27.01.2015

Desinteressierte Bürgerschaft?

Bürgerinnen und Bürger für kommunale Themen zu begeistern - das versuchen Politik und Verwaltung durch gute Kommunikation zu erreichen. Doch in der Praxis scheinen Einwohner häufig desinteressiert und nur schwer zu motivieren. Wie Sie darauf reagieren können erfahren Sie in diesem Beitrag.

mehrere Sprechblasen

Die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich. Interesse an lokalen Vorhaben entsteht oft erst, wenn Konflikte oder aber Kosten für die Bürgerinnen und Büger sichtbar werden. Hinweise und Informationsangebote im Vorfeld finden hingegen wenig Beachtung. Die Ursachen sind vielfältig – nicht immer liegen sie auf der kommunalen Ebene. Doch die kommunale PR ist nur in wenigen Fällen in der Lage, das zu ändern. Anzeigen in regionalen Zeitungen – häufig sogenannte Bleiwüsten mit viel Text, PDFs und Hinweise auf der lokalen Internetpräsenz prägen das Bild. Ihnen gemein ist, dass nur selten auf den ersten Blick verständlich wird, wie sich ein Sachverhalt auf die Menschen auswirkt.

Verändertes Verhalten benötigt neue Kommunikationswege

Das Verhältnis zwischen kommunaler Gesellschaft und Politik hat sich gewandelt. Engagement und Interesse zeigen sich viel häufiger punktuell und auf spezifische Sachfragen beschränkt. Eine veränderte Freizeitgestaltung und erlebnisorientierte Mediennutzung sind ebenso wichtige Aspekte. Kommunikation muss daher strategisch durchdacht werden. Ein wesentlicher Aspekt besteht darin, klar zu machen, wer die Zielgruppen sind und über welche Kanäle sie angesprochen werden können. Welche Medien werden von wem genutzt (Zeitungen, soziale Medien, Vereinszeitungen, Netzwerke etc.)? Welche Themen sind für sie relevant und welche Auswirkungen wird ein Projekt auf ihre Lebensrealität haben?

Information benötigt Aufmerksamkeit

Jeder Mensch ist heutzutage mit einer Flut an Informationen konfrontiert – im Berufs- und Privatleben, als Konsument, Mandatsträger, Elternteil, Vereinsmitglied. Informationen aus Politik und Verwaltung haben daher stets mit dem Problem der Sichtbarkeit zu kämpfen. Nutzen Sie verschiedene Optionen, erlauben Sie Kreativität und bespielen Sie den öffentlichen Raum. Die Möglichkeiten reichen von Meinungswänden und Bodenzeitungen bei Veranstaltungen oder im Bürgerbüro über kontroverse Gegenüberstellungen in Medien bis zum Initiieren von Gestaltungswettbewerben. Welche Aktionen und Themen stoßen auf Interesse und wie können sie als Zugpferde für die eigene Kommunikation genutzt werden? Versuchen Sie doch beispielsweise mal, den Planungsbeginn einer Flächengestaltung mit einer Malaktion in allen Schulen zu kombinieren.

Dialog vs. Hierarchie

Ein wesentlicher Kern des Problems lokaler Kommunikation und ihrer begrenzten Wirksamkeit besteht darin, dass es sich zumeist um „Einbahnstraßen-Information“ handelt. Erfolgreiche Kommunikation ist jedoch das wechselseitige Spiel aus Zuhören und Gehört-Werden. Das Desinteresse wächst, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass ihre eigene Meinung irrelevant ist. Mangelndes Engagement ist also nicht zuletzt das Resultat einer Politikauffassung, welche die BürgerInnen als Konsumenten versteht, nicht jedoch als Akteure. Die Menschen frühzeitig einbeziehen, ihre Perspektiven ernst nehmen und sie zugleich für Probleme sensibilisieren – dafür benötigt es neue Wege. Hierfür gibt es keine Blaupausen, aber zahlreiche Möglichkeiten. Probieren Sie diese aus! Laden Sie etwa ein zu einem World- oder Knowledge-Café mit Themen, die für die Kommune relevant sind bzw. werden. Das sind Dialogformate, bei denen sich ganz verschiedene Menschen in entspannter Atmosphäre zu ausgewählten Fragen austauschen. Die Bürger können sich einbringen, und auf diese wird das vorhandene Wissen gesammelt, verknüpft und für Politik und Verwaltung nutzbar gemacht. Ob zum Thema Kinderbetreuung, Verkehrsplanung, Altern in der Kommune – wiederholen Sie solche Methoden in sinnvollen Abständen. Bereiten Sie das rechtzeitig vor und institutionalisieren Sie solche Formate. Zeigen Sie, dass Sie die gewonnenen Erkenntnisse in ihrer Politik einfließen lassen. Nicht immer wird das alles auf Anhieb reibungslos funktionieren – aber das ist kein Grund zum Aufgeben. Veränderungen benötigen manchmal Zeit. Fragen Sie sich hierzu auch: Wer sind die Multiplikatoren die mitreißen? Gewinnen Sie Personen für Ihre Dialogformen, die authentisch dafür werben – Schauspieler aus dem lokalen Theater, bekannte BürgerInnen oder Vorstandsebenen von Vereinen.

Genügend Anlässe für Kommunikation in Dialogform

Gelegenheiten für solche Formate bieten sich genügend. Eine der aktuellen Herausforderungen für viele Kommunen gewinnt mit den steigenden Flüchtlingszahlen an Relevanz. Das ist keineswegs nur eine Verwaltungsangelegenheit, sondern eine enorme Kommunikationsleistung. Nur wenige Orte gehen jedoch aktiv auf ihre BürgerInnen zu, die meisten geben lediglich die nötigsten Informationen heraus. Das ist der falsche Weg, da Ängste und Sorgen der Bürger erst in der Konfrontation deutlich werden. Informieren Sie stattdessen frühzeitig, treten Sie in den Dialog und befördern Sie die Diskussion, wie die gesamte lokale Gesellschaft mit den Herausforderungen und Chancen dieser Situation umgehen soll. Nur mit einer Kommunikation, welche das Ziel hat, die Menschen zu erreichen und die sich nicht auf das Exekutieren einer Informationspflicht zurückzieht, ergibt sich die Chance, gemeinsam anzupacken.

Autor*in: Sebastian Haupt (Sebastian Haupt ist Partner der regional | im | puls - u. Autor für das WEKA-Werk "Kommunalpolitik".)