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Verhaltensbedingte Unfälle am Arbeitsplatz vermeiden

Verhaltensbedingte Unfälle passieren leider viel zu häufig. Wer diese Arbeitsunfälle reduzieren will, muss die Gründe kennen, aus denen Mitarbeiter die Sicherheitsbestimmungen übergehen. Sicheres Verhalten lässt sich auch gezielt fördern – durch gute Unterweisung, klare Führung und Methoden wie Behavior-Based Safety (BBS). In diesem Beitrag erhalten Sie praxisnahe Ansätze, um verhaltensbedingte Unfälle zu vermeiden und eine Checkliste zur direkten Umsetzung in Ihrem Betrieb.

Arbeitsunfall

Wer verhaltensbedingte Unfälle am Arbeitsplatz vermeiden will, muss systematisch ansetzen – bei den Ursachen im Arbeitsalltag, in der Kommunikation und im Führungsverhalten. Für diesen Ansatz hat sich der Begriff Behavior-Based-Safety (BBS) eingebürgert. Behavior-Based-Safety geht der Frage nach, wie man auf das Verhalten der Beschäftigten Einfluss nehmen kann, sodass sich Beschäftigte häufiger sicher verhalten.

Relevanz:

Verhaltensbedingte Unfälle gehören zu den häufigsten Ursachen für Verletzungen am Arbeitsplatz. Laut verschiedenen Statistiken (z.B. der Berufsgenossenschaften oder Umfragen unter Unternehmen) lassen sich bis über 60 % aller meldepflichtigen Arbeitsunfälle auf das Verhalten der Beschäftigten zurückführen.

Was sind verhaltensbedingte Unfälle am Arbeitsplatz?

Verhaltensbedingte Unfälle entstehen, wenn Personen sich in einer Situation sicherheitswidrig verhalten – also gegen etablierte Regeln oder bewährte Verfahren verstoßen. Anders als bei technischen Defekten oder organisatorischen Mängeln liegt die unmittelbare Ursache hier im Handeln des Menschen.

Typische Beispiele:

  • Ein Mitarbeiter steigt ohne Absturzsicherung auf ein Gerüst, „weil es schnell gehen muss“.
  • Eine Kollegin trägt trotz Hinweis keine Schutzhandschuhe beim Umgang mit Chemikalien.
  • Ein Lagerarbeiter ignoriert Absperrungen, weil der direkte Weg schneller ist.

Solche Situationen sind im betrieblichen Alltag keine Seltenheit. Besonders gefährlich: Viele dieser Handlungen entstehen aus Routine – oder weil Mitarbeitende den Eindruck haben, dass Produktivität wichtiger ist als Sicherheit.

Ursachen für verhaltensbedingte Unfälle am Arbeitsplatz

  • Gewohnheit
  • Zeitdruck und Stress
  • Mangelhafte Unterweisung
  • Unklare Verantwortlichkeiten

Verhaltensbedingten Unfällen am Arbeitsplatz vorbeugen – Fehlverhalten konsequent ahnden

Halten sich Mitarbeiter trotz Ermahnungen nicht an Sicherheitsbestimmungen, sollten die Führungskräfte und die Verantwortlichen für Arbeitssicherheit die Verstöße nicht unkommentiert lassen und auch dokumentieren.

Klären Sie die Beschäftigten darüber auf, dass die Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften nicht nur eine Verpflichtung für den Arbeitgeber, sondern auch für die Arbeitnehmer ist (§ 15 ArbSchG). Im Falle verhaltensbedingter Unfälle kommen deshalb auch Schadenersatzansprüche an die Mitarbeiter, die Vorschriften missachten, in Frage.

Grundsätzlich darf sich der Arbeitgeber nicht damit abfinden, dass Arbeitsschutzvorschriften missachtet werden. Denn er hat deren Einhaltung im Unternehmen zu gewährleisten (§ 3 ArbSchG). Die Geschäftsführung muss deshalb mit Ermahnungen, Abmahnungen und in schwerwiegenden Fällen mit fristlosen Kündigungen die Verstöße sanktionieren.

Informieren und so verhaltensbedingte Unfälle am Arbeitsplatz vermeiden

Ursache für Fehlverhalten ist jedoch oft nicht Unwille oder Nachlässigkeit, sondern mangelnde Unterweisung. Dabei lässt sich gut belegen, dass dies vor allem auf atypisch Beschäftigte zutrifft. Die Mitarbeiter der Stammbelegschaft werden gut geschult, atypisch Beschäftigte dagegen werden häufig vernachlässigt.

Die Gründe dafür liegen in den häufig kurzen Einsatzzeiten – hier hat der Arbeitgeber weniger Verständnis für Unterweisungen,  weil der Aufwand pro Arbeitnehmer im Verhältnis zu seiner Arbeitsleistung in der kurzen Zeit ungünstig zu Buche schlägt.

Ein anderer Grund ist die geteilte Verantwortung zwischen Ent- und Verleiher: Beide sind für den Arbeitsschutz verantwortlich, was in der Praxis häufig dazu führt, dass sich niemand verantwortlich fühlt. (Lesen Sie hier mehr zu den Pflichten bei der Fremdfirmenunterweisung.)

Noch schlechter sieht es bei Werkverträgen aus: Hier sind die Dienstleister, also die Entleiher, für den Arbeitsschutz der eingesetzten atypischen Beschäftigten zuständig. Kontrollen durch die Einsatzunternehmen finden jedoch kaum statt.

Mitarbeitende aktiv in den Arbeitsschutz einbinden

Nur wer sich beteiligt fühlt, übernimmt Verantwortung. Binden Sie Ihre Mitarbeitenden deshalb systematisch in die Gefährdungsbeurteilung, Sicherheitsrunden oder Ursachenanalysen ein. Das fördert nicht nur die Akzeptanz, sondern bringt oft praxisnahe Lösungen hervor.

  • Etablieren Sie regelmäßige Feedbackrunden.
  • Nutzen Sie Ideen- oder Meldesysteme für sicherheitsrelevante Beobachtungen.
  • Fördern Sie den Austausch zwischen Abteilungen.

Behavior-Based-Safety (BBS) als systematischer Ansatz

Ein besonders wirksamer Ansatz zur Verhaltensprävention ist das Konzept der Behavior-Based-Safety (BBS). Es basiert auf systematischen Verhaltensbeobachtungen und gezieltem Feedback – mit dem Ziel, sicheres Verhalten zu fördern, bevor es zum Unfall kommt.
BBS verfolgt keine Schuldzuweisung, sondern schafft Bewusstsein für Risiken und unterstützt Mitarbeitende dabei, sicher zu handeln. Die typischen Elemente:

  • Beobachtung: Geschulte Personen beobachten konkrete Verhaltensweisen am Arbeitsplatz – anonym und wertfrei.
  • Feedback: Die Beobachteten erhalten konstruktives, positives Feedback – direkt im Anschluss. Wichtig ist hier, sicheres Verhalten systematisch anzuerkennen und wertzuschätzen.
  • Analyse: Die Daten werden genutzt, um Muster zu erkennen und präventive Maßnahmen abzuleiten.

Richtig umgesetzt, entwickelt sich aus Behavior-Based-Safety eine Sicherheitskultur, in der sich alle Mitarbeitenden verantwortlich fühlen – nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung.

Checkliste: Prävention verhaltensbedingter Unfälle und Behavior-Based-Safety

Ob Ihre Sicherheitsmaßnahmen bereits wirksam gegen verhaltensbedingte Unfälle sind, lässt sich mit einem strukturierten Blick auf die Praxis überprüfen. Die folgende Checkliste hilft Ihnen, zentrale Handlungsfelder zu erkennen:

✅ Schulung und Unterweisung

  • Werden Sicherheitsunterweisungen regelmäßig und arbeitsplatzspezifisch durchgeführt?
  • Gibt es Wiederholungen nach Beinahe-Unfällen oder neuen Risiken?

✅ Vorbildfunktion und Führung

  • Handeln Führungskräfte konsequent sicherheitsorientiert?
  • Wird Fehlverhalten angesprochen – sachlich und lösungsorientiert?

✅ Beteiligung der Mitarbeitenden

  • Gibt es Möglichkeiten zur aktiven Mitwirkung (z. B. in Sicherheitsrunden)?
  • Werden Verbesserungsvorschläge ernst genommen und umgesetzt?

✅ Organisation und Kommunikation

  • Sind Arbeitsabläufe sicher und realistisch geplant – auch unter Zeitdruck?
  • Gibt es klare Ansprechpersonen für Fragen rund um Sicherheit?

✅ Behavior-Based-Safety (BBS)

  • Wurden bereits systematische Verhaltensbeobachtungen durchgeführt?
  • Gibt es Feedbackstrukturen, die sicheres Verhalten fördern?

Diese Checkliste eignet sich auch als internes Instrument zur Vorbereitung von Audits oder Jahresunterweisungen. Je mehr Haken Sie setzen können, desto geringer ist das Risiko verhaltensbedingter Unfälle in Ihrem Betrieb.

Fazit: Wie Sie verhaltensbedingte Unfälle am Arbeitsplatz vermeiden

Statt nur Symptome zu behandeln, geht es beim verhaltensbedingten Arbeitsschutz darum, das Verhalten im betrieblichen Kontext zu verstehen und gezielt zu beeinflussen. Das gelingt durch klare Kommunikation, gute Führung, regelmäßige Unterweisungen und ein offenes Miteinander.

Besonders wirkungsvoll ist der systematische Ansatz von Behavior-Based-Safety: Er schafft nicht nur Aufmerksamkeit für Risiken, sondern stärkt die Sicherheitskultur nachhaltig – ohne Schuldzuweisungen, dafür mit echter Beteiligung.

Wer als Führungskraft oder Sicherheitsbeauftragter Verantwortung übernimmt und Sicherheit vorlebt, legt den Grundstein für eine Umgebung, in der sicheres Verhalten zur Selbstverständlichkeit wird.

Autor*in: Markus Horn (Dipl.-Ing. Markus Horn (VDSI) ist seit vielen Jahren als selbständiger Sicherheitsingenieur auf den Gebieten Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz sowie als Dozent für die BG HM und BG ETEM tätig.)

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