05.07.2018

Arbeitszeitverkürzung: Mehr Geld oder mehr Zeit?

So fragte ein Journalist in der Rheinischen Post. Wenn Sie die Wahl hätten – zwischen mehr Geld oder mehr Zeit für sich und die Familie, was würden wählen? Ich wage die Prognose, dass ziemlich viele sagen würden: „Ich nehme die Zeit!“ Und das ist keine ausschließliche Frage des Alters. Selbstverständlich spielt es eine Rolle, an welcher Stelle im Arbeits- und Privatleben Frau oder Mann gerade steht. Aber das Leben hat sich verändert – und damit auch das Wertegefüge. Für die „Generation Y“, also die zwischen 1980 und 1995 Geborenen, ist Glück oft wichtiger als Geld, Freizeit elementarer als Karriere, Privatleben erstrebenswerter als Macht. Viele wollen einfach nur Herr über die eigene Zeit sein. Selbstbestimmung ist „das“ neue Statussymbol.

Arbeitszeitverkürzung

Diskussionsrunde: Phasenweise 28-Stunden-Woche

Auch in diesem Jahr hat Bürgermeister Christoph Fleischhauer Vertreter der Personal- und Betriebsräte und der Gewerkschaften zum Arbeitnehmerempfang ins Rathaus eingeladen. „Phasenweise 28-Stunden-Woche: Segen für die Belegschaft, Chance oder Fluch für den Arbeitgeber?“, lautete das Diskussionsthema. Zu Gast in der Talkrunde war auch Heidi Roggenkamp. Arbeitszeitverkürzung? „Es wäre schön, wenn wir diese Chance bekämen“, sagt die Personalratsvorsitzende der Stadt Moers. „Der Wind im öffentlichen Dienst weht nur leider in eine ganz andere Richtung.“ Die Situation in Moers sei stark geprägt von der defizitären Haushaltslage. „Hier wird schon seit vielen Jahren auf Kosten der Beschäftigten gespart“, sagt Roggenkamp. Das werde jetzt besonders im Zusammenhang mit der Tatsache deutlich, dass es Berufsgruppen gibt, die die Stadt dringend braucht, aber nicht bekommt. Erzieher zum Beispiel. „Als wir zum Arbeitskampf aufgerufen haben, haben viele gesagt, sie hätten zwar gerne mehr Geld – Erzieher seien schließlich chronisch unterbezahlt –, aber eine Arbeitszeitverkürzung wäre ihnen lieber“, betont die Personalratsvorsitzende. Wenn es für die Stadt Moers in Zukunft also darum geht, qualifiziertes Personal zu finden und zu binden, sollte sie diese Option zumindest in Betracht ziehen. Auch weil der öffentliche Dienst – auch das sagt Roggenkamp – eigentlich ein attraktiver, sicherer Arbeitgeber ist. Wäre doch schön, wenn sich das rumspricht.

Öffentlicher Dienst als attraktiver Arbeitgeber

Mit Heidi Roggenkamp diskutierten Angelika Wagner (Geschäftsführerin der DGB-Region Niederrhein) und Dieter Lieske (Erster Bevollmächtigter der IG Metall Duisburg). Die Arbeitnehmervertreter stellten fest, dass die heutige Arbeitswelt immer komplizierter und stressiger geworden ist. Auch durch die ständige Erreichbarkeit, die Handys und neue Technik. Viele Arbeitnehmer würden heutzutage nach flexibleren Arbeitszeiten streben, was nicht immer möglich sei, so die Einschätzung. Viele wären an einer besseren „Work-Life-Balance“ interessiert. Heidi Roggenkamp stellte fest, dass der Öffentliche Dienst trotz vergleichsweise schlechterer Bezahlung ein attraktiver Arbeitgeber ist. Die Menschen würden sich nicht nur wegen der Sicherheit dafür entscheiden, sondern weil sie etwas Wichtiges für andere tun wollen und es abwechslungsreiche Tätigkeit gibt. Für den musikalischen Teil des Nachmittags sorgten Schauspieler des Schlosstheaters Moers. Der Forderung „Hey, Boss, ich brauch mehr Geld“ aus dem Song von Gunter Gabriel konnte Bürgermeister Fleischhauer aber leider nicht nachgeben. Über 50 Gäste aus Personal- und Betriebsräten nahmen an der Veranstaltung teil.

Autor: Werner Plaggemeier (langjähriger Herausgeber der Onlinedatenbank „Personalratspraxis“)