Fachbeitrag | Organisation und Dokumentation 12.01.2015

Organisation der Ersten Hilfe effektiv gestalten

Die betriebliche Erste Hilfe umfasst zielgerichtete medizinische, organisatorische und betreuende Maßnahmen an Verletzten. Sie konzentriert sich insbesondere auf die fachgerechte Versorgung am Ort des Geschehens und der fachgerechte Transport, um die Lebensrettung in Gang setzen und den Verletzten möglichst bei Bewusstsein zu halten.

Durchschnittlich erleidet jeder Erwerbstätige in seinem Berufsleben einen Arbeitsunfall mit einer Ausfallzeit von mehr als 3 Tagen. Bei Arbeitsunfällen zu helfen, ist Bürgerpflicht (§323c Strafgesetzbuch), doch Erste Hilfe Maßnahmen wollen gelernt und effektiv organisiert sein, damit die Rettungskette sicher funktioniert.

Die Erste Hilfe umfasst zielgerichtete medizinische, organisatorische und betreuende Maßnahmen an Verletzten oder Erkrankten, insbesondere die fachgerechte Versorgung am Ort des Geschehens und der fachgerechte Transport,  um die Lebensrettung in Gang zu setzen und den Verletzten möglichst bei Bewusstsein  zu halten. Dazu hat der Unternehmer unter Mitwirkung seiner Beschäftigen sicherzustellen, dass

  • Erste-Hilfe-Material (z. B. Verbandmaterial, Hilfsmittel, Rettungsdecke, erforderlichenfalls Transportmittel (Krankentrage), Alarmplan, Aushang mit D-Arzt Angabe) in Verbandkästen oder anderen geeigneten Behältnissen (z. B. Rucksäcke, Taschen, Schränke), vorzuhalten, bei Verbrauch unverzüglich aufzufüllen, bei Unbrauchbarkeit, Ablauf des Verfallsdatums umgehend zu entsorgen und neu zu beschaffen ist.
  • gemäß Gefährdungsbeurteilung (§§5,6 ArbSchG) erforderliche medizinische Geräte (z. B. Automatisierter Externer Defibrillator, Beatmungsgerät) und lebensrettende Arzneimittel (z. B. Antidot bei Flusssäureverätzungen oder Cyanwasserstoffvergiftungen), andere Hilfsmittel (z.B. Augenspülflaschen, Augendusche, Notdusche, Dekontaminierungslösungen) die zur Ersten Hilfe erforderlich sind, bereitgestellt werden.
  • Die Verbandkästen an geeigneten, gut einsehbaren, erforderlichen und zugänglichen Stellen zu verteilen sind, dass sie von ständigen Arbeitsplätzen höchstens 100 m Wegstrecke oder höchstens eine Geschosshöhe entfernt sind.
  • für die Erste-Hilfe-Leistung angemessen aus- bzw. fortgebildete Ersthelfer entsprechend § 26 (1) DGUV Vorschrift 1 mindestens in folgender Zahl zur Verfügung stehen:
  1. bei 2 bis zu 20 anwesenden Versicherten ein Ersthelfer,
  2. bei mehr als 20 anwesenden Versicherten

a) in Verwaltungs- und Handelsbetrieben 5 %,
b) in sonstigen Betrieben 10 %.
(Abweichungen von Nr. 2  i.R. nur in Absprache mit der Berufsgenossenschaft)

  • die betrieblichen Ersthelfer in der Regel in Zeitabständen von zwei Jahren nachweislich fortgebildet werden bzw. eine erforderliche zusätzliche Aus- und Fortbildung erhalten, wenn bei Unfällen Maßnahmen erforderlich werden, die nicht Gegenstand der allgemeinen Ausbildung zum Ersthelfer sind (u.a. Umgang mit Gefahrstoffen)
  • mindestens ein Betriebssanitäter zur Verfügung steht (Fortbildung innerhalb von 3 Jahren), wenn

–  in einer Betriebsstätte mehr als 1 500 Versicherte anwesend sind,
–  in einer Betriebsstätte 1 500 oder weniger, aber mehr als 250 Versicherte anwesend sind und Art, Schwere und Zahl der Unfälle den Einsatz von Sanitätspersonal erfordern,

  • Ein Erste-Hilfe Raum zur Verfügung steht (ab 1000 Beschäftigten bzw. in Betrieben mit mehr als 100 Beschäftigten, wenn besondere Unfall- oder Gesundheitsgefahren bestehen).

Bei Filial- oder Großbetrieben können koordinierende Ersthelfer sowie koordinierende Betriebsärzte bestellt werden, die eine Steuerungsfunktion wahrnehmen.

Zur Organisation der betrieblichen Ersten Hilfe sollte sich der Unternehmer vom Betriebsarzt beraten lassen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Unternehmer die damit verbundenen Arbeitsschutzpflichten schriftlich an zuverlässige und fachkundige Personen überträgt (§ 13 Abs. 2 Arbeitsschutzgesetz i.V.m. § 126 BGB).

Dazu gehören für den Bereich Erste Hilfe u.a. die

  • Veranlassung termingerechter Grund-, Auffrischungs-, ggf. Spezialkurse (u.a. Erste Hilfe bei Kindern)
  • schriftliche Bestellung von betrieblichen Ersthelfer/innen (§§ 26, 28 DGUV Vorschrift 1) bei der die Aufgaben und Befugnisse schriftlich festgelegt und die Übernahme/Einverständniserklärung der/des Ersthelfers schriftlich bestätigt werden sollten.

Wichtig bei der Pflichtenübertragung  ist die Festlegung folgender Aufgaben:

  • Wer tauscht umgehend unbrauchbares bzw. verfallenes Erste-Hilfe Material aus?, kontrolliert regelmäßig Augenspülflaschen, Notduschen?
  • Wer füllt die Unfallanzeige aus und schickt sie an die erforderlichen Stellen, trägt die Verletzung ins „Verbandbuch“/Verbandliste ein?
  • Ist bekannt, dass bei größeren Verletzungen (außer Augen, Nase, Hals, Zähne) ohne RTW-Erfordernis zuerst der Durchgangsarzt aufzusuchen ist?
  • Sind alle Ersthelfer ggf.  in den Umgang mit dem Frühdefibrillators  eingewiesen?
  • Hat dieser eine Informationstaste bzw. kann mehrsprachige Anweisungen geben (wichtig für fremdsprachige Ersthelfer)
  • wer wechselt, wie erforderlich, jährlich die Pads des Frühdefibrillators aus, beschafft zusätzliche Pads, z.B. für Kinder?

Hinweis: Nicht jeder Betrieb hat eine(n )Sicherheitsbeauftragte(n), an den man diese Aufgaben delegieren kann, da diese(r ) erst bei über 20 Beschäftigten erforderlich ist. Dann könnten einer oder mehreren anderen zuverlässigen Personen diese Aufgaben, ihr Einverständnis vorausgesetzt, schriftlich übertragen werden.

Erste Hilfe – zusätzlich wichtige Aspekte

Der Eigenschutz betrieblicher Ersthelfer steht an erster Stelle. Niemand verlangt, dass sich Ersthelfer selber in Gefahr begeben. Deshalb ist es

1. Bei vielen Verletzungen ist es effektiver als Team mit zwei Ersthelfern gleichzeitig koordiniert und zuversichtlich vorzugehen, z.B.

  • wenn persönliche Schutzausrüstung, wie Atemmasken oder ein Motorradhelm abgenommen werden müssen,
  • wenn das Holen eines Früh-Defibrillators bei Herzstillstand/Ohnmacht erforderlich ist,
  • um sich bei einer erforderlichen Herz-Lungen Wiederbelebung zu ergänzen,
  • um erforderliche Absperrungen vorzunehmen

2. Bei hohem Kundenaufkommen, Umgang mit Gefahrstoffen, Schichtbetrieben, Betrieben mit erhöhten Gefährdungen (z.B. Baubetriebe) ist es sinnvoll, mehr Ersthelfer als die geforderte Mindestanzahl auszubilden, zu bestellen und  ggf. in kürzeren Abständen einen Auffrischungskurs (1xjährlich) belegen zu lassen.

3. Wenn Beschäftigte Alleinarbeit ausführen müssen, sollten Sie zu ihrer eigenen Sicherheit ebenfalls als Ersthelfer ausgebildet sein, über ein Funkgerät bzw. Personen-Notsignal-Anlagen erreichbar sein.

4. Die Gabe von Medikamenten muss vom Arzt  und Verunfallten im Vorwege schriftlich genehmigt worden sein, um rechtlich auf der sicheren Seite zu stehen.

5. Betriebliche Ersthelfer sollten auch auf Ihren Impfstatus achten, z.B. Tetanus-Impfung alle 10 Jahre auffrischen

6. Betriebliche Ersthelfer sollen zielgerichtet und beherzt vorgehen, sie werden in nahezu allen Fällen freigesprochen, wenn es zu einer Klage kommt.

Erste Hilfe auf Baustellen

Auf Baustellen ist

  • ab 11 Beschäftigten mindestens ein großer Verbandskasten (DIN 13169) zur Verfügung zu stellen (>50 mindestens zwei),
  • ab 21 Beschäftigten eine Krankentrage erforderlich
  • ab 51 Beschäftigten ein Erste-Hilfe-Raum oder eine vergleichbare Einrichtung (z.B. Erste-Hilfe-Container) erforderlich,
  • ab 100 Versicherten (auch Einzelunternehmer) ein Betriebssanitäter zu stellen

Hinweis: Der Erste-Hilfe-Kurs „Sofortmaßnahmen am Unfallort für Führerscheinbewerber“, den fast alle Mitarbeiter haben, reicht für den Einsatz als betrieblicher Ersthelfer nicht aus!

Erste Hilfe: Die fünf W’s des Notrufs 112

Informationen für den Rettungsdienst

Wo ist es passiert?

Was ist passiert?

  • kurze Schilderung des Geschehens, z.B. Erkrankung, Unfall, Feuer, eingeklemmte Person, besondere Gefahren

Wie viele Verletzte/Erkrankte?

  • Angaben über die Anzahl der Verletzten

Welche Art von Verletzungen/Erkrankungen?

  • Angaben über Art und Schwere der Verletzungen und lebensbedrohliche Zustände, z.B. ungefähre Verletzungsschwere, besondere Zustände, wie Bewusstlosigkeit, Schock, Atemstillstand.

Warten auf Rückfragen!

  • Abwarten, ob die Rettungsleitstelle weitere Angaben wünscht; erst auflegen, wenn das Gespräch von der Leistelle beendet wird.
  • Ggf. erforderliche Gabe eines Notfallmedikamentes mit der Leitstelle abstimmen!

 

Autor: Stefan Johannsen