Fachbeitrag | Kommunikation 18.06.2015

Abtreten mit Stil

Nicht nur bei der Bewerbung um ein politisches Mandat sind die richtigen Worte gefragt. Auch ein Rücktritt will kommunikativ gemeistert werden. Beim Abschied aus dem Amt Haltung zu zeigen, ist eine Pflichtübung – den letzten Auftritt als rhetorische Chance zu begreifen, die Kür.

König beim Schach

„Als Spitzenkandidat übernehme ich selbstverständlich Verantwortung für das enttäuschende Wahlergebnis für meine Partei. Ich habe mich daher entschlossen, nicht erneut für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren.“ Knapp und schnörkellos erklärte Jens Böhrnsen (SPD) seinen Rücktritt als Bürgermeister der Stadt Bremen, nachdem die Sozialdemokraten bei den Landtagswahlen in Deutschlands kleinstem Bundesland im Mai eine deutliche Schlappe hinnehmen mussten.

Im Rampenlicht

Nicht immer fallen politische Rücktrittserklärungen so kurz und nüchtern aus. Je prominenter das Amt, desto wortreicher mitunter die Rede. Man denke nur an Klaus Wowereit. Berlins langjähriger Regierender Bürgermeister kündete im August vergangenen Jahres seinen Rückzug aus der aktiven Politik an. Nicht in dürren Worten – sondern sorgfältig inszeniert vor laufenden Kameras und unter anderem begleitet im Live-Blog der Berliner Morgenpost. Nichts anderes hätte man von dem SPD-Mann erwartet, der zu den schillerndsten Persönlichkeiten im deutschen Politikbetrieb zählte und dessen Amtsverzicht zweifellos das Ende einer Ära markierte.

Lässig im Abgang

Mit ähnlichem Aplomb hatte sich Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust drei Jahre zuvor aus dem Amt verabschiedet. „Die biblische Erkenntnis, alles hat seine Zeit, gilt auch für Politiker. Selbstverständlich gilt sie auch für mich“, eröffnete der CDU-Politiker damals die Begründung für seinen Rücktritt. Ein geschicktes rhetorisches Manöver, mit dem der hanseatische Regierungschef die eigene Amtsmüdigkeit ebenso souverän wie originell verpackte.

Souverän bleiben

Denn darauf kommt es letztlich an: Auch beim Ausscheiden aus dem Amt Haltung, Menschlichkeit und Anstand zu zeigen – und so beim Publikum Sympathiepunkte zu sammeln. Sich im Fall einer Wahlniederlage als fairer Verlierer zu gerieren, ist ein Muss im demokratischen Wettstreit. Dazu gehört neben dem Dank an politische Weggefährten auch der an die Bürger, sie haben das Mandat auf Zeit schließlich verliehen. Und folglich einen Anspruch darauf, dass auch der Abgewählte ihrem Votum mit Respekt begegnet.

Letzte Worte als Chance

Eine Rücktrittsrede muss trotzdem nicht vor Demut triefen. Im Gegenteil: Auch das Ausscheiden aus dem Amt lässt sich nutzen, um noch einmal selbstbewusst Botschaften zu setzen und eigene Überzeugungen zur Sprache zu bringen. Egal, ob flammender Appell oder eher nachdenkliche Bilanz – rhetorisch überzeugend und authentisch sollten der letzte Auftritt sein. Wie bei jeder guten Rede liegt die Kunst allerdings auch bei der Rücktrittsansprache darin, rechtzeitig zum Schluss zu kommen. Selbst der leidenschaftliche Erzähler Theodor Fontane empfahl: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung.“

Autor: Nicola Karnick (Nicola Karnick ist Redenschreiberin und Autorin von "Praktische Redenbausteine für Bürgermeister".)