreichen.
  • Besondere Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit KMR-Stoffen (§ 10 GefStoffV)
    Maßnahmen, die für Tätigkeiten mit krebserzeugenden, keimzellmutagenen oder reproduktionstoxischen Gefahrstoffen der Kategorien 1A und 1B festzulegen sind.

In Ihrer Gefährdungsbeurteilung legen Sie außerdem  Methoden und Fristen zur Überprüfung der Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen fest. Wenn Sie dann die Schutzmaßnahme ergreifen, prüfen Sie sofort, ob sie wirksam war – warten Sie damit nicht bis zur Aktualisierung Ihrer Gefährdungsbeurteilung. Das Ergebnis der Prüfung ist zu dokumentieren.

Welches Fachwissen brauchen Sie?

Wer mit Gefahrstoffen umgeht oder für deren Einsatz Verantwortung trägt, muss viel wissen und können. § 2 Abs. 16 Gefahrstoffverordnung listet die dafür nötigen Anforderungen auf:

(…) eine entsprechende Berufsausbildung, Berufserfahrung oder eine zeitnah ausgeübte entsprechende berufliche Tätigkeit sowie die Teilnahme an spezifischen Fortbildungsmaßnahmen.

Deshalb dürfen nach § 6 Abs. 11 und § 19 Abs. 4 Gefahrstoffverordnung nur fachkundige Personen die Gefährdungsbeurteilung Gefahrstoffe durchführen.

Darüber hinaus ist Fachkunde erforderlich dafür

Nähere Einzelheiten zu den erforderlichen Kenntnissen finden Sie wieder in der TRGS 400 „Gefährdungsbeurteilung für Tätigkeiten mit Gefahrstoffen“, insbesondere in Abschnitt 4.1.

Neuer DGUV Grundsatz zur Fachkunde für die Gefährdungsbeurteilung Gefahrstoffe

Wie können Sie sich als Mitarbeiter nun die notwendige Fachkunde aneignen? Dazu hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) im November 2018 den DGUV Grundsatz 313-003 („Grundanforderungen an spezifische Fortbildungsmaßnahmen als Bestandteil der Fachkunde zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen“) veröffentlicht.

Dieser Grundsatz beschreibt die Anforderungen, denen eine Fortbildung genügen muss, damit die Teilnehmer dann Gefährdungen bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen fachkundig beurteilen können. Dabei können Interessierte, abhängig von der Komplexität der Aufgaben und der verwendeten Hilfsmittel, eine Fortbildung mit einem geringeren Umfang gegenüber dem Standardumfang (48 Lehreinheiten) abschließen.

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„Gefahrstoffbeauftragte“ gibt es rechtlich gesehen gar nicht

In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Frage nach der Qualifikation zum „Gefahrstoffbeauftragten“ laut, die von verschiedenen Lehrgangsträgern angeboten wird. Hierzu ist zu bemerken: Den Begriff „Gefahrstoffbeauftragter“ gibt es im Deutschen Arbeitsschutzrecht gar nicht.

Die Unfallversicherungsträger kennen lediglich den Begriff des Sicherheitsbeauftragten. Dessen Aufgaben finden sich in folgenden Regelwerken wieder:

  • § 22 des Siebten Buches Sozialgesetzbuch (SGB VII)
  • § 20 der DGUV Vorschrift 1
  • Abschnitt 4.2 der DGUV Regel 100-001

Die Aufgaben der Sicherheitsbeauftragten beschränken sich jedoch nicht auf den Bereich der Gefahrstoffe. Sicherheitsbeauftragte unterstützen Fachkräfte für Arbeitssicherheit in allen Fragen des Arbeitsschutzes.

Unabhängig davon kann jeder Betrieb natürlich seinen Funktionsträgern beliebige Bezeichnungen zuordnen, zum Beispiel diejenigen, die im Bereich der Gefahrstoffe Aufgaben wahrnehmen, als „Gefahrstoffbeauftragte“ bezeichnen. Das macht diese Bezeichnung jedoch noch lang nicht „offiziell“ im Sinne irgendwelcher gesetzlicher Regelungen.

 

Autoren: Ulrich Welzbacher (Von Juli 1980 bis November 2006 Referatsleiter "Gefährliche Stoffe" bei der Berufsgenossenschaftlichen Zentrale für Sicherheit und Gesundheit - BGZ im Hauptverband der Gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG, heute Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung - DGUV).), Dr. rer. nat. Karlheinz Guldner (Dr. rer. nat. (Dipl.-Chem.) Karlheinz Guldner ist stellvertretender Leiter des Technischen Aufsichtsdienstes der Berufsgenossenschaft der keramischen und Glasindustrie in Würzburg.)