Fachbeitrag | Information
27.01.2016

Sparring für den Sprecher

Große Reden sind selten das Werk eines Einzelnen – schon gar nicht in der Politik. Wichtige Manuskripte entstehen meist in Gemeinschaftsarbeit. Mit Dritten um die richtigen Inhalte zu ringen, kann für den Vortragenden mühevoll sein. Warum es sich trotzdem empfiehlt, die eigenen Gedanken zur Debatte zu stellen.

Mann mit Megaphon© Thinkstock /​ iStock /​ RyanKing999

„Bundespräsident hielt falsche Weihnachtsansprache!“ Kaum war das Fest vorüber, enthüllten mehrere Medien einen vermeintlichen Skandal. Als ganz so schlimm, wie es manche Schlagzeile dem Leser weismachen wollte, entpuppte sich die Sachlage dann aber doch nicht. Was war passiert? Joachim Gauck hatte im ersten Anlauf seines Jahresrückblicks auf 2015 an die Flugzeugkatastrophe „in den Pyrenäen“ erinnert – tatsächlich hatte sich der tragische Absturz einer Germanwings-Maschine jedoch in den französischen Alpen ereignet. Obwohl Gaucks Redemanuskript vor der TV-Aufzeichnung über viele Schreibtische im Bundespräsidialamt gewandert war, wurde der Fauxpas erst kurz vor der Ausstrahlung entdeckt. Das Staatsoberhaupt musste daraufhin seinen Weihnachtsurlaub unterbrechen und den (nun korrigierten) Text ein zweites Mal vor den Fernsehkameras einsprechen.

Mehr-Augen-Prinzip

Das prominente Beispiel zeigt erstens: Menschen machen Fehler, selbst ein Bundespräsident und seine professionellen Redenschreiberstäbe sind davor nicht gefeit. Und zweitens: Wo mehrere Beteiligte über einen wichtigen Text schauen, steigen die Chancen, dass ein Lapsus noch rechtzeitig entdeckt wird, bevor er publik wird. Diese Mechanismen sollte auch jeder Bürgermeister verinnerlichen. Wann immer eine wegweisende Rede ansteht, sind Sie gut beraten, Ihr Manuskript nicht im Alleingang aus der Taufe zu heben. Auch wenn Sie den roten Faden bereits im Kopf haben: Beraten Sie sich mit Parteifreunden und Vertrauten über die Grundlinie Ihrer Ansprache. Holen Sie die Meinung Dritter ein und stellen Sie mindestens Ihr grobes Redegerüst zur Debatte.

Perspektive wechseln

Kritik und Widerspruch können Ihnen helfen, Schwachpunkte in der Argumentation aufzudecken und Ihre Rhetorik zu präzisieren. Denn so sicher Sie sich Ihrer Sache auch sein mögen: Im Dialog mit Ihrem Gegenüber stoßen Sie möglicherweise auf völlig neue Gesichtspunkte, die Sie in Ihrem Redekonzept bislang noch nicht berücksichtigt haben. Oder Sie merken, dass ein bestimmter inhaltlicher Aspekt gar nicht unbedingt die Relevanz hat, die Sie ihm zunächst beigemessen haben. Das gedankliche Sparring kann Ihnen helfen, sich in Ihr Publikum hineinzuversetzen und seine Erwartungen besser zu erfassen – sodass Sie Ihre Ansprache noch genauer auf Ihre Zuhörerschaft zuschneiden können.

Stimmen die Fakten?

Das Manuskript ist endlich fertig? Dann scheuen Sie sich nicht, es im Detail von einer vertrauten Person gegenlesen zu lassen. Die aberwitzigsten Fehler schleichen sich oft an Stellen ein, an denen wir sie am wenigsten vermuten, weil wir uns in Gewissheit wiegen, dass alles seine Richtigkeit hat. Eine Namensverwechslung, ein Zahlendreher beim Gründungsdatum, ein falsch zugeordnetes Zitat – oft sind es Kleinigkeiten, die große Peinlichkeiten auslösen können. Gehen Sie also auf Nummer sicher und unterziehen Sie Ihren Redetext nicht nur einem Logik-, sondern immer auch einem Fakten-Check, bevor Sie ihn zum Besten geben.

Autor: Nicola Karnick (Nicola Karnick ist Redenschreiberin und Autorin von "Praktische Redenbausteine für Bürgermeister".)

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