07.05.2020

Schlagkräftiger Betriebsrat: Mit oder ohne Gewerkschaft?

Manche Betriebsräte arbeiten eng mit der Gewerkschaft zusammen, viele jedoch nicht oder nur sporadisch. Die Hans Böckler Stiftung hat in einer Studie untersucht, wie sich gewerkschaftsferne Betriebsräte in der Praxis gegenüber der Gewerkschaft positionieren. Für Betriebsräte lassen sich daraus interessante Strategien für den eigenen Umgang mit den Gewerkschaften ableiten.

Betriebsrat Gewerkschaft

Geschäftsführung Betriebsrat. Viele Betriebsräte, die nur lose oder informell mit den Gewerkschaften zusammenarbeiten, verfolgen damit keine explizite Strategie. Vielmehr sind das zufällig gewachsene Strukturen. Dies ist eines der Ergebnisse der Studie „Betriebsräte ohne Gewerkschaften?“ der Düsseldorfer Hans Böckler Stiftung. Die Studie der Hans Böckler Stiftung finden Sie unter https://tinyurl.com/ohne-gewerkschaft

Vorteile aus beiden Welten

In einigen der untersuchten Betriebe gibt es eine Mehrheit von Betriebsratsmitgliedern, die dem Einfluss der Gewerkschaft ablehnend gegenübersteht und diesen zu minimieren versucht. Die Minderheitengruppe gewerkschaftsnaher Betriebsratsmitglieder wird jedoch offiziell toleriert und ist mit der Nutzung gewerkschaftlicher Dienstleistungen betraut. Davon profitieren beide Seiten:

  • Die gewerkschaftsfernen Betriebsratsmitglieder pflegen die Nähe zur Geschäftsleitung und werden von dieser unterstützt, um den Einfluss der Gewerkschaft gering zu halten.
  • Die gewerkschaftsnahen Betriebsratsmitglieder werden durch ihren direkten Draht zur Gewerkschaft und ihren Angeboten aufgewertet. Allerdings sind sie zur Umsetzung ihrer Anliegen auf die Mehrheit im Betriebsrat angewiesen.

Eine solche Konstellation ist natürlich spannungsgeladen. Da die Gewerkschaft in Sitzungen und Ausschüssen präsent ist, kann es zu Konflikten kommen. Hier muss vor allem der Betriebsratsvorsitzende viel Konfliktpotenzial wegmoderieren. Aber im Ergebnis kann daraus durchaus eine gute Betriebsratsarbeit entstehen, weil die Vorteile aus beiden Welten (Nähe und Ferne zur Gewerkschaft bzw. zur Geschäftsleitung) vereint werden.

Praxistipp: Gewerkschafts-Profis einbinden

Es kann auch eine gute Strategie sein, mehr Nähe zu den Gewerkschaften zu suchen und mit deren Unterstützung die Betriebsratsarbeit zu professionalisieren. Prüfen Sie deshalb, ob die lokalen Gewerkschaftsvertreter bereit sind, sich auf die betriebsinternen Gegebenheiten einzulassen und sich dem herrschenden Kommunikationsstil anzupassen. Auch müssen Ausbildungsgrad, Ziele und Argumente zu Ihren Arbeitnehmern und dem Betriebsrat passen.

„Scharniere“ als Verbindung zwischen Betriebsrat und Gewerkschaft

Betriebsräte, die einen großen Abstand zur Gewerkschaft halten und in deren Betrieben die Gewerkschaften nur gering vertreten sind, versuchen laut Studie dennoch, deren Leistungen zu nutzen. Dazu setzen Sie sogenannte „Scharnierpersonen“ ein. Diese sind meist Aktivisten der Gewerkschaft und setzen sich für deren Belange ein, ohne bei Arbeitnehmern oder im Betriebsrat damit etwas zu erreichen. Allerdings nutzen die für die Studie befragten Betriebsräte sie oft als Verbindung zur Gewerkschaft und fragen über sie Leistungen (z.B. Auskünfte von Experten, Teilnahme an Seminaren) ab. Auf diese Weise wird die gewerkschaftsnahe Person auch in ihrer Außenseiterrolle aufgewertet.

Indirekter Kontakt zur Gewerkschaft

Laut Studie scheuen viele Betriebsräte den direkten Kontakt zu den lokalen Gewerkschaftsvertretern, weil sie deren Einfluss im Betrieb fürchten bzw. minimieren möchten. Andererseits halten sie gewerkschaftliche Kontakte für nützlich. Diese Betriebsräte haben sich „Bypässe“ gelegt, also Kontaktpfade unter Umgehung der lokalen Gewerkschaftsorganisation. Möglich ist dies z.B. durch den Konzernbetriebsrat, der eigene Kontakte zu den Führungsebenen der Gewerkschaften pflegt. An diese hängen sich die lokalen Betriebsräte an, weil sie über diesen Pfad meist alle Leistungen erhalten, ohne dafür eine Einflussnahme hinnehmen zu müssen.

Bypass per Netzwerk von Betriebsräten

Eine besondere Form eines Bypasses existiert in überbetrieblichen Betriebsratsnetzwerken. So tauschen sich gewerkschaftsnahe Betriebsräte mit gewerkschaftsfernen aus und profitieren gegenseitig von ihren Erfahrungen. Insbesondere können gewerkschaftsferne Betriebsräte von ihren gewerkschaftsnahen Kollegen rechtlich komplexe Strategien (z.B. die Entwicklung eines Entgeltsystems) kopieren.

Autor: Martin Buttenmüller (ist Journalist und Chefredakteur des Fachmagazins Betriebsrat INTERN.)