16.10.2020

Neuer Leitfaden macht „Messen und Schätzen“ erheblich einfacher

Zweimal hat ihn die Bundesnetzagentur (BNetzA) verschoben, jetzt ist er endlich da: der finale Leitfaden zum Messen und Schätzen bei EEG-Umlagepflichten. Gleich vorweg: Er hält, was er verspricht: Auf 85 Seiten bekommen Unternehmen jetzt eine Orientierung an die Hand, die ihnen das Messen und Abgrenzen von Drittstrommengen vereinfacht.

Snackautomat, Elektroauto, Druckgerät: Der neue Leitfaden der Bundesnetzagentur zum Messen und Schaetzen erleichtert deren Stromverbrauchsmessung

Der finale Leitfaden zum Messen und Schätzen bei EEG-Umlagepflichten hat im Vergleich zur Konsultationsfassung noch einmal deutlich an Umfang zugelegt. In diesem Fall ist das gut, denn die Bundesnetzagentur hat ihn noch einmal gehörig mit Ein­zel­beispie­len und Ver­ein­fa­chun­gen zu folgenden Themen gespickt:

  • Einordnung Stromverbrauch (Eigen- oder Drittverbrauch)
  • Zurechnung von Drittverbräuchen (Bagatelle)
  • Abgrenzung durch Messung oder Schätzung

Hintergrund: Warum dieser Leitfaden zum Messen und Schätzen bei EEG-Umlagepflichten bitter nötig war

Seit Jahren bereitet das Messen und Schätzen von Drittstrommengen allen Beteiligten Kopfzerbrechen. Hintergrund ist folgender: Eine reduzierte EEG-Umlage gilt beim Eigenverbrauch oder bei der besonderen Ausgleichsregelung für stromkostenintensive Unternehmen. Dieses Privileg gilt aber wirklich nur für Strom, den das Unternehmen selbst verbraucht. Sogenannte Drittverbräuche, wie z.B. geleaste Multifunktionsdrucker oder auch nur der Staubsauger der Reinigungskraft, müssen Unternehmen davon abgrenzen. Für sie gilt die volle EEG-Umlage.

Damit Unternehmen jetzt aber nicht für jedes bisschen Strom eine teure, eichrechtskonforme Messung durchführen müssen, gibt es die Möglichkeit, Verbräuche zu schätzen und Bagatellverbräuche dem Eigenverbrauch zuzuschlagen. Welche Stromverbräuche jetzt aber wie genau zu messen waren? Wer zwei Experten fragte, bekam drei Antworten.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Unterschlagung der weitergeleiteten Mengen zu Nachzahlungen und Strafen führen kann.

Deshalb ist es so wichtig, dass die Bundesnetzagentur nun endlich „ihr Grundverständnis zu den Regelungen zum Messen und Schätzen“ in diesem Leitfaden dargelegt hat.

Einige inhaltliche „Highlights“ aus dem Leitfaden

Anhand von Praxisbeispielen erläutert der Leitfaden, was geringfügige Stromverbräuche sind und wann diese zur Eigenversorgung zählen. Dabei nennt er vor allem Vereinfachungsmöglichkeiten, die es Unternehmen erlauben, auf teuren Messinfrastruktureinrichtungen zu verzichten.

Auch Geräte mit einem Verbrauch über 3.500 KWh pro Jahr können unter die Bagatellgrenze fallen, wenn sie nur hin und wieder Strom verbrauchen. Multifunktionsdrucker z.B. müssen – unabhängig von etwaiger Betreibereigenschaft oder Gesamtstrommenge – nicht geeicht gemessen werden. Kostspielige technische Aufrüstungen sind nicht nötig. Das Gleiche gilt für die mitgebrachte Kaffeemaschine oder den Laptop des Hotelgasts. Der Leitfaden nennt aber auch Fälle, in denen der Drittverbrauch nicht unter die Bagatellgrenze fällt, z.B. bei von Dienstleistern betriebenen Kaffee- oder Snackautomaten.

Hervorzuheben sind die Konkretisierungen für Elektromobilität. Der Leitfaden stellt hier klar: Stromverbraucher ist der Halter (meist das Unternehmen selbst). Er, nicht der Ladesäulenbetrieber, ist dafür verantwortlich, Strommengen abzugrenzen. Der Halter verbraucht als Betreiber des Elektromobils den Strom beim Laden auch dann, wenn mehrere Fahrer das Auto nutzen. Er kann dann etwaige EEG-Umlageprivilegien auf den Ladestrom geltend machen. Ein Elektroauto kann in der Regel für die Abwicklung der EEG-Umlagepflichten als gewöhnliches Verbrauchsgerät ohne eigenständige Erfassung der mit seinem Akku erzeugten Strommengen behandelt werden.

Außerdem akzeptiert die Bundesnetzagentur im Leitfaden ausdrücklich die Anwendung der sog. gewillkürten Vorrangregelung. Danach kann der Eigenversorger in einer Viertelstunde selbsterzeugte Strommengen vorrangig den gemessenen Eigenverbräuchen zuordnen. Das geht auch dann, wenn in derselben Viertelstunde Mischverbräuche stattfanden, die messtechnisch nicht erfasst wurden. Bislang war dies in der Praxis nicht flächendeckend akzeptiert worden.

Fazit

Es gibt mit dem Leitfaden zum Messen und Schätzen bei EEG-Umlagepflichten also neue Hilfe zur Abgrenzung von Bagatellen. Die bisherigen Probleme mit Handwerkern, Reinigungsfirmen, Bürogeräten etc. lassen sich jetzt lösen. Außerdem beleuchtet der Leitfaden das „Wie“ der Messung näher und macht detaillierte Aussagen über „Sorgenkinder“ wie Notstrom, E-Mobilität, Rekuperationsanlagen und vieles mehr.

So macht er die Welt des Messens und Schätzens von Stromverbräuchen leichter als bisher. Aber: Er kommt reichlich spät. Seit mindestens 2018 haben Unternehmen auf eine Hilfe gewartet, die die Vorgaben des Energiesammelgesetzes zum Messen, Schätzen und Eichen konkretisiert. Nun haben sie nur noch knapp zwei Monate Zeit, um die Erleichterungen des Bundesnetzagentur-Leitfadens in die bis Ende 2020 zu erstellenden Messkonzepte einzubauen.

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Autor: WEKA Redaktion