03.05.2021

iiRDS – die Basis für eine smarte Informationsvermittlung

Wer Mitglied im Fachverband tekom ist oder einschlägige Veranstaltungen besucht, wird schon vom neuen Austauschstandard für Produktinformationen iiRDS gehört haben. Die neueste Version 1.1 „enthält“ quasi die Richtlinie VDI 2770, weshalb es sich lohnt, die Möglichkeiten dieses Standards einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Betriebsanleitung

Wie man nachfolgend sehen wird, bietet diese Schnittstellendefinition nicht nur einen Mehrwert in Bezug auf heutige Dokumentationen, sondern eröffnet die Potenziale digitaler Informationsstrategien!

Wo kommt iiRDS her?

Der Ursprung dieses Standards geht auf die Gründung einer Arbeitsgruppe der tekom im Jahr 2016 zurück, welche sich mit der Themenstellung „Information 4.0“ auseinandersetzen sollte. Schnell wurde den Teilnehmern klar, dass ein Informationsaustausch nach dem Leitgedanken von Industrie 4.0 nur auf Basis einheitlicher Schnittstellen und Inhaltsbeschreibungen möglich ist. Da ein solcher Standard aber noch nicht existierte, wurde 2018 ein Konsortium gegründet mit dem Ziel, den iiRDS – intelligent information Request and Delivery Standard –zu etablieren. Im selben Jahr wurde bereits die Version 1.0 von iiRDS veröffentlicht und seither kontinuierlich weiterentwickelt. 2020 wurde der Standard offiziell in die „German Standardization Roadmap Industry 4.0“ aufgenommen und ist damit zum anerkannten Austauschstandard von Produktinformationen aufgestiegen.

Mit der im November 2020 veröffentlichten Version 1.1 wurde eine Harmonisierung mit der Richtlinie VDI 2770 umgesetzt und neue Andockpunkte wurden zur Erweiterung der Schnittstellenbeschreibung geschaffen.

Was ist das Revolutionäre an iiRDS?

Mit iiRDS erhält man ein vordefiniertes Metadaten-Konstrukt, mit dessen Hilfe beliebige Informationsinhalte beschrieben bzw. klassifiziert und zwischen einem Sender und Empfänger ausgetauscht werden können.

Der Standard ist bidirektional ausgelegt und unterstützt sowohl die Abfrage als auch die Bereitstellung von Informationen. Für beide Kommunikationsrichtungen sind daher Metadaten zur Identifikation des erforderlichen Kontexts notwendig, die im Standard entsprechend definiert bzw. einheitlich beschrieben sind.

Typische Beispiele zur Spezifikation eines Kontexts sind die Sprache (ggf. auch Dialekte), der Benutzer bzw. seine Rolle (z.B. Einkäufer, Bediener, Servicetechniker etc.) und das konkrete Produkt, auf das die Informationsanfrage abzielt. Mit der Erfassung dieser Kontextinformationen wird es möglich, digitale Inhalte zu einem Produkt zum richtigen Zeitpunkt individualisiert der richtigen Person (entsprechend dem Anwendungsfall) zukommen lassen zu können.

Im Unterschied zu DITA (Darwin Information Type Architecture) oder DocBook (eine weitere verbreitete Strukturierungsvorgabe) ist iiRDS ausschließlich auf den Datenaustausch ausgelegt und NICHT auf den Prozess der Dokumentationserstellung! Somit können z.B. aus einem DITA-basierten Dokument unterschiedliche Informationen und Metadaten wie zu einem TOPIC automatisiert extrahiert und nach iiRDS überführt werden; allerdings muss einmalig ein Mapping bzw. Abgleich der Metadaten durchgeführt werden. Somit sind Standardisierungsansätze wie DITA und DocBook sehr ähnlich, müssen aber differenziert zu einer Schnittstellendefinition wie im iiRDS betrachtet werden.

Der Kern von iiRDS im Kurzüberblick

Rein technisch betrachtet, basiert der Standard auf dem Kernobjekt der InformationUnit und dem zugeordneten Metadatum des InformationType.

Zusammenhang zwischen der iiRDS-InformationUnit und deren Metadaten
Zusammenhang zwischen der iiRDS-InformationUnit und deren Metadaten

Wie in der Abbildung dargestellt, kann die InformationUnit in verschiedene Subtypen unterschieden werden. Heutzutage liegt der Fokus noch auf den Dokumenten, welche über das zugeordnete Metadatum DocumentType klassifiziert bzw. spezifiziert werden. Mit iiRDS werden alle in der Richtlinie VDI 2770 definierten Dokumententypen bereits mitgeliefert und darüber hinaus noch weitere angeboten. Hier liegt somit der Zusammenhang zwischen iiRDS und der Richtlinie VDI 2770!

Eine weitere Besonderheit am iiRDS-Konstrukt sind jedoch nicht diese beiden Kernobjekte, sondern der generische Ansatz zur Abbildung/Modellierung von Informationsabhängigkeiten. So können durch die Verknüpfung von „Knoten“ (wie z.B. Document&DocumentType) mittels Beziehungstypen (Kanten/Relation -> farbige Pfeile in der Abbildung) beliebig komplexe Semantiken bzw. Ontologien abgebildet werden.

Eine Bedienungsanleitung würde beispielsweise als Document spezifiziert, welches über die Beziehung has-document-type (grün gestrichelte Linie) auf das Metadatum DocumentType verweist. Aus der Liste vordefinierter Werte für dieses Metadatum muss im vorliegenden Beispiel OperationInstructions hinterlegt werden.

Ein Document ist aber nur eine mögliche Ausprägungsform, um im iiRDS Inhalte zu beschreiben.

Die zukunftsweisenden Beschreibungsarten werden Topics und Fragmente sein, die verknüpft über das FunctionalMetadata eines Event, Action oder Supply mit den erforderlichen Kontextinformationen versehen werden. Wie heute schon bei vielen Unternehmensdruckern umgesetzt, können beispielsweise im Falle eines Papierstaus (Produktfehlfunktion: FunctionalMetadata -> Event) die einzelnen Handlungsschritte (Actions verknüpft mit InformationUnit -> Topic), die zur Behebung des Problems notwendig sind, einfach abgerufen und am Display dargestellt werden.

Die so abgebildeten „Wissensnetze“ sind der eigentliche Kern und Innovationsschub von iiRDS, das ein solides Grundnetz vorgibt, das aber flexibel auf das firmen- bzw. produktspezifische Know-how abgestimmt werden kann.

Ja, zugegeben, das ist alles etwas abstrakt und wenig greifbar. Aber wie kann iiRDS nun den Austausch von Dokumenten, wie in der Richtlinie VDI 2770 vorgeschlagen, vereinfachen?

iiRDS als Container der VDI 2770!

Containerstruktur der iiRDS-Inhalte entsprechend der Spezifikation
Containerstruktur der iiRDS-Inhalte entsprechend der Spezifikation

In der Richtlinie VDI 2770 wird vorgeschlagen, Dokumentationen (wie z.B. Betriebsanleitungen, Produktblätter, Aufstellpläne etc.) als PDF/A-Dokumente zu generieren, mit der Dokumentenklassifikation im XML-Format zu beschreiben und alles in einem Zip-Container zu sammeln und zu verschicken.

Genau das und noch mehr bietet iiRDS!

Der sogenannte „iiRDS-Container“ kann die von der Richtlinie VDI 2770 geforderten Daten bereitstellen … Kleiner Unterschied: Die Metadaten werden nicht im.xml-, sondern im.rdf-Format gespeichert, welches als Standard zur Beschreibung von Metadaten konzipiert wurde und heute zur Beschreibung beliebig verknüpfter Objekte verwendet wird.

Das resultierende „Zip-Datenpaket“ kann nun entweder ähnlich der heutigen Bereitstellung von PDF-Dateien irgendwo zum Download bereitgestellt oder per E-Mail, FTP etc. versendet werden. Wesentlicher Unterschied: Jeder Empfänger dieser Daten kann nun mittels der Metadaten die erhaltenen Dokumente klassifizieren und automatisiert interpretieren.

Diese XML-basierte Beschreibungssprache bietet nicht nur die Möglichkeit, Informationen über sogenannte Web Services automatisiert auszutauschen, sondern stellt auch die Basis bereit, um Wissensnetze ähnlich einer Datenbank „abfragen“ zu können.

Die weiteren Ausführungen finden Sie in unserem Produkt „Technische Dokumentation“.

Autor: Stefan Dierßen (Dr. Stefan Dierßen hat Maschinenbau studiert und seine Dissertation an der ETH Zürich absolviert. Seit 2012 ist er als Geschäftsführer der DiNovum zu bereichsübergreifenden Themen wie Variantenmanagement, mobile Dokumentation und digitalen Informationsstrategien tätig.)