12.01.2018

So organisieren Sie die Erste Hilfe im Betrieb

Die Erste Hilfe im Betrieb erfordert eine gute Organisation. Sowohl medizinische als auch organisatorische und betreuende Maßnahmen an Verletzten wollen gut vorbereitet sein. Im Endeffekt zählt vor allem, dass Verletzte im Ernstfall fachgerecht versorgt und bis zum Transport möglichst bei Bewusstsein gehalten werden können.

verbandskasten

Das Thema Erste Hilfe im Betrieb ist ein sehr wichtiges. Im Durchschnitt erleidet jeder Erwerbstätige in seinem Berufsleben einen Arbeitsunfall mit einer Ausfallzeit von mehr als 3 Tagen. Bei Arbeitsunfällen zu helfen, sollte daher für Kollegen selbstverständlich sein. Aber Erste-Hilfe-Maßnahmen wollen gelernt und effektiv organisiert sein, damit die Rettungskette auch sicher funktioniert.

Haben Sie an alles gedacht?

Bei der betrieblichen Ersten Hilfe müssen zielgerichtete medizinische, organisatorische und betreuende Maßnahmen an Verletzten oder Erkrankten eingeleitet werden. Dafür hat der Unternehmer unter Mitwirkung seiner Beschäftigen folgendes sicherzustellen:

  • Steht Erste-Hilfe-Material (z.B. Verbandmaterial, Rettungsdecke, Krankentrage) vor Ort zur Verfügung?
  • Ist gewährleistet, dass Erste-Hilfe-Materialien bei Verbrauch unverzüglich wieder aufgefüllt und bei Unbrauchbarkeit oder Ablauf des Verfallsdatums umgehend entsorgt und neu beschaffen werden?
  • Sind Verbandkästen an geeigneten, gut einsehbaren und zugänglichen Stellen verteilt? Von ständigen Arbeitsplätzen höchstens 100 Meter Wegstrecke oder höchstens eine Geschosshöhe entfernt?
  • Werden gemäß Gefährdungsbeurteilung (§§ 5,6 ArbSchG) erforderliche medizinische Geräte bereitgestellt?
    • z.B. Automatisierter Externer Defibrillator, Beatmungsgerät
    • z.B. lebensrettende Arzneimittel (wie Antidot bei Flusssäureverätzungen oder Cyanwasserstoffvergiftungen)
    • andere Hilfsmittel (wie Augenspülflaschen, Augendusche, Notdusche, Dekontaminierungslösungen)
  • Stehen aus- bzw. fortgebildete Ersthelfer entsprechend § 26 (1) DGUV Vorschrift 1 mindestens in folgender Zahl zur Verfügung?
    • bei 2 bis zu 20 anwesenden Versicherten ein Ersthelfer
    • bei mehr als 20 anwesenden Versicherten in Verwaltungs- und Handelsbetrieben 5 % und in sonstigen Betrieben 10 % 
  • Werden Ersthelfer in Zeitabständen von zwei Jahren nachweislich fortgebildet? Erhalten sie auch eine zusätzliche Aus- und Fortbildung, wenn bei Unfällen Maßnahmen erforderlich werden, die nicht Gegenstand der allgemeinen Ausbildung zum Ersthelfer sind (u.a. Umgang mit Gefahrstoffen)?

Weitere Punkte, die Sie prüfen sollten

Mindestens einen Betriebssanitäter sollten Sie zur Verfügung stellen (Fortbildung innerhalb von 3 Jahren), wenn

  • in einer Betriebsstätte mehr als 1.500 Versicherte anwesend sind,
  • in einer Betriebsstätte 1.500 oder weniger, aber mehr als 250 Versicherte anwesend sind und Art, Schwere und Zahl der Unfälle den Einsatz von Sanitätspersonal erfordern

Einen Erste-Hilfe Raum brauchen Sie ab 1.000 Beschäftigten bzw. in Betrieben mit mehr als 100 Beschäftigten, wenn besondere Unfall- oder Gesundheitsgefahren bestehen.

Bei Filial- oder Großbetrieben können koordinierende Ersthelfer sowie koordinierende Betriebsärzte bestellt werden, die eine Steuerungsfunktion wahrnehmen.

Zur Organisation der Ersten Hilfe im Betrieb sollte sich der Unternehmer vom Betriebsarzt beraten lassen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Unternehmer die damit verbundenen Arbeitsschutzpflichten schriftlich an zuverlässige und fachkundige Personen überträgt (§ 13 Abs. 2 Arbeitsschutzgesetz i.V.m. § 126 BGB).

Dazu gehören für den Bereich Erste Hilfe u.a. die

  • Veranlassung termingerechter Grund-, Auffrischungs-, ggf. Spezialkurse (u.a. Erste Hilfe bei Kindern)
  • schriftliche Bestellung von betrieblichen Ersthelfern (§§ 26, 28 DGUV Vorschrift 1) bei der die Aufgaben und Befugnisse schriftlich festgelegt und die Einverständniserklärung des Ersthelfers schriftlich bestätigt werden sollten.

Diese Aufgaben sollten Sie unbedingt verteilen:

  • Wer tauscht umgehend unbrauchbares bzw. verfallenes Erste-Hilfe Material aus?
  • Wer füllt die Unfallanzeige aus und schickt sie an die erforderlichen Stellen?
  • Ist bekannt, dass bei größeren Verletzungen (außer Augen, Nase, Hals, Zähne) ohne RTW-Erfordernis zuerst der Durchgangsarzt aufzusuchen ist?
  • Sind alle Ersthelfer ggf.  in den Umgang mit dem Frühdefibrillators  eingewiesen?
  • Hat dieser eine Informationstaste bzw. kann mehrsprachige Anweisungen geben (wichtig für fremdsprachige Ersthelfer)?
  • Wer wechselt, wie erforderlich, jährlich die Pads des Frühdefibrillators aus, beschafft zusätzliche Pads, z.B. für Kinder?

Hinweis: Nicht jeder Betrieb hat einen Sicherheitsbeauftragten, an den man diese Aufgaben delegieren kann, da dieser erst bei über 20 Beschäftigten erforderlich ist. Dann könnten Sie einer oder mehrere andere zuverlässige Personen diese Aufgaben übertragen – ihr Einverständnis natürlich vorausgesetzt.

 

Sechs zusätzliche wichtige Aspekte

Der Eigenschutz betrieblicher Ersthelfer steht an erster Stelle. Niemand verlangt, dass sich Ersthelfer selber in Gefahr begeben. Diese 6 Punkte sollten Sie daher ebenfalls beachten:

  1. Bei vielen Verletzungen ist es effektiver, als Team mit zwei Ersthelfern gleichzeitig koordiniert und zuversichtlich vorzugehen, z.B.
    • wenn persönliche Schutzausrüstung wie Atemmasken oder ein Motorradhelm abgenommen werden müssen,
    • wenn das Holen eines Früh-Defibrillators bei Herzstillstand/Ohnmacht erforderlich ist,
    • um sich bei einer erforderlichen Herz-Lungen-Wiederbelebung zu ergänzen,
    • um erforderliche Absperrungen vorzunehmen
  2.  In Einzelfällen kann es sinnvoll sein, mehr Ersthelfer als die geforderte Mindestanzahl zu bestellen:
    • bei hohem Kundenaufkommen
    • bei Umgang mit Gefahrstoffen
    • bei Schichtbetrieben
    • in Betrieben mit erhöhten Gefährdungen (z.B. Baubetriebe)
  3. Wenn Beschäftigte Alleinarbeit ausführen müssen, sollten Sie zu ihrer eigenen Sicherheit ebenfalls als Ersthelfer ausgebildet sein, über ein Funkgerät bzw. Personen-Notsignal-Anlagen erreichbar sein.
  4. Die Gabe von Medikamenten muss vom Arzt  und Verunfallten im Vorwege schriftlich genehmigt worden sein, um rechtlich auf der sicheren Seite zu stehen.
  5. Betriebliche Ersthelfer sollten auch auf Ihren Impfstatus achten, z.B. Tetanus-Impfung alle 10 Jahre auffrischen
  6. Betriebliche Ersthelfer sollen zielgerichtet und beherzt vorgehen, sie werden in nahezu allen Fällen freigesprochen, wenn es zu einer Klage kommt.

Erste Hilfe auf Baustellen

Auf Baustellen ist

  • ab 11 Beschäftigten mindestens ein großer Verbandskasten (DIN 13169) zur Verfügung zu stellen (>50 mindestens zwei),
  • ab 21 Beschäftigten eine Krankentrage erforderlich
  • ab 51 Beschäftigten ein Erste-Hilfe-Raum oder eine vergleichbare Einrichtung (z.B. Erste-Hilfe-Container) erforderlich,
  • ab 100 Versicherten (auch Einzelunternehmer) ein Betriebssanitäter zu stellen

Hinweis: Der Erste-Hilfe-Kurs „Sofortmaßnahmen am Unfallort für Führerscheinbewerber“, den fast alle Mitarbeiter haben, reicht für den Einsatz als betrieblicher Ersthelfer nicht aus!

Erste Hilfe: Die fünf W’s des Notrufs 112

Informationen für den Rettungsdienst

Wo ist es passiert?

  • Genaue Angaben über den Ort des Geschehens, z.B. Notfallort, Straße, Betriebsteil, Etage

Was ist passiert?

  • kurze Schilderung des Geschehens, z.B. Erkrankung, Unfall, Feuer, eingeklemmte Person, besondere Gefahren

Wie viele Verletzte/Erkrankte?

  • Angaben über die Anzahl der Verletzten

Welche Art von Verletzungen/Erkrankungen?

  • Angaben über Art und Schwere der Verletzungen und lebensbedrohliche Zustände, z.B. ungefähre Verletzungsschwere, besondere Zustände, wie Bewusstlosigkeit, Schock, Atemstillstand.

Warten auf Rückfragen!

  • Abwarten, ob die Rettungsleitstelle weitere Angaben wünscht; erst auflegen, wenn das Gespräch von der Leistelle beendet wird.
  • Ggf. erforderliche Gabe eines Notfallmedikamentes mit der Leitstelle abstimmen!

 

Autor: Stefan Johannsen