Fachbeitrag | Friedhofsverwaltung 04.05.2016

Sinti und Roma – der opulente Tod

Unsere Friedhöfe ändern sich. Die üblichen schwarz-grau-weißen Gräberfelder mit und ohne Engel, Kreuz und Grabstein werden zunehmend aufgelockert. Auf manchem deutschen Friedhof findet der interessierte Besucher imposante, top gepflegte „Gartenhäuschen“ mit Sitzbänken. Es handelt sich dabei nicht um die üblichen Mausoleen für honorige Bürger. Nein viele dieser Minikapellen sind weit opulenter und oft auch farbenfroher. Auf einem Friedhof steht zum Beispiel ein bonbonrosa Häuschen mit Säulen. Hinter kunstvoll geschmiedeten Türen befinden sich eine Grabplatte und Sitzgelegenheiten. Wem mag dieses Grab wohl gehören?

Die Bestattungskultur

Ein solches Mausoleum besitzen meist wohlhabende Sinti- und Roma-Familien. Einige Familien sind sehr groß. Sie kümmern sich um die Beerdigung, tragen die hohen Kosten für Bestattung, Trauerfeier und Grabpflege und legen Familiengräber an. Einige Gemeinden haben ihre Friedhofsordnung so angepasst, dass Sinti und Roma ihre Angehörigen nach ihren Wünschen bestatten können. So findet man die Gartenhäuschen zum Beispiel im Hauptfriedhof in Nordend, in Frankfurt und in Bonn auf dem Friedhof am Platanenweg. In den Mausoleen können die Angehörigen trauern. Nach den Bestattungsriten der  Sinti und Roma dürfen die Toten nicht verbrannt werden und mit Erde in Berührung kommen. Sie werden daher in einem unterirdischen Raum beigesetzt.

Nach dem Tod des Verstorbenen halten die Angehörigen Totenwache. Der Friedhof ist ein Ort der Freude. Die Beerdigungen sind opulent. An Sarg und Blumenarrangements wird nicht gespart. Sinti und Roma beachten gegenüber Verstorbenen besondere Pietät. Auch alte Menschen werden geachtet und im Familienverbund gepflegt. Vor den Mausoleen finden sich meist Bänke, manchmal auch Tische. So können sich die Angehörigen zum Beispiel an Allerheiligen treffen und mit dem Verstorbenen sprechen. Auf dem Friedhof wird dann etwas gegessen und getrunken. Kerzen, Blumen und andere Mitbringsel dokumentieren die Verehrung des Toten. Auch zu Weihnachten und Ostern werden die Gräber reichlich geschmückt.

In Zeiten, in denen sich bei einigen Menschen auch beim Sterben die Geiz-ist-geil -Mentalität durchgesetzt hat, wirken die aufwändigen Beerdigungen von Sinti und Roma ungewohnt. Obwohl Sinti und Roma oft Christen sind, stößt ihre Bestattungskultur gerade bei älteren Friedhofsbesuchern mancherorts auf Unverständnis. Alles scheint ihnen zu groß, zu übertrieben. Auf entsprechende Diskussionen sollten die Friedhofsbetreiber vorbereitet sein, sie ändern jedoch nichts daran, dass sich die Zeiten ändern und das Leben insgesamt bunter wird.

Achtung: Gräber sind auch Erinnerungsstätten! Für viele Gräber von Opfern der NS-Zeit wie Sinti und Roma läuft die Liegenzeit aus. Die Ruhestätten sollten erhalten bleiben.

Wichtige Details zum Thema „Bestattungen“ mit zahlreichen Praxistipps, Beispielen und Hinweisen zur Rechtsprechung finden Sie im Friedhofs- und Bestattungswesen.

Autor: Astrid Hedrich (Rechtsanwältin und Dozentin in Augsburg. Beschäftigt sich mit Wirtschaftsrecht.)