04.10.2022

Präsentismus: Die Ursachen – und wie Sie ihn verhindern

Wer krank zur Arbeit kommt, schadet sich selbst, seinen Kollegen – und auf lange Sicht dem ganzen Unternehmen. Präsentismus nennt sich dieses Verhalten. Die Ursachen für Präsentismus sind vielschichtig, zum Glück aber nicht in Stein gemeißelt. Wenn Sie sie kennen, können Sie aktiv dagegen vorgehen. Manchmal ist das einfacher, wie z.B. dem hustenden Chef ins Gewissen reden, kein schlechtes Vorbild zu sein. Gegen eine dünne Personaldecke oder eine vorurteilsbehaftete Unternehmenskultur lässt sich dagegen schwieriger kämpfen. Aber geben Sie nicht auf!

Mann schneuzt sich in die Nase, er ist krank bei der Arbeit: Präsentismus

Definition: Was ist Präsentismus?

So manche Nachricht ist nicht so positiv, wie sie scheint. Viele Unternehmen legen beispielsweise auf einen niedrigen Krankenstand wert und freuen sich, wenn der dann tatsächlich sinkt. Doch ist dieser wirklich das Ergebnis guter Arbeitsbedingungen? Oder kommen die Beschäftigten auch dann an ihre Arbeitsplätze, wenn sie krank sind? Dies wird mit „Präsentismus“ bezeichnet ein Phänomen, das Unternehmen viele Probleme bereitet und hohe Kosten verursacht.

Mit Präsentismus wird also das Verhalten von Beschäftigten beschrieben, trotz Arbeitsunfähigkeit am Arbeitsplatz zu erscheinen.

Verbreitung von Präsentismus in deutschen Unternehmen

Der AOK-Fehlzeiten-Report 2021 hat gezeigt, dass im Beobachtungszeitraum 2020 13,2 % der AOK-Mitglieder mindestens einmal krank zur Arbeit gegangen sind. In bestimmten Branchen zeigt sich das Phänomen besonders ausgeprägt: So sind in der Pflegebranche im gleichen Zeitraum 36 % der Führungskräfte mindestens einmal krank zur Arbeit erschienen.

Die Folgen für Wirtschaft und Gesundheit

Die Relevanz von Präsentismus für die Betriebe ergibt sich aus den wirtschaftlichen Folgen: Krankheiten werden verschleppt, chronifizieren sich und führen zeitverzögert zu langen Ausfallzeiten der Beschäftigten. Das kann z.B. für Herzerkrankungen, Depressionen, chronische Erschöpfung und Erkrankungen, die mit einer Schwächung des Immunsystems zusammenhängen, gelten.

Bei Infekten kommt auch das Ansteckungsrisiko hinzu – andere Beschäftigte können sich infizieren und ebenfalls erkranken und ausfallen.

Zudem sind kranke Beschäftigte weniger leistungsfähig und verschlechtern die Arbeitsergebnisse.

Wer krank zur Arbeit kommt, schadet sich selbst und steckt unter Umständen auch noch andere an.

Auch für andere Personen können erkrankt arbeitende Beschäftigte eine Gefährdung darstellen, wenn sie z.B. Fahrzeugführer sind, mit Gefahrstoffen umgehen oder Kolleginnen und Kollegen bei gefährlichen Arbeiten absichern (z.B. Arbeiten in der Höhe). Sie sehen: Es gibt viele gute Gründe, mit geeigneten Maßnahmen gegen Präsentismus am Arbeitsplatz vorzugehen.

Tipp: Präsenz als Medizin

Keine Regel ohne Ausnahme: Nicht jede Erkrankung muss zur Abwesenheit am Arbeitsplatz führen. So ist es z.B. bei leichten Depressionen oder Rückenschmerzen oft hilfreich für die Betroffenen, wenn sie in ihrer Tagesstruktur bleiben bzw. schnell wieder in diese zurückkehren können. Bei diesen Indikationen kann eine Anwesenheit im Betrieb trotz Erkrankung hilfreich sein.

Ursachen für Präsentismus: Warum krank zur Arbeit kommen?

Generell wird zwischen personenbezogenen und arbeits- bzw. organisationsbezogenen Gründen für Präsentismus unterschieden.

Personenbezogene Gründe für Präsentismus

Bei den personenbezogenen Gründen spielt die Qualifikation der Beschäftigten eine große Rolle: So fühlen sich Beschäftigte mit niedriger Qualifikation leicht ersetzbar und vermeiden es, krankheitsbedingt am Arbeitsplatz zu fehlen. Höher qualifizierte Mitarbeiter kennen meist ihren Wert für das Unternehmen und lassen sich arbeitsunfähig schreiben, wenn sie nicht arbeitsfähig sind.

Auch das Gesundheitswissen (Gefahren der Chronifizierung), das Alter, die finanzielle Abhängigkeit vom Einkommen (Verschuldung) und vorhergehende Phasen der Arbeitsunfähigkeit können zu Präsentismus führen.

Motivationslage der Beschäftigten

Häufig werden auch die Motive der Beschäftigten zu den personenbezogenen Gründen gezählt. Mit „Motiv“ ist grundsätzlich die Neigung für oder gegen bestimmte Situationen gemeint. Was konkret motiviert Beschäftigte mit Präsentismus zu ihrem Verhalten? Einen Überblick gibt folgende Tabelle:

Verpflichtung Sehr leistungsorientierte Beschäftigte legen ihren Fokus auf unerledigte Arbeitsaufgaben und wollen sich nicht davon abhalten lassen, Leistung zu erbringen.
Status Nicht selten handelt es sich bei Beschäftigten mit Präsentismus um Leistungsträger mit hohem Ansehen im Unternehmen. Dieser Status soll nicht durch eine Krankschreibung gefährdet werden.
Einfluss Macht kann eine Rolle spielen: Wer am Arbeitsplatz fehlt, kann seinen Einfluss nicht geltend machen und keine Entscheidungen beeinflussen.
Akzeptanz Leistung ist auch eine Möglichkeit, von Führungskräften und Kolleginnen und Kollegen akzeptiert zu werden.
Austausch Für viele ist der Wunsch nach sozialem Austausch ein wichtiges Motiv. Dieser lenkt von den Krankheitssymptomen ab.
Rücksicht Ein soziales Motiv ist der Wunsch, andere nicht mit dem Arbeitsausfall zu belasten.
Scham Unsichere Beschäftigte vermeiden krankheitsbedingte Abwesenheitszeiten, weil sie Krankheit als einen persönlichen Mangel empfinden und sich gegenüber der Führungskraft und Kolleginnen und Kollegen nicht erklären wollen.
Unsicherheit Wenn Beschäftigte glauben, dass ihre Stellung im Betrieb oder ihr Arbeitsplatz durch eine Krankschreibung gefährdet wird, werden sie krank am Arbeitsplatz erscheinen.
Selbstverantwortlichkeit Personen mit wenig Selbstverantwortlichkeit gehen im Zweifel an ihren Arbeitsplatz und gehen davon aus, dass andere für sie entscheiden, ob sie noch arbeitsfähig sind oder nicht.

Die Aufzählung zeigt, dass Motive deutlich differenzierter sind als es die Beschreibung „kommt gerne zur Arbeit“ versus „kommt ungern zur Arbeit“ zum Ausdruck bringt. Denn selbstverantwortliche Beschäftigte werden sich bei ernsten Symptomen auch dann krankschreiben lassen, wenn sie grundsätzlich gerne arbeiten. Und Beschäftigte, die ungern arbeiten, werden vielleicht auch bei ernsten Symptomen am Arbeitsplatz erscheinen, wenn sie sich schämen, unsicher sind oder Rücksicht auf ihre Kolleginnen und Kollegen nehmen wollen.

Hinweis: Motive sind Dispositionen

Motive können dabei als Dispositionen verstanden werden. Ob sie verhaltensrelevant werden oder nicht, hängt von den situativen Bedingungen (also den personenbezogenen und den arbeitsbezogenen Gründen für Präsentismus) ab.

Arbeits- und organisationsbezogene Gründe für Präsentismus

Neben den personenbezogenen Gründen gibt es auch eine Reihe von Gründen, die im Arbeitsumfeld liegen.

Naheliegende arbeitsbezogene Gründe finden sich in großem Zeitdruck, einem hohen Arbeitspensum und einer individuellen Verantwortlichkeit für die Durchführung von Tätigkeiten.

Daneben gibt es aber auch Gründe, die weniger fassbar sind, beispielsweise:

  • Die Führungskraft ist hinsichtlich Präsentismus ein negatives Vorbild und erscheint auch erkennbar krank am Arbeitsplatz.
  • Oder es gibt Krankenrückkehrgespräche, wo die Gründe für die Arbeitsunfähigkeit kritisch hinterfragt werden.

Generell ist Präsentismus dort am meisten verbreitet, wo Arbeitsunfähigkeit als individuell verschuldeter Zustand gilt und den Beschäftigten negativ ausgelegt wird. Situativ können auch Konflikte am Arbeitsplatz zu einem erhöhten Präsentismus führen, weil Beschäftigte mit Krankheitsgefühl oder Symptomen befürchten, dass ein Nichterscheinen am Arbeitsplatz aktiv gegen sie verwendet wird.

Eine wichtige Ursache für Präsentismus ist die konkrete Situation von Beschäftigten im Betrieb. Wer z.B. Aufgaben relativ einfach delegieren kann, wird bei einem Krankheitsgefühl eher zuhause bleiben, als wenn dies nicht der Fall ist und die Arbeitsaufgaben unerledigt bleiben. Dies erklärt auch den ausgeprägten Präsentismus in Unternehmen mit personenbezogenen Dienstleistungen, wie z.B. Gesundheitseinrichtungen: Bei einer Arbeitsunfähigkeit glauben viele Beschäftigte, dass sie Patientinnen/Patienten und Kolleginnen/Kollegen im Stich lassen.

Tipp: Auch Umweltfaktoren berücksichtigen

Generell ist es so, dass bei hoher Arbeitslosigkeit oder generell unsicherer Wirtschaftslage die durchschnittliche Zahl der Krankheitstage sinkt. Da die Beschäftigten in solchen Phasen nicht weniger häufig und schwer erkranken als in Phasen niedriger Arbeitslosigkeit und sicherer Wirtschaftslage, schließen viele Forscher, dass die Ursache für die niedrigere Zahl von Krankheitstagen im Präsentismus liegt.

Auch im Homeoffice gilt übrigens: Wer krank ist, gehört ins Bett – um dem Unternehmen schneller wieder mit voller Einsatzkraft zur Verfügung zu stehen.

Wie gegen Präsentismus vorgehen? Mögliche Maßnahmen:

  1. Eine psychosoziale Beratungsstelle für Mitarbeiter im Unternehmen kann helfen.
  2. Klären Sie Mitarbeiter und Führungskräfte über Präsentismus und die negativen Folgen auf. Gerade Führungskräfte sind enorm wichtig, um Präsentismus zu verhindern. Wie sie sich gegenüber ihren Mitarbeitenden verhalten, wirkt sich auf die Gesundheit ihrer Teammitglieder aus und beeinflusst zum anderen, ob sie trotz Krankheit arbeiten.
  3. Schwierig wird es natürlich bei einer dünnen Personaldecke. Hier kann die Sicherheitsfachkraft am besten gemeinsam mit dem Betriebsrat darauf hinwirken, dass auf den einzelnen Mitarbeiter nicht zu viel Arbeit entfällt.
  4. Untersuchungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zeigen, dass Unternehmen mit einem betrieblichen Gesundheitsmanagement weniger krankheitsbedingte Personalausfälle haben und deutlich weniger von Präsentismus betroffen sind als Unternehmen, die nicht in betriebliche Gesundheitsförderung investieren.

Fazit

Präsentismus verbreitet ansteckende Krankheiten, erhöht die Unfallgefahr, verringert die Leistungsfähigkeit Einzelner und führt auf Dauer zu chronischen Krankheiten. Eigentlich vernünftige Gründe für Arbeitgeber und Führungskräfte, Mitarbeiter in dieser Hinsicht zu sensibilisieren oder? Leider lassen sich dahinterliegende Überzeugungen oder wirtschaftliche Notwendigkeiten nicht einfach auf Knopfdruck ändern.

Die Umsetzung von Maßnahmen kann ein langwieriger Prozess sein. Er betrifft nicht nur die Mitarbeiter, die selbst gefordert sind, ihren Beitrag zu leisten, indem sie sich gesundheitsbewusst verhalten, sondern auch die Unternehmenskultur und Personaldecke. Geben Sie nicht auf und suchen Sie immer wieder von Neuem das Gespräch und die Diskussion.

Autor*in: Martin Buttenmüller