22.06.2020

Anforderungen an Flucht- und Rettungswege

Arbeitgeber sind verpflichtet, den Beschäftigten jederzeit eine Flucht aus einem durch einen Schadensfall gefährdeten Bereich der Arbeitsstätte zu ermöglichen. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Flucht- und Rettungswege ihre lebensrettende Funktion im Ernstfall auch erfüllen können.

Fluchtweg

Verkehrswege, Flucht-und Rettungswege und Notausgänge sind ständig nutzbar zu halten. Diese müssen darüber hinaus auch den baurechtlichen Erfordernissen genügen. Der Arbeitgeber hat gemäß den einschlägigen Arbeitsstättenregeln einen Flucht- und Rettungsplan aufzustellen und auszuhängen oder auszulegen. Regelmäßige Flucht- und Rettungsübungen (Räumungsübungen) dienen der Schulung und Sicherheit der Beschäftigten. Diese Übungen sind durch den Brandschutzbeauftragten vorzubereiten und unter seiner Leitung durchzuführen.

Definition Flucht- und Rettungsweg

Rettungswege sind bidirektional (zwei Richtungen) und dienen insbesondere im Brandfall folgenden Zwecken:

  • Fluchtweg zur zügigen Selbstrettung Betroffener
  • Angriffsweg für Rettungskräfte und Kräfte der Feuerwehr zur Fremdrettung Betroffener
  • Angriffsweg für Kräfte der Feuerwehr zur schnellen Durchführung wirksamer Löschmaßnahmen

Im Arbeitsstättenrecht werden weitere Anforderungen an Fluchtwege gestellt. Fluchtwege sind Verkehrswege, die der Selbstrettung für die Beschäftigten dienen. Sie führen wie die im Bauordnungsrecht definierten Rettungswege ins Freie oder in einen gesicherten Bereich. Im Arbeitsschutzrecht wird allerdings die Selbstrettung der Beschäftigten über die Fluchtwege in den Vordergrund gestellt und es werden keine Randbedingungen zur Nutzung der Wege durch Rettungskräfte wie beim Rettungsweg formuliert.

Baurechtliches Erfordernis

Arbeitgeber sind verpflichtet, den Beschäftigten jederzeit eine Flucht aus einem durch einen Schadensfall gefährdeten Bereich der Arbeitsstätte zu ermöglichen. Dazu sind Verkehrswege, Fluchtwege und Notausgänge ständig frei zu halten. Erfordern es Lage, Ausdehnung und Art der Arbeitsstätte, hat der Arbeitgeber einen Flucht- und Rettungsplan aufzustellen und auszuhängen oder auszulegen. Regelmäßige Flucht- und Rettungsübungen (Räumungsübungen) dienen der Schulung und Sicherheit der Beschäftigten.

Bestandteile von Rettungswegen

Zum Rettungsweg in einem Objekt zählen baurechtlich folgende Komponenten:
  • notwendige Flure
  • notwendige Treppen und (Sicherheits-)Treppenräume
  • offene Gänge (Laubengänge)
  • Rettungsbalkone
  • Rettungstunnel
  • Ein- und Ausgänge ins Freie

Erfordernisse an Rettungswege aus den Bauvorschriften

Jede Nutzungseinheit mit mindestens einem Aufenthaltsraum muss in jedem Geschoss mindestens zwei voneinander unabhängige Rettungswege haben.

Ausnahme von der Notwendigkeit des zweiten Rettungswegs ist die Verfügbarkeit eines Sicherheitstreppenhauses.

Der erste Rettungsweg in nicht ebenerdigen Objekten ist über notwendige Flure und notwendige Treppen zu realisieren. Bei ebenerdigen Objekten ist der erste Rettungsweg entsprechend nur Ein- und Ausgang mit zugehörigen notwendigen Fluren.

Der zweite Rettungsweg kann über eine weitere notwendige Treppe führen (zweiter baulicher Rettungsweg) oder durch Rettungsgeräte der Feuerwehr realisiert werden. In letzterem Fall muss allerdings eine geeignete anleiterbare Stelle (ggf. auch mehrere) am Objekt vorhanden sein und die Feuerwehr muss über ein entsprechendes Rettungsgerät verfügen.

Die Ausführung des zweiten Rettungswegs mit Mitteln der Feuerwehr hat zwei gravierende Nachteile:

  • Eine Selbstrettung ist nicht möglich, weil auf das Eintreffen der Feuerwehr gewartet werden muss, um den Rettungsweg zu realisieren.
  • Die Rettungsraten über Leitern der Feuerwehr sind erheblich niedriger als über bauliche Rettungswege.

Die Anforderungen an einen Rettungsweg müssen hoch angesetzt werden. Über den Rettungsweg müssen Personen, die sich in den anliegenden Nutzungseinheiten befinden, das Gebäude im Gefahrenfalle schnellstens verlassen können und die Feuerwehr muss die Möglichkeit haben, zügig einen Angriff vortragen zu können. Dies führt insbesondere bei Objekten, in denen zahlreiche Personen zu erwarten sind wie z.B. Versammlungsstätten oder Verkaufsstätten, zu weitergehenden Anforderungen insbesondere an die bauliche Ausführung von Rettungswegen. Diese materiellen Anforderungen sind in den Landesbauordnungen und Sonderbauverordnungen insbesondere unter den Paragrafen-Überschriften „Treppenräume“, „Treppen“, „notwendige Flure und Gänge“ sowie „Rettungswege“ zu finden.

Bauliche Ausführung von Rettungswegen

Um eine möglichst lange Benutzung der Rettungswege zu gewährleisten, sind die Bauteile von Rettungswegen in einer gegenüber anderen Teilen des Gebäudes erhöhten Feuerwiderstandsqualität auszuführen.

Verkleidungen, Fußbodenbeläge und Einbauten in Rettungswegen sind in der Regel nur aus nicht brennbaren Baustoffen zu fertigen.

Keine Brandlasten in Rettungswegen

Das Einbringen von Brandlasten in Rettungswegen ist untersagt.

Rauchabführung in Rettungswegen

Um Rettungswege möglichst lange nutzen zu können, sollte eine Rauchabführung vorgesehen werden. Nicht nur Flüchtenden ohne Atemschutz wird die Flucht erleichtert, sondern auch die Feuerwehrkräfte unter Atemschutz können bei raucharmen Rettungswegen schneller und effektiver wirksame Löschmaßnahmen durchführen.

Rettungsweglänge

Um eine zügige Entfluchtung sowie eine rasche Einleitung von Löschmaßnahmen zu ermöglichen, sollten Rettungsweglängen, unabhängig von etwaigen gesetzlichen Vorgaben, stets minimiert werden.

Darüber hinaus kann dem Brandschutzbeauftragten bei der Ermittlung der maximal zulässigen Rettungsweglängen folgendes Schema hilfreich sein:

1. Schritt:
Feststellung der allgemeinen gesetzlichen Grundlage für die Festlegung von Rettungsweglängen
Rettungsweglängen sind nur für den ersten (baulichen) Rettungsweg vorgegeben. Die maximale Rettungsweglänge ist von der Gebäudeart abhängig. Daher finden sich nicht nur in den Landesbauordnungen, sondern auch in den einschlägigen Sonderbauvorschriften davon abweichende Maximalwerte für die Rettungsweglänge. Darüber hinaus können aus Vorschriften des Arbeitsstättenrechts kürzere Rettungsweglängen resultieren.
2. Schritt:
Feststellung der Bestandteile eines Rettungswegs
Der Rettungsweg besteht grundsätzlich aus horizontalen und vertikalen Anteilen. Dies sind insbesondere notwendige Flure und notwendige Treppen. Für den konkreten Fall sind die zu berücksichtigenden Anteile der Rettungsweglänge auszuwählen. Die gesamte Rettungsweglänge ergibt sich dann aus der Addition der Anteile.
3. Schritt:
Festlegung, was unter der Lauflänge eines Rettungswegs verstanden wird
Die Rettungsweglänge wird in der Regel als Entfernung von jeder Stelle eines Raums bis zum Ausgang ins Freie oder zum Ausgang in einen notwendigen Treppenraum definiert. In den Rechtsvorschriften finden sich allerdings im Wesentlichen drei unterschiedliche Messmethoden zur Festlegung der Rettungsweglänge:
  • tatsächliche Lauflänge
  • Entfernung in der Luftlinie
  • Entfernung in der Luftlinie, jedoch nicht durch Bauteile zu messen
4. Schritt:
Auswahl der einschlägigen Gebäudeart
In der folgenden Tabelle sind die häufigsten Gebäudearten aufgelistet und allgemein die Fundstelle für die zu dieser Gebäudeart festgelegte maximale Rettungsweglänge angegeben.
Gebäudeart
Fundstelle der Rettungsweglängenfestlegung
Wohn- und Bürogebäude
Landesbauordnung → 35 m
Hochhäuser
Sonderbauverordnung bzw. Richtlinie für Hochhäuser → 35 m
Verkaufsstätten
Sonderbauverordnung für Verkaufsstätten → 25 m
Versammlungsstätten
Sonderbauverordnung für Versammlungsstätten → 30 m bis 60 m
Beherbergungsstätten
Sonderbauverordnung für Beherbergungsstätten → 35 m
Krankenhäuser
Sonderbauverordnung für Krankenhäuser → 30 m
Garagen
Sonderbauverordnung für Garagen → 30 m bzw. 50 m
Schulen
Sonderbauverordnung bzw. Richtlinie für Schulen → 35 m
Industriebauten
Industriebaurichtlinie → 35 m bis 70 m
Straßentunnel
Richtlinie für die Ausstattung und den Betrieb von Straßentunneln (RABT) → 150 m
U-Bahn-Tunnel
Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung (BOStrab) → 300 m
5. Schritt:
Bestimmung der maximalen Rettungsweglänge 
Anhand der in Schritt 4 benannten Sonderbauvorschriften kann die individuelle maximale Rettungsweglänge bestimmt werden.

Rettungswegbreite

Die Mindestbreite der Rettungswege wird in den Landesbauordnungen und den zugehörigen Sonderbauverordnungen zumeist über die Mindestbreite notwendiger Flure und notwendiger Treppen definiert.

Beispielhaft gilt für die Rettungswegbreite in Versammlungsstätten: Für 200 auf den Rettungsweg angewiesene Personen müssen 1,20 m Rettungswegbreite zur Verfügung stehen. Vergrößerungen sind nur in Schritten von 0,60 m möglich.

Die regelmäßig geforderte Breite von notwendigen Fluren und Treppen (Rettungswege) in Verkaufsstätten beträgt 2,00 m. Diese Mindestbreite kann unter den in der Verkaufsstättenverordnung genannten Randbedingungen, dass die Verkaufsräume insgesamt eine Fläche unter 500 m2 haben, unterschritten werden.

Rechtlicher Rahmen für Rettungswege in Arbeitsstätten

Neben den baurechtlichen Vorschriften gelten für Arbeitsstätten zudem bundesweit gültige Anforderungen an Fluchtwege aus dem Arbeitsstättenrecht. Dies sind insbesondere § 4 Abs. 4 der Verordnung über Arbeitsstätten (Arbeitsstättenverordnung – ArbStättV) und die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A2.3 „Fluchtwege und Notausgänge, Flucht- und Rettungsplan“.

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Autor: Georg Spangardt