28.07.2015

Arbeitsverfahren beim Arbeiten unter Spannung (AuS)

Das Arbeiten unter Spannung (AuS) stellt erhöhte Anforderungen an Mitarbeiter und Arbeitsmittel, um die Sicherheit bei der Arbeit zu gewährleisten. Unser Expertenbeitrag bietet einen Überblick über die Arbeitsverfahren in diesem Gebiet der Elektrotechnik und ihre besonderen Voraussetzungen.

AuS: Elektrotechnische und nicht elektrotechnische Arbeiten

Die europäisch harmonisierte Norm DIN VDE 0105 – 100 „Betrieb von elektrischen Anlagen“ und indirekt auch die berufsgenossenschaftliche Vorschrift/Unfallverhütungsvorschrift „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“ (DGUV Vorschrift 3) unterscheiden zwischen elektrotechnischen und nicht elektrotechnischen Arbeiten.

Elektrotechnische und nicht elektrotechnische Arbeiten

Elektrotechnische Arbeiten: Arbeiten an, mit oder in der Nähe einer elektrischer Anlage, z.B. Errichten und Inbetriebnahme, Instandhalten, Prüfen Erproben, Messen, Auswechseln, Ändern, Erweitern

Nicht elektrotechnische Arbeiten: Arbeiten im Bereich einer elektrischen Anlage, z.B. Bau– und Montagearbeiten, Erdarbeiten, Säubern (Raumreinigung), Anstrich- und Korrosionsschutzarbeiten

In der genannten Norm ist eine Gefahrenzone um unter Spannung stehende Teile definiert, deren Erreichen oder Unterschreiten durch geeignete Schutzmaßnahmen zur Vermeidung einer elektrischen Gefahr zu verhindern ist.

Arbeitsmethoden und ihre Bezeichnung

Beim Arbeiten an und in der Nähe von elektrischen Anlagen werden drei Arbeitsmethoden unterschieden:

  • Arbeiten im spannungsfreien Zustand: Arbeiten an elektrischen Anlagen, deren spannungsfreier Zustand zur Vermeidung elektrischer Gefahren hergestellt und sichergestellt ist, d.h. Einhaltung der fünf Sicherheitsregeln ((Link zu Beitrag))
  • Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender Teile: alle Arbeiten, bei denen eine Person mit Körperteilen, Werkzeugen oder anderen Gegenständen in die Annäherungszone gelangt, ohne die Gefahrenzone zu erreichen
  • Arbeiten unter Spannung: jede Arbeit, bei der eine Person mit Körperteilen oder Gegenständen (Werkzeuge, Geräte, Ausrüstungen oder Vorrichtungen) unter Spannung stehende Teile berührt oder in die Gefahrenzone gelangt

Alle drei Methoden setzen wirksame Sicherheitsmaßnahmen gegen elektrischen Schlag sowie gegen das Entstehen und die Auswirkungen von Kurzschluss und Störlichtbogen voraus. Für diese Maßnahmen sind der Anlagenverantwortliche und der Arbeitsverantwortliche zuständig.

Arbeitsverfahren beim AuS

Beim Arbeiten unter Spannung (AuS) werden drei Verfahren unterschieden:

  • Arbeiten auf Abstand: Beim Arbeiten auf Abstand bleibt der Arbeitende in einem festgelegten Abstand von unter Spannung stehenden Teilen und führt seine Arbeiten mittels isolierender Stangen aus.
  • Arbeiten mit Isolierhandschuhen: Bei diesen Arbeiten berührt der Arbeitende, geschützt durch Isolierhandschuhe, isolierende Matten und isolierende Abdecktücher, direkt oder mit isoliertem Werkzeug unter Spannung stehende Teile.
    In Niederspannungsanlagen schließt die Benutzung von Isolierhandschuhen die Verwendung von isolierenden und isolierten Werkzeugen nicht aus.
  • Arbeiten auf Potenzial: Bei diesem Arbeitsverfahren befindet sich der Arbeitende auf demselben Potenzial wie die unter Spannung stehenden Teile und berührt diese direkt; dabei ist er gegenüber der Umgebung ausreichend isoliert.

AuS: Spezialausbildung erforderlich

In Abhängigkeit von der Art der Arbeit dürfen Arbeiten unter Spannung nur von Elektrofachkräften oder elektrotechnisch unterwiesenen Personen jeweils mit Spezialausbildung ausgeführt werden. Zahlreiche Werkzeuge, Ausrüstungen, Schutz- und Hilfsmittel zum Arbeiten unter Spannung sind inzwischen genormt.

DGUV Regel 103-011 „Arbeiten unter Spannung“

Mit der berufsgenossenschaftlichen Regel „Arbeiten unter Spannung an elektrischen Anlagen und Betriebsmitteln“ (DGUV Regel 103-011) wird die Unfallverhütungsvorschrift „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“ (DGUV Vorschrift 3) zum Thema „Arbeiten unter Spannung“ unter Berücksichtigung der Norm DIN VDE 0105-100 „Betrieb von elektrischen Anlagen“ konkretisiert. Damit ist der Rahmen für nationale Regelungen zur Durchführung der AuS beschrieben, die prinzipiell auf alle Spannungsebenen anwendbar sind.

Gefährdungsbeurteilung ist für AuS maßgebend

Auf der Basis einer Gefährdungsbeurteilung entscheidet der Unternehmer über die Anwendung der Arbeitsmethode AuS. Als oberster Grundsatz gilt, dass AuS nur dann durchgeführt werden darf, wenn die Sicherheit und der Gesundheitsschutz aller an den Arbeiten beteiligten Personen sichergestellt werden können.

Voraussetzungen für AuS

Der Verantwortliche kann sich für eine der drei Arbeitsmethoden frei entscheiden und muss für deren sichere Anwendung nachstehende Voraussetzungen erfüllen.

  • erprobte Organisation für einen reibungslosen Ablauf der durchzuführenden Arbeiten
  • zertifiziertes Personal mit Spezialausbildung für das Arbeiten unter Spannung. Nur durch gut ausgebildetes und entsprechend ausgerüstetes Personal kann die sichere Ausführung der Arbeiten unter Spannung erreicht werden. Das trägt der jahrelangen praktischen Erfahrung Rechnung, wonach Arbeiten unter Spannung unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung und deren Umsetzung in praktische Schutzmaßnahmen mit einer vergleichbaren Sicherheit ausführbar sind wie Arbeiten im spannungsfreien Zustand.
  • sichere Werkzeuge, Ausrüstungen, Schutz- und Hilfsmittel in erforderlicher Art und entsprechendem Umfang für die anstehenden Arbeiten
  • Anwendung von sicheren, erprobten Arbeitsanweisungen/Arbeitsabläufen

Für ein sicheres Arbeiten unter Spannung müssen alle vier Voraussetzungen gleichermaßen erfüllt sein.

Autor: Jörg Adamus