22.07.2019

Gewalt in der Pflege

Viele Beschäftigte in Krankenhäusern, Pflege- und Betreuungseinrichtungen erleben in ihrem Arbeitsalltag verbale oder körperliche Gewalt. Aber längst nicht alle wissen, dass bei solchen Vorfällen unter Umständen die gesetzliche Unfallversicherung greift.

Gewalt in der Pflege

Gewalt in der Pflege ist leider schon fast ein alltägliches Thema, denn mit dem Begriff „Gewalt“ sind nicht nur körperliche Übergriffe gemeint. Gewalthandlungen können in der Pflege die vielfältigsten Formen annehmen:

  • Nonverbale Gewalt: Drohungen durch Mimik und Gestik, aber auch starrende, durchdringende Blicke oder auch Ignorieren und Verweigern des Blickkontaktes
  • Verbale Gewalt: z.B. Beschimpfungen, Verdächtigungen, anzügliche Bemerkungen
  • Gewalt gegen Dinge: z.B. Sachbeschädigung, absichtliches Verschmutzen von Gegenständen, Randalieren
  • Indirekte Gewalt: konkrete Androhung von körperlicher Gewalt
  • Körperliche Übergriffe: sexuelle Belästigung oder Körperverletzung

Gewalt am Arbeitsplatz aus Versicherungssicht

Viel zu häufig wird aber vergessen, dass Gewaltvorfälle auch als Arbeitsunfall gewertet werden können. Sobald eine Gewalthandlung, die in Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit erfolgt, einen körperlichen Schaden oder eine psychische Erkrankung verursacht, handelt es sich versicherungsrechtlich um einen Arbeitsunfall. „Je nach Einzelfall kann das auch bei verbalen Übergriffen gegeben sein“, so Claudia Drechsel-Schlund, Reha-Expertin der BGW.

Die zuständige Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse sorgt dann für die bestmögliche medizinische Behandlung und kümmert sich mit allen geeigneten Mitteln darum, dass der oder die betroffene Versicherte wieder am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Das gilt auch bei psychischen Folgen eines Übergriffs.

Nach Gewalterfahrungen sofort Hilfe in Anspruch nehmen

Oft treten die Folgen eines Gewaltereignisses erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung ein. Auch hier sind die möglichen Reaktionen sehr individuell.  Mögliche Folgen:

  • Gefühle der Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verunsicherung
  • Gefühle der Scham und Selbstzweifel
  • Angstzustände
  • Schlafstörungen
  • Demotivierung
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Sozialer Rückzug bis hin zur Kündigung

Aber auch die Leugnung des Problems, emotionale Gleichgültigkeit, Abstumpfung, Teilnahmslosigkeit und die Flucht in Alkohol oder andere Betäubungsmittel können die Folge von Gewalterfahrungen sein.

Hilfe nehmen Betroffene nach Extremerlebnissen bei der Arbeit deswegen am besten bereits in Anspruch, bevor gesundheitliche Folgen sichtbar werden – z.B. über eine telefonische psychologische Beratung durch Psychologen der BGW. Alternativ können Betroffene bis zu fünf probatorische Sitzungen bei ärztlichen oder psychologischen Physiotherapeutinnen oder -therapeuten zur psychischen Stabilisierung wahrnehmen.

Wenn anschließend aufgrund des selbst erlittenen oder miterlebten Vorfalls eine psychotherapeutische Weiterbehandlung erforderlich ist, wird diese ebenfalls gewährt.

Wann Gewaltvorfälle melden?

Meldepflichtig sind Gewaltvorfälle – wie andere Arbeitsunfälle auch, wenn sie mehr als drei Kalendertage Arbeitsunfähigkeit verursachen. Doch bei Gewalt- und anderen Extremereignissen können psychische Folgen zeitverzögert auftreten. Deshalb empfiehlt die BGW ihren Mitgliedsbetrieben:

  • Extremereignisse immer melden: insbesondere schwere Körperverletzungen, Sexualdelikte oder (Raub-)Überfälle, auch auf dem Arbeitsweg. Dabei müssen auch Beschäftigte berücksichtigt werden, die das Geschehen miterlebt oder Betroffenen geholfen haben und dadurch ebenfalls psychisch belastet sein können.
  • Gewaltereignisse immer dann melden, wenn psychische Auffälligkeiten bei direkt oder indirekt betroffenen Beschäftigten bemerkbar werden.
  • Bei häufigem Auftreten von Gewalt- oder Extremereignissen im Betrieb individuell Kontakt mit der BGW aufnehmen.

Zu beachten ist dabei: Sofern keine Meldepflicht für den jeweiligen Arbeitsunfall besteht, muss für eine fallbezogene Meldung an die Berufsgenossenschaft die Zustimmung der betreffenden versicherten Person vorliegen.

Tipp: Neuer Präventionsratgeber erschienen

Wie Unternehmen im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege Übergriffen auf Beschäftigte bestmöglich vorbeugen können, was nach einem Vorfall zu tun ist und welche Unterstützung die BGW ihren Mitgliedsbetrieben und Versicherten bietet, zeigt die neue Broschüre „Prävention von Gewalt und Aggression gegen Beschäftigte“. Zu finden ist sie – wie weitere Informationen zum Thema – unter www.bgw-online.de/gewalt.

Autor: WEKA Redaktion