Shop Kontakt

Darf man durch eine zusätzliche Not-Aus-Einrichtung den Brandschutz erhöhen?

Ein Unternehmen führt Tests mit hohen Strömen durch, weshalb im Fall eines Defekts eine erhebliche Brandgefahr besteht. Aus diesem Grund soll die Not-Aus-Einrichtung erweitert werden. Ist dies so zulässig und der Schutz ausreichend?

Not-Aus-Einrichtung bei Maschinen

Die Not-Aus-Einrichtung eines Unternehmens soll erweitert werden. Dort werden Tests mit hohen Strömen bis zu 350 Ampere durchgeführt, wodurch im Fehlerfall eine erhebliche Brandgefahr besteht. Derzeit gibt es eine Abschaltbox mit Temperaturüberwachung, die eine Zwangsabschaltung über Finder-Sicherheitsrelais ausführt. Die Bestromung wird abgeschaltet

  • durch Betätigung der Not-Aus-Einrichtung (z.B. Türöffner, Not-Aus-Taster),
  • durch Abschalten des Klimaschranks bei Defekt,
  • oder bei Übertemperatur über 170 °C.

Not-Aus-Einrichtung so zulässig?

Die Abschaltung soll erweitert werden. Grundsätzlich gilt: Not‑Befehlseinrichtungen sind ergänzende Schutzmaßnahmen.

  • Not-Aus trennt die Stromversorgung und beseitigt elektrische Gefährdungen.
  • Not-Halt stoppt gefährliche mechanische Bewegungen.

Elektrotechnischer Brandschutz wird jedoch vor allem durch eine fachgerechte Installation und die Schutzmaßnahmen gemäß DIN VDE 0100‑420:2022‑06 sichergestellt. Dazu gehören die richtige Auswahl von Betriebsmitteln und Leitungen (inkl. CPR‑Euroklassen) sowie geeigneter Überstrom‑ und Fehlerstromschutz. In Bereichen mit erhöhtem Brandrisiko ist eine Risiko‑ und Sicherheitsbewertung erforderlich; Fehlerlichtbogen‑Schutzeinrichtungen (AFDD) können eine geeignete Maßnahme sein.

Wichtig: Sicherheitslogiken für Not‑Befehlseinrichtungen müssen sicherheitsgerichtet ausgelegt sein und den geforderten Performance Level (mind. PLr = c) nach ISO 13849-1 erfüllen. Nicht‑sicherheitsgerichtete Steuerungen sind dafür nicht zulässig.

Im Beispielfall sollen Shaker, Klimakammer und Netzgeräte überwacht werden. Bei einem Defekt sollen alle anderen Geräte über deren Not-Aus-Eingänge abgeschaltet werden. Zusätzlich sollen die Netzteile über ihre Signalleitungen überwacht werden, um sicherzustellen, dass der Ausgang der Netzteile tatsächlich auf „OUT-ON“ steht.

Geplant ist die Umsetzung mit der vorhandenen Abschaltbox und einer Siemens Logo zur Abschaltung von Shaker und Klimakammer. Die Netzteile werden ebenfalls über die Abschaltbox abgeschaltet. Eingesetzte Geräte sind:

  • RMS-Shaker (RMS SW 8500-SWH701APP-TGE10-5)
  • Weiß Klimakammer (ähnlich Weiß WK3-270/70/10)
  • Heinzinger GEN10-400 (bis zu vier Stück parallel)
  • JUMO iTRON 32 (Temperaturerfassung)
  • Temperatursensor Typ K

Die zentrale Frage lautet: Darf die Not-Aus- bzw. Abschalteinrichtung so ausgeführt werden und ist der Schutz ausreichend?

Die Antwort vorweg: Eine Erweiterung der Not-Aus-Einrichtung hat keinen wesentlichen Einfluss auf den elektrotechnischen Brandschutz. Im Folgenden erfahren Sie, warum – und welche Maßnahmen stattdessen empfohlen werden.

Ursachen für Defekte und Brandgefahr

Ein Defekt in der beschriebenen Anlage kann unterschiedliche Ursachen und Folgen haben. Liegt ein Fehler innerhalb der elektrischen Anlage vor – etwa ein Körperschluss oder ein Isolationsfehler – erhöht sich die Brandgefahr deutlich.

Brandrisiko auch bei niedrigen Stromstärken

Für eine Brandauslösung sind nicht zwingend hohe Stromstärken erforderlich. Bereits Stromstärken unter 100 Milliampere könnten unter geeigneten Umgebungsbedingungen genügend Zündenergie liefern, um einen Brand zu entfachen. Mit zunehmender Dimensionierung der Anlage steigt die verfügbare Anschlussleistung. Die Energieversorgung wird erst bei deutlich höheren Stromstärken durch vorgeschaltete Leitungsschutzorgane abgeschaltet.

Eine fachgerechte Installation vorausgesetzt, bedeutet eine höhere Stromstärke jedoch nicht automatisch eine höhere Zündenergie. Versicherungsstatistiken zeigen: Viele Brände in vielen Fällen entstehen durch ortsveränderliche Betriebsmittel – häufig aufgrund fehlerhafter Dimensionierung oder unsachgemäßer Anwendung durch den Betreiber.

Feuergefährdete Umgebung

Für die Entstehung eines Brandes ist nicht nur ein Fehler in der elektrischen Anlage entscheidend, sondern auch die Umgebung. Befindet sich die Anlage in einer feuergefährdeten Betriebsstätte, muss der Betreiber dies gegenüber dem Feuerversicherer deklarieren und die Richtlinien zur Schadensverhütung VdS 2033:2019-11 beachten. Diese Richtlinie definiert die Rahmenbedingungen und die daraus abzuleitenden Maßnahmen.

Im Abschnitt 3 der VdS 2033 „Elektrische Anlagen in feuergefährdeten Betriebsstätten und diesen gleichzustellende Risiken“ heißt es:

„3.1 Feuergefährdete Betriebsstätten

sind nach den „Sicherheitsvorschriften für elektrische Anlagen bis 1.000 V“ (VDS 2046) Räume oder Orte oder Stellen in Räumen oder im Freien, bei denen die Brandgefahr durch

  • die Art der verarbeiteten oder gelagerten Materialien,
  • die Verarbeitung oder die Lagerung von brennbaren Materialien oder
  • die Ansammlung von Staub oder Ähnlichem

verursacht wird.“

Vorgaben der DIN VDE 0100-420:2022-06

Nach der Einstufung als feuergefährdete Betriebsstätte gelten besondere Vorschriften für die Installation und den Betrieb elektrischer Anlagen. Maßgeblich ist die Norm DIN VDE 0100-420 „Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 4-42: Schutzmaßnahmen – Schutz gegen thermische Auswirkungen“ zu nennen, die Anforderungen an Betriebsmittel und Leitungsanlagen definiert:

„Elektrische Betriebsmittel müssen so ausgewählt und errichtet werden, dass ihre Temperatur im bestimmungsgemäßen Gebrauch und die vorhersehbare Temperaturerhöhung im Fehlerfall ein Feuer nicht verursachen können.“

Diese Vorgabe umfasst unter anderem:

  • den erforderlichen Schutzgrad der Betriebsmittel,
  • die Beschaffenheit der Leitungsanlagen
  • sowie die Absicherung der Energieversorgung.

Fehler müssen nicht zum Brand führen

Werden diese Maßnahmen umgesetzt und Installation, Betrieb sowie Instandhaltung fachgerecht durchgeführt, führen Fehler in elektrischen Anlagen in der Regel nicht zu einem Brand.

Der bauliche Brandschutz wird hier nicht betrachtet, ist jedoch in der Praxis ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.

Not-Aus-Einrichtung: Leitungs- und Geräteschutz

Eine Erweiterung der Not-Aus-Einrichtung hat keinen nennenswerten Einfluss auf den elektrotechnischen Brandschutz.

Stattdessen sollte der Fokus auf dem Leitungs- und Geräteschutz liegen, um brandgefährliche Situationen zu vermeiden. Empfohlene Maßnahmen sind:

  • Vorschalten eines RCDs (Fehlerstrom-Schutzschalter)
  • Überprüfung der Leitungsanlagen
  • Verbesserung des Schutzgrads, um Erwärmungen oder Isolationsfehler zu reduzieren

In feuergefährdeten Betriebsstätten ist gemäß DIN VDE 0100‑420, Abschn. 421.7, eine Risiko‑/Sicherheitsbewertung erforderlich. AFDDs können – abhängig vom Ergebnis – als zusätzliche Maßnahme vorgesehen werden.

Eingriffe in Sicherheitskreise

Eingriffe in die Sicherheitskreise der Geräte müssen mit dem Hersteller abgestimmt werden.

Bei wesentlichen Veränderungen (z. B. Eingriff in Sicherheitsfunktionen) kann der Betreiber rechtlich zum Hersteller werden. In diesem Fall ist eine neue Konformitätsbewertung erforderlich. Ab 20.01.2027 gilt die EU-Maschinenverordnung unmittelbar.

Cybersicherheit

Sind Not‑Befehlseinrichtungen oder Abschaltboxen vernetzt oder programmierbar, ist die TRBS 1115‑1 anzuwenden. Sie definiert Schutzziele und Prüfanforderungen für die IT-Sicherheit sicherheitsrelevanter Steuerungen.

Vorbeugende Instandhaltung

Um Fehler zu vermeiden, die eine Abschaltung im Normalbetrieb verhindern, sollte die vorbeugende Instandhaltung intensiviert werden. Bleibt dies erfolglos, muss die Auslegung der Maschine oder Anlage grundsätzlich überprüft werden. Der Hersteller sollte hierzu Informationen zur Risikobeurteilung im Rahmen der Konformitätsbewertung liefern.

Autor*in: Jörg Belzer

gratis download
Gratis-Mustervorlage: Anforderungsprofil Elektrofachkraft

Gra­tis-Mus­tervor­la­ge: An­forde­rungs­profil Elektro­fachkraft

Inhalte der Checkliste zum Anforderungsprofil Elektrofachkraft Abgefragt werden: Ausbildungsstand der künftigen ...

Herunterladen

Unsere Empfehlungen für Sie