Fachbeitrag | Bestatter
01.04.2016

Wie sind Jesiden zu beerdigen?

In Deutschland sollen ca. 100.000 Jesiden leben. Früher kamen viele als Gastarbeiter aus der Türkei oder als Emigranten aus dem Irak. Heute suchen Jesiden aus dem Irak und Syrien bei uns Asyl. Sie fliehen vor dem Islamischen Staat, der viele von ihnen schon vertrieben oder gar ermordet hat. Für den IS sind die Jesiden Ungläubige. Dabei gehört die jesidische Religion zu den ältesten Religionen der Welt, sie ist älter als das Christentum.

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Die Jesiden glauben an einen Gott. Es gibt sieben Erzengel, darunter der wichtigste Taus Melek, übersetzt „Engel Pfau“, der Gott vertritt. Der Pfau symbolisiert die jesidische Religion wie das Kreuz das Christentum. Die Gläubigen treffen sich meist in großzügig gebauten Gemeindehäusern in Gewerbegebieten, wo sie genug Platz für große Trauerfeiern, aber auch Hochzeiten und andere Festivitäten  haben. Die Jesiden sind in Kasten eingeteilt: die Scheiche und Pire, die als Priester in unterschiedlichen Funktionen fungieren und die Muriden, die einfachen Gläubigen. Man kann nur innerhalb seiner Kaste heiraten. Heiratet ein Jeside einen Nicht-Jesiden, wird er in der Regel ausgeschlossen.

Besonderheiten bei jesidischen Bestattungen

Ist jemand gestorben, wird die Leiche nach einer festgelegten Zeremonie warm gewaschen und weiß eingekleidet. Augenhöhlen oder Mund bedeckt man mit Barat-Kugeln, die meist aus heiliger Erde aus dem Religionszentrum Lalish im Nordirak und Zemzem-Quellwasser bestehen. Die Priester, also Sheikh und Pir, sowie bei Männern der Jenseitsbruder und bei Frauen die Jenseitsschwester sind anwesend. Jenseitsbrüder und -schwestern werden schon zu Lebzeiten wie Paten ausgesucht. Sie sind mit dem Verstorbenen auch nach seinem Tod verbunden und übernehmen gegenseitig die Mitverantwortung für ihre Taten. Dann wird  der Körper in ein langes weißes Tuch eingewickelt. Frauen singen Klagelieder.

Der Verstorbene sollte so früh wie möglich zwischen Sonnenaufgang- und -untergang beerdigt werden. Gebetet wird in Richtung Sonne. Da ist es verständlich, dass auch der Sarg so ins Grab gelegt wird, dass der Tote quasi in den Sonnenaufgang schaut. Die Frauen liegen etwas tiefer im Grab und erhalten einen Kopfstein, Männer einen Kopf- und Fußstein. Den Abschluss bildet eine Steindecke. Sie zeigt, dem Verstorbenen, der nach seiner Beerdigung mit der Trauergemeinde den Friedhof verlassen möchte, dass er tot ist, wenn er mit Kopf dagegen stößt.

Das Leben ist für Jesiden mit dem Tod nicht zu Ende. Sie glauben an die Unsterblichkeit der Seele und eine Wiedergeburt in einem anderen Menschen. Sie werden nicht eingeäschert, denn auch der tote Körper ist das Eigentum Gottes.

Auf einigen Friedhöfen, darunter dem in Hannover-Lahe, können Jesiden schon seit den 90er Jahren entsprechend beerdigt werden.

Wichtige Details zum Thema „Bestattungen“ mit zahlreichen Praxistipps, Beispielen und Hinweisen zur Rechtsprechung finden Sie im Friedhofs- und Bestattungswesen.

Autor: Astrid Hedrich (Rechtsanwältin und Dozentin in Augsburg. Beschäftigt sich mit Wirtschaftsrecht.)

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