12.06.2017

Schlechtere Kreditbedingungen für kleine und mittelgroße Firmen

Einen Kredit finanzieren – für viele KMU im Euroraum unmöglich. Schuld ist die europäische Finanz- und Schuldenkrise. Folgen: schlechtere Kreditbedingungen und höhere Finanzierungskosten. Die Banken fahren das internationale Kreditgeschäft zurück. Nun empfiehlt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) einen leichteren Zugang zum Kapitalmarkt.

Kredit finanzieren schwieriger für KMU

Schlechtere Finanzierungskonditionen, schlechtere Kreditbedingungen

Der europäische Kreditmarkt ist heute stärker fragmentiert als zu Beginn der Krise. Firmen, in deren Heimatländern die Kreditvergabe ausländischer Banken eingebrochen war, mussten in den Jahren 2010 bis 2014 schlechtere Finanzierungskonditionen hinnehmen.

Dieses Resümee ziehen Franziska Bremus und Katja Neugebauer in einem Beitrag für den „DIW Wochenbericht“. Die Integration der internationalen Kreditmärkte spiele eine wichtige Rolle für die Kreditbedingungen von kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU). Die Wissenschaftlerinnen empfehlen daher eine Verringerung der hohen Abhängigkeit der KMU von Banken. Man sollte ihnen etwa über einen leichteren Zugang zum Kapitalmarkt auch andere Finanzierungsquellen erschließen helfen.

Integration der internationalen Finanzmärkte

Bis zur globalen Finanzkrise 2008/09 nahm dem Bericht zufolge die Integration der internationalen Finanzmärkte zu. Insbesondere die Banken in Europa weiteten ihre Aktivitäten im inner- und außereuropäischen Ausland aus. Nach Ausbruch der Krise hätten sie ihr internationales Kreditgeschäft allerdings deutlich zurückgefahren. Der europäische Kreditmarkt sei seit der Finanz- und Schuldenkrise fragmentierter als zuvor.

Das zeige ein Blick auf die Forderungen ausländischer Banken gegenüber Kreditnehmern in den Ländern des Euroraums. So seien die Kreditbestände ausländischer Banken seit dem zweiten Quartal 2008 um rund 45 Prozent gefallen. Der Rückzug aus dem grenzüberschreitenden Kreditgeschäft im europäischen Interbankenmarkt sei besonders ausgeprägt (minus 64 Prozent). Kredite an Nichtbanken, also an Kreditnehmer außerhalb des Bankensektors, seien demgegenüber weniger stark gefallen (minus 36 Prozent).

Massiver Rückgang bei Kreditvergaben

Die Verwerfungen auf den Kreditmärkten hätten insbesondere die kleinen und mittelgroßen Unternehmen beeinträchtigt. Sie finanzieren sich vorwiegend über Banken. Insgesamt ging die Kreditvergabe an kleinere Unternehmen im Euroraum, gemessen an den Neukrediten mit einem Volumen von weniger als eine Million Euro, zwischen Ende 2007 und 2014 um 36 Prozent zurück.

Auch berichteten laut einer Befragung der Europäischen Zentralbank viele Unternehmen, dass sie schwerer an Kredite kämen. So war den Forscherinnen zufolge bis Ende 2014 der Anteil derjenigen Firmen, die von einer verschlechterten Kreditverfügbarkeit betroffen waren, stets größer als der Anteil der Firmen, für die sich eine Verbesserung ergab.

Dringendste Probleme der KMU

Insgesamt waren für einen großen Teil der KMU im Euroraum dies die dringendsten Probleme:

  • Zugang zu externen Finanzierungsquellen
  • Absatzschwierigkeiten
  • Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal
  • Wettbewerbsdruck

Auch wenn sich die Kreditbedingungen zuletzt stabilisiert haben, bleibe die Finanzierungssituation in einigen Bereichen schwierig – zum Beispiel für kleinere Unternehmen in den Peripherieländern des Euroraums.

Überragende Rolle der KMU bei Wertschöpfung

Kleine und mittelgroße Unternehmen machen in der EU 99,8 Prozent der nichtfinanziellen Unternehmen aus. Sie tragen knapp 60 Prozent zur gesamten Wertschöpfung bei und beschäftigen 70 Prozent aller Arbeitnehmer. Ihre Finanzierungsbedingungen spielen also eine große Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa.

Kreditknappheit und steigende Kreditzinsen für KMU könnten die gesamtwirtschaftliche Erholung bremsen, da Bank- und Überziehungskredite die wichtigste externe Finanzierungsquelle für europäische KMU sind.

Deshalb stellt sich die Frage, inwiefern die Fragmentierung des europäischen Kreditmarkts die Finanzierungssituation europäischer KMU und damit die realwirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigt hat, so die DIW-Autorinnen.

Online-Kredite und was sie bringen

Unter den KMU hat besonders das Handwerk unter schwierigen Zugangsbedingungen zu Krediten zu leiden. Der schnelle Bankkredit für Auftragszwischenfinanzierungen, Reparaturen oder die Ersatzbeschaffung von dringend benötigten Arbeitsmitteln sei gerade hier problematisch, schreibt „Meisterbrief AKTUELL“ in seiner neuen Ausgabe (8/2017 Juni).

Bis die langwierige Bonitätsprüfung nach mehreren persönlichen Terminen bei der Bank durchlaufen wurde, ist ein Auftrag bereits weg. Abhilfe könnten hier Online-Kredite schaffen. Zur Orientierung wartet der Wirtschaftsbrief für das Deutsche Handwerk mit einem Überblick der Anbieter solcher Kredite auf.

Hier geht es zur Homepage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.

Autor: Franz Höllriegel