23.07.2019

Neue Grenzwerte für Karzinogene und Mutagene

Die Krebsrichtlinie wurde überarbeitet und führt neue Grenzwerte für Karzinogene und Mutagene ein. Alle neuen Grenzwerte im Überblick.

Paragraphenzeichen

Karzinogene und Mutagene zählen zu den CMR-Stoffen. Seit 2004 regelt die EU-Krebsrichtlinie Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit diesen besonders besorgniserregenden Stoffen.  Im Juni 2019 wurde sie zuletzt angepasst.

Neue AGW für Karzinogene und Mutagene ab 2023

Bei den meisten Karzinogenen und Mutagenen ist es wissenschaftlich nicht möglich, Grenzen zu ermitteln, unterhalb deren bei der Exposition keine schädlichen Wirkungen mehr auftreten würden. Obwohl die Festlegung der Grenzwerte für Karzinogene und Mutagene bei der Arbeit gemäß dieser Richtlinie die Risiken für die Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer, die sich aus der Exposition bei der Arbeit ergeben, nicht vollständig beseitigt (Restrisiko), trägt sie dennoch zu einer erheblichen Verringerung der von dieser Exposition ausgehenden Risiken im Rahmen des schrittweisen und zielorientierten Ansatzes gemäß der Krebs- / Mutagen-Richtlinie bei. Bei anderen Karzinogenen und Mutagenen ist es wissenschaftlich möglich, Grenzen zu ermitteln, unterhalb deren bei der Exposition nicht mit schädlichen Wirkungen zu rechnen ist. Als Höchstgrenzen für die Exposition von Arbeitnehmern gegenüber solchen Karzinogenen oder Mutagenen gelten Grenzwerte, die gemäß der Richtlinie 2004/37/EG nicht überschritten werden dürfen.

Bei einigen in dieser Richtlinie genannten Stoffen ist es – ggf. auch nur in bestimmten Anwendungsfällen – schwierig, die genannten Grenzwerte kurzfristig einzuhalten. Es werden daher Übergangszeiträume eingeführt, während derer höhere Grenzwerte gelten sollen.

Folgende Grenzwerte sind neu:

Stoff Grenzwert (mg/m³) Übergangswert Übergangswert anwendbar bis AGW / Toleranz-konzentration TRGS 900 / 910 (mg/m³)
Cadmium und anorgan. Cd-Verbindungen, carc.Cat. 1  0,001 (E) 0,004  11.7.2027 TK: 0,001 E
Beryllium und anorgan. Be-Verbindungen, carc.Cat. 1 0,0002 (E)  0,00006  11.7.2026 AGW (A): 0,00006
AGW (E): 0,00014
Arsensäure, ihre Salze und anorgan. As-Verbindungen, carc.Cat. 1 0,01 (E) gilt in der Kupferverhüttung ab 11.7.2023  TK: 0,0083 E
Formaldehyd  0,37  620 für Gesundheitseinrichtungen etc. bis 11.7.2024 AGW: 0,37
4,4‘-Methylen-bis(2-chloranilin)  0,01  –––

Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass im deutschen Regelwerk (TRGS 900/910) bis auf 4,4‘-Methylen-bis(2-chloranilin) für alle hier genannten Stoffe / Stoffgruppen bereits entsprechende Grenzwerte enthalten sind.

Diese Richtlinie ist am zwanzigsten Tag nach ihrer Veröffentlichung im Amtsblatt der Europäischen Union – also am 10. Juli 2019 in Kraft getreten. Die Mitgliedstaaten müssen die erforderlichen Rechts- und Verwaltungsvorschriften zur Umsetzung der Richtlinie bis zum 11. Juli 2021 in Kraft setzen.

Neue AGW für Karzinogene und Mutagene ab Anfang 2020

Die Krebsrichtlinie wurde zuvor zuletzt im Dezember 2018 angepasst. Unter anderem sieht die Richtlinie seitdem die Möglichkeit für nachgehende arbeitsmedizinische Untersuchungen vor, wie es sie in Deutschland schon seit Jahrzehnten gibt. Schließlich müssen alle Krebserkrankungen als Folge einer Exposition gegenüber einem Karzinogen oder Mutagen bei der Arbeit der zuständigen Behörde gemeldet werden. Die Mitgliedstaaten berücksichtigen diese Meldungen bei ihren eigenen Berichten an die Kommission.

Die Richtlinie ist am 17.01.2018 in Kraft getreten, die Mitgliedstaaten müssen sie bis zum 17.01.2020 in nationale Rechtsvorschriften / Regelungen umsetzen.

Bestehende Grenzwerte wurden abgesenkt:

Stoff Grenzwert neu Grenzwert alt Bemerkung
Vinylchloridmonomer  1 ppm (2,6 mg/m³) 3 ppm (7,77 mg/m³) in Deutschland galt bis 2005  laut TRGS 102 ein TRK-Wert von 2 ppm (5 mg/m³)
Hartholzstäube 2 mg/m³   5 mg/m³ in Deutschland: laut TRGS 553 gelten 2 mg/m³ bei der überwiegenden Anzahl der Anlagen bzw. Arbeitsplätze als „Stand der Technik“

Übergangsregelung:  mg/m3 bis zum 17. Januar 2023

Diese Grenzwerte für Karzinogene und Mutagene sind neu:

Stoff Grenzwert neu Übergangsmaßnahme Bemerkung
krebserzeugende Chrom(VI)-Verbindungen 0,005 mg/m3 010 mg/m3 bis zum 17. Januar 2025 und 0,025 mg/m3 für Schweiß- oder Plasmaschneidearbeiten oder ähnliche raucherzeugende Arbeitsverfahren bis zum 17. Januar 2025 in Deutschland: risikobasierter Beurteilungsmaßstab nach TRGS 910: 0,001 mg/m³
krebserzeugende feuerfeste Keramikfasern (Aluminiumsilikat-Fasern) 0,3 Fasern/mL (= 300.000 f/m³), in Deutschland: Akzeptanzkonzentration nach TRGS 910: 10.000 Fasern/m³
Toleranzkonzentration nach TRGS 910: 100.000 Fasern/m³
alveolengängiges kristallines Siliciumdioxid (Quarzfeinstaub) 0,1 mg/m3 in Deutschland: Beurteilungsmaßstab 50 μg/m³ (0,05 mg/m³); AGS-Beschluss vom Mai 2016, Bekanntmachung des BMAS vom 6.7.2016, GMBl. 2016 Nr. 31 vom 29. Juli 2016, S. 623
 Ethylenoxid 1 ppm (1,8 mg/m³) in Deutschland: Akzeptanzkonzentration nach TRGS 910: 0,1 ppm (0,2 mg/m³
Toleranzkonzentration nach TRGS 910: 1 ppm (2 mg/m³)
1,2-Epoxypropan 1 ppm (2,4 mg/m³) in Deutschland: AGW nach TRGS 900: 2 ppm (4,8 mg/m³)
Acrylamid 0,1 mg/m³ in Deutschland: Akzeptanzkonzentration nach TRGS 910: 0,07 mg/m³
Toleranzkonzentration nach TRGS 910: 0,15 mg/m³)
2-Nitropropan: 5 ppm (18 mg/m³) in Deutschland: Akzeptanzkonzentration nach TRGS 910: 0,05 ppm (0,18 mg/m
Toleranzkonzentration nach TRGS 910: 0,5 ppm (1,8 mg/m³)
o-Toluidin 0,1 ppm (0,5 mg/m³) in Deutschland: bis 2005 TRK-Wert in der TRGS 102: 0,5 mg/m³
1,3-Butadien 1 ppm (2,2 mg/m³) in Deutschland: Akzeptanzkonzentration nach TRGS 910: 0,2 ppm (0,5 mg/m³
Toleranzkonzentration nach TRGS 910: 2 ppm (5 mg/m³)
Hydrazin 0,01 ppm (0,013 mg/m³) in Deutschland: Akzeptanzkonzentration nach TRGS 910: 0,00177 ppm (0,0022 mg/m³. Toleranzkonzentration nach TRGS 910: 0,0177 ppm (0,022 mg/m³)
Bromethylen 1 ppm (4,4 mg/m³) in Deutschland: bisher keine Werte

 

Abweichend vom bisherigen Recht gilt der abgesenkte Grenzwert für Hartholzstäube zukünftig für die Gesamtbelastung, wenn neben Hartholzstäuben auch andere Holzstäube in der Luft am Arbeitsplatz vorliegen.

Darüber hinaus wurde in Anhang I eine neue Nummer 6 „Arbeiten, bei denen aufgrund eines Arbeitsverfahrens eine Exposition gegenüber Quarzfeinstaub besteht“ angefügt.

 

Hintergrund zur Krebsrichtlinie

Seit 2004 regelt die EU-Krebsrichtlinie (Richtlinie 2004/37/EG des Europäischen Parlaments und des Rates über den Schutz der Arbeitnehmer gegen Gefährdung durch Karzinogene oder Mutagene bei der Arbeit) Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit diesen besonders besorgniserregenden Stoffen.  Seitdem ist diese Richtlinie nicht mehr wesentlich überarbeitet worden.

Erste europäische Luftgrenzwerte BOELV

In ihrem Anhang III enthielt diese Richtlinie die ersten verbindlichen Luftgrenzwerte (BOELV) auf europäischer Ebene für krebserzeugende und mutagene Stoffe, und zwar für

• Benzol,
• Vinylchloridmonomer und
• Hartholzstäube.

Darüber hinaus wurden in Anhang I fünf Arbeitsverfahren genannt, die als krebserzeugend im Sinne dieser Richtlinie gelten – ähnlich wie in der deutschen TRGS 906.

Die neue Richtlinie

Nach Jahrzehnten der Inaktivität wurde nunmehr im Amtsblatt der EU die Richtlinie (EU) 2017/2398 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. Dezember 2017 zur Änderung der Richtlinie 2004/37/EG über den Schutz der Arbeitnehmer gegen Gefährdung durch Karzinogene oder Mutagene bei der Arbeit veröffentlicht (ABl. EU Nr. L 345 vom 27.12.2017 S. 87).

Autor: Ulrich Welzbacher