18.01.2018

Sicherheitshinweise: so etwas wie ein Sicherheitsbewusstsein erzeugen

Sicherheitshinweise stehen seit einiger Zeit auf dem Prüfstand. Nicht nur das Buch „Warn Out” von Dietrich Juhl hat zum Nachdenken über das Thema Sicherheits- und Warnhinweise angeregt. Auch andere Experten und Autoren nehmen sich des Stoffs an und versuchen, die ausgeuferte Entwicklung zu stoppen oder zumindest in erträgliche Bahnen zu lenken.

Warnhinweise

Als einer derjenigen, die sich diesem Thema in Beiträgen und Gesprächen widmen, hat unser Herausgeber Kornelius R. Böcher Matthias Schulz befragt, Autor des Buchs „Sicherheits- und Warnhinweise in Anleitungen”. Das Buch ist eine Überarbeitung und Weiterentwicklung seines bereits vor vielen Jahren verfassten Buchs „Sicherheitshinweise richtig formulieren und gestalten” und behandelt die Thematik detailliert sowie mit praktischen Übungen angereichert.

Interview mit Matthias Schulz

Kornelius R. Böcher

Herr Schulz, Sie haben sich intensiv mit der Gestaltung von Sicherheitshinweisen beschäftigt und sogar ein Buch über das Thema geschrieben. Es scheint immer noch – Ihr Buch gibt es inzwischen bereits ein Vierteljahrhundert – kein leichtes Thema zu sein und bereits die korrekte Verwendung der Begriffe wie Sicherheitshinweis oder Warnhinweis und die Verwendung der Sicherheitszeichen scheint viele zu überfordern. Hat sich der Zustand inzwischen gebessert, will heißen, sind die Sicherheitshinweise allgemein besser geworden?

Matthias Schulz

Wir haben auf allen Gebieten der Technik-Dokumentation eine Professionalisierung erlebt, die sich rasch fortsetzt. So sind auch Warnhinweise viel besser geworden. Ich sehe aber noch immer hin und wieder die alten Fehler, vor allem unverständliche Terminologie und unnötig lange Sätze. Die Sicherheitskapitel sind in vielen Fällen nicht mehr als Sammlungen von Warnhinweisen. Das ist nicht zeitgemäß und entspricht nicht der Idee von EN 82079-1 Kapitel 5.5.1.

In meinen Seminaren unterrichte ich daher gegenwärtig bereits eine neue Strategie unter dem Titel „Sicherheitskapitel 2.0”. Dieses Konzept wird auch in die nächste Fassung meines Buchs Eingang finden. Die 2016er-Version enthält dazu zwar ein Kapitel, aber meine Überlegungen gehen schon wieder weiter. Auf diesem Gebiet gibt es ein paar andere Kollegen, die an verschiedenen Ansätzen arbeiten. Dietrich Juhl z.B. meint, wir müssten viel mehr zu richtigem Handeln anleiten (didaktisch optimiert), statt vor Gefährdungen einfach nur zu warnen. Roland Schmeling setzt sich für ein ganzheitliches Sicherheits- und Informationskonzept ein.

Aus der Summe dieser Überlegungen, Muster- und Versuchsarbeiten dazu erwächst in den nächsten Jahren gewiss weiterer Fortschritt. Wir denken heute viel stärker an den Nutzen des Lesers/Konsumenten als einfach nur an das Vermeiden von Haftung und Unfällen.

Kornelius R. Böcher

Was kann ich mir unter einem „ganzheitlichen Sicherheitskonzept” vorstellen? Bisher war ich der Ansicht, die bisher angesprochenen Punkte im SAFE-Konzept zu finden. Hat derjenige, der diese Punkte beachtet, die Schwere der Gefahr, die Art und Quelle, die Folgen und die Vermeidungsmaßnahmen, noch nicht genug getan bzw. anders gefragt: Halten Sie das SAFE-Konzept für nicht mehr ausreichend oder gar überholt?

Matthias Schulz

SAFE bezieht sich ja nur auf Warnhinweise; Schwere der Gefährdung / Höhe des Risikos, Art und Quelle der Gefährdung, mögliche Folgen, Entkommen / Maßnahmen zur Vermeidung. Die Warnhinweise oder Sicherheitshinweise im Kapitel Sicherheit sind ja aber die Ultima Ratio als Maßnahmen zum Erreichen von Sicherheit. Ein ganzheitliches Sicherheitskonzept versucht im Anschluss an die Ermittlung der Gefährdungen und der Einschätzung des Risikos zuerst die Gefährdung an sich zu beseitigen oder den Menschen aus der Situation zu entfernen.

Geht das nicht, versucht man mit technischen Maßnahmen (Abdeckung, Überwachung oder Zustimmung zur Gefährdung) das Risiko zu mindern. Erst wenn das alles nicht fruchtet oder ein noch immer nennenswertes Restrisiko verbleibt, kommen Warn- und Signaleinrichtungen, Schilder und eben die Ultima Ratio in Betracht: Warnhinweise in der Anleitung. Ganzheitlich meint hier also entlang des Entwicklungsprozesses zu versuchen, Sicherheit möglichst frühzeitig zu erreichen.

Im Idealfall ganz ohne Sicherheits- und Warnhinweise. Ganzheitlich meint auch sorgfältig die Nutzerqualifikation, die Anwendungssituation und -umgebung zu berücksichtigen.

Kornelius R. Böcher

Sie warnen in Ihrem Buch vor dem „Gesundschreiben” von Produkten, und dass Gefahrenanalysen noch nicht Standard sind. Demgegenüber gibt es z.B. die horrenden Warnungen vor Gefahren durch Batterien, die zum Teil stark übertrieben wirken und den potenziellen Käufer z.B. einer Taschenlampe zutiefst erschrecken müssen. Aus meiner Sicht gibt es da in beiden Richtungen jede Menge Halbwissen, Gutdünken, aber auch Versäumnisse. Wird es hier irgendwann zu einer klaren Linie kommen?

Matthias Schulz

Menschen neigen immer wieder zu Extremen. Insbesondere nachdem neue Regeln veröffentlicht werden oder einzelne Mitarbeiter eine Schulung genossen haben, kommt es gern zum „Überschwingen”. Es ist erforderlich, den Entstehungsprozess von Produkt und Information zum Produkt zu integrieren. Die Risikobeurteilung ist dazu ein unerlässlicher Schritt. Hier werden aber von vielen noch immer ungeeignete Methoden eingesetzt, sodass die Risikobeurteilungen oft nicht die Informationen enthalten, die Technik-Redakteure für eine professionelle Erarbeitung der Sicherheits- und Warnhinweise benötigen. Aus Unwissen oder auch Furcht vor Haftung wird dann manchmal zu viel des Guten getan. Angst war noch nie ein guter Ratgeber.

 

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Das vollständige Interview lesen Sie in unserem Praxismodul „Technische Dokumentation„.

Autor: Kornelius R. Böcher