Fachbeitrag | Logistik 02.02.2015

Wo ist der richtige Logistik-Standort?

Von der Entscheidung für den richtigen Logistik-Standort hängt wie so oft das Mithalten mit dem Wettbewerb ab. So führt die zunehmende Globalisierung zu neuen Distributionsstrukturen, die sich nicht mehr an Länderzonen und einmal getätigten Investitionen orientieren. Weit mehr ist der Servicegrad für den Kunden in einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Lieferqualität, Zeit und Kosten sicherzustellen.

Nicht zuletzt die Erweiterung der EU während der letzten Jahre veränderte die Frage nach dem Logistik-Standort grundlegend. Dazu addieren sich noch Einflüsse aus dem ständig wachsendem Konsum und dem Investitionsgüterbedarf in diesem Teil Europas. Neue Standorte entstehen, Produktionsstätten werden größer und die Globalisierung fordert eine immer weitere Anpassung der Distributionsstrukturen.

Bei einigen durch neue Überlegungen entstandenen Distributionssystemen und Infrastrukturmaßnahmen sind geplante Einzelschritte noch nicht vollständig umgesetzt. Neben den Veränderungen in den Absatzmärkten verlangt die zunehmende Konzentration der produzierenden Unternehmen auf wenige, aber größere Produktionsstätten nach einer Überprüfung der Distributionsstrukturen.

Es ist also bei Standortentscheidungen zu fragen, welche Rahmenbedingungen sich erneut verändert haben und wie eine Überprüfung der vorgesehenen Distributionsstrukturen ausfällt. Dabei zeigen sich unter den neuen Distributionskonzepten ganz deutlich als optimale Lösung die Mischkonzepte. Über die Vor- und Nachteile verschiedener Standortmodelle soll hier gesprochen werden.

Anlass für neue Entscheidungen zum Logistik-Standort

Mithalten mit dem Wettbewerb

Der Wunsch der Kunden nach immer größerer Individualität führt bei den Produktions- und Handelsunternehmen zu einer Explosion der Sortimente. Unverkennbar sind außerdem die Bedürfnisse der Kunden in allen konsumgetriebenen Märkten nach kurzen Lieferzeiten. Einen Übernachtservice oder eine 24-Stunden-Lieferzusage sind sowohl beim Geschäft mit Endkunden als auch im B2B-Bereich nicht mehr als Wettbewerbsvorteil zu sehen, sondern in vielen Fällen selbstverständliche Voraussetzungen für die Teilnahme am Markt.

Neue Distributionskonzepte

Sowohl die schnelle und effiziente Bereitstellung der Produkte in den Outlets des Handels als auch die Belieferung des Endkunden bei kurzen Lieferzeiten erfordert neue Distributionskonzepte, die anders aussehen werden als die Strukturen der Vergangenheit. Dazu einige Beispiele:

  • Transportgeschwindigkeit: Die Schnelligkeit der Transporte sowohl bei den Paketdiensten als auch bei den Speditionsunternehmen ermöglicht erheblich großräumigere Absatzgebiete, die im 24-h-Service versorgt werden können.
  • Service Level Agreements: Für kleinvolumige oder hochpreisige Sendungen lässt sich Europa heute schon aufgrund der vielfältigen Transportsysteme mit einem marktgerechten Servicegrad von einem europäischen Zentrallager aus erschließen.
  • Cross-Docking: Ein großer Teil der Produktionsunternehmen hat seine Logistik den Wünschen seiner Kunden so angepasst, dass die Kundenaufträge schon im Zentrallager kommissioniert und über HUBs ohne zusätzliches Handling direkt weitergeleitet werden.
  • Bündelungseffekte: Resultierend aus einem Bündelungseffekt – bei weiterer Konzentration – lassen sich die Prozesse automatisieren und es werden zusätzliche Kostenpotenziale erzielt.
  • Bestandsreduzierungen: Durch die Konzentration auf weniger Standorte lassen sich bei unverändertem Servicegrad Bestandshöhen reduzieren. So können noch mehr Kostenpotenziale freigesetzt werden, die sich auf die Distributionskosten direkt auswirken.

All diese Veränderungszwänge führen Unternehmen hin zur Entscheidung, die Distributionsstrukturen vollständig zu reorganisieren. Dabei sind, in Abhängigkeit von Sortimenten, Serviceanforderungen und Absatzgebieten, sowohl einstufige als auch mehrstufige Distributionskonzepte denkbar. In vielen Fällen stellen Mischkonzepte mit selektiver Bestandsführung die optimale Lösung für die Erschließung der Märkte dar.

Entscheidungskriterien für die Auswahl des Logistik-Standorts

Folgende Vor- und Nachteile sind zu berücksichtigen:

  • Absatzgebiete/Kundenpotenziale: Entscheidend für die Positionierung eines neuen Distributionszentrums sind die Lage der Quellen (Produktionsstandorte) und Senken (Kunden). Dabei können regionsspezifische Aspekte die Lage eines Distributionszentrums erheblich beeinflussen. Unter demographischen Gesichtspunkten und nach der Kaufkraft der Bevölkerung liegt der optimale Schwerpunkt bei einstufiger Distribution für Deutschland einschließlich der neuen Bundesländer westlich von Kassel (ohne die neuen Bundesländer befand sich dieser Standort in der Nähe von Kamen). Betrachtet man diese Untersuchung europaweit, so ergibt sich unter Versorgungs- und Transportgesichtspunkten ein Standort in der Nähe von Aachen.
  • Personalverfügbarkeit: Ein weiteres für die Standortentscheidung wichtiges Kriterium ist die Personalverfügbarkeit in der jeweiligen Region. Dabei ist die Arbeitslosenquote ein gut quantifizierbares Bewertungskriterium, wobei oft die erforderlichen Qualifikationen nicht erhältlich sind. Für den Betrieb eines Logistikzentrums sind vorwiegend gewerbliche Mitarbeiter erforderlich, was das Einzugsgebiet für die Personalrekrutierung auf maximal 30 km rund um den vorgesehenen Standort begrenzt.
  • Lohnkostenniveau:  Neben der Verfügbarkeit des Personals ist das Lohnkostenniveau der jeweiligen Region für den späteren wirtschaftlichen Betrieb des Distributionszentrums von entscheidender Bedeutung. Liegt der favorisierte Standort in der Nähe einer Metropole oder sind große Unternehmen, z.B. die Automobilindustrie oder die Energie erzeugende Wirtschaft, am Standort, so wird das Lohnniveau oft von diesen Unternehmen stark beeinflusst.
  • Grundstücksverfügbarkeit und -kosten: Da es sich bei Neuansiedlungen von großen Logistikzentren oft um Hallenflächen bis zu 30.000 m² mit erheblichen Verkehrswegen handelt, sind Grundstücksflächen von bis zu 50.000 m² erforderlich. Diese Größe von Grundstücksflächen sind gerade in den für Logistikansiedlungen bevorzugten Regionen kaum noch verfügbar. In vielen Fällen sind die Kommunen unter Beachtung der neuen Arbeitsplätze, die mit der Ansiedlung verbunden sind, zu Zugeständnissen bei der Höhe der Grundstückskosten bereit.
  • Steuern, staatliche Förderung, Gesetzgebung: Bei der Ansiedlung von großen Logistikzentren, bei denen auch grenzüberschreitende Überlegungen eine Rolle spielen, ist die steuerliche Gesetzgebung in den jeweiligen Ländern zu beachten.Unter den Aspekten der Gewerbesteuer und der maximalen Steuersätze bildet Deutschland immer noch das Schlusslicht im Ländervergleich, was bei einer Standortentscheidung die Auswahl für einen Standort außerhalb Deutschlands präferiert. Ein zweiter wichtiger Aspekt beinhaltet die Förderungsmöglichkeiten von Großinvestitionen, die im Extremfall bis zu 40 % der Investitionssumme betragen können. Diese maximalen Fördermöglichkeiten sind besonders in den strukturschwachen Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit möglich. Daneben gibt es an einigen Standorten unterschiedliche regionale Förderprogramme, die sich aus einer Vielzahl von Sondersubventionen zusammensetzen.
    Eine pauschale Aussage, welche Förderung an welchem Standort möglich ist, kann nur individuell beantwortet werden. Eine erste Übersicht hierzu gibt die Förderdatenbank-Seite des Wirtschaftsministeriums. Neben diesen monetären Aspekten ist auch die Unterstützung durch die regionalen Wirtschaftsförderungen für eine Ansiedlung von Bedeutung.
  • Investitionen, Betriebskosten, Flexibilität: Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Ansiedlung sind die relativen Investitionen für Gebäude und Anlagen. Hierbei hat sich das Niveau für die lager– und materialflusstechnischen Einrichtungen in den hoch industrialisierten Ländern angeglichen, was auch durch die international agierenden Systemintegratoren hervorgerufen wird.

Die Standortwahl für ein neues Distributionszentrum ist für jedes Unternehmen eine erfolgsprägende Entscheidung. Dabei werden Distributionsstrukturen festgelegt, die aufgrund der Gebäudeinvestitionen oft länger als 25 Jahre Bestand haben. Deshalb sollten nicht vordergründige kurzfristige Erfolgspotenziale die Entscheidung beeinflussen, sondern die strategische Markterschließung, der gewünschte Servicegrad und die Entwicklung der zukünftigen Absatzmärkte die Entscheidung prägen.

In jedem Fall sollten nach einer grundsätzlichen strategischen Entscheidung auch alle Förderungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden, obwohl die grundsätzliche Wirtschaftlichkeit auch ohne diese Investitionshilfen möglich sein muss. Bei jeder Standortwahl muss ein individuelles, für das Unternehmen spezifisch angepasstes Distributionskonzept erarbeitet werden. Eine pauschale, immer gültige Aussage über unterschiedliche Standorte ist nicht möglich und hängt vom jeweiligen Geschäftsmodell ab.

Foto: © DigitalGenetics/fotolia

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Autor: Wolfgang Seifert