23.11.2016

Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender Teile (AiN)

Beim Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender Teile und Anlagen (AiN) handelt es sich wahrscheinlich um die am häufigsten anzuwendende Arbeitsmethode. Sowohl für die Fachkräfte als auch für die EuP oder den Laien treten hierbei die meisten Sicherheitsprobleme bzw. -fragen auf.

Entsprechend der allgemeinen Grundsätze muss entweder der Anlagenverantwortliche oder der Arbeitsverantwortliche sicherstellen, dass vor Beginn der Arbeiten die ausführenden Personen aufgabenbezogen unterwiesen werden. Hier kommt eine Anzahl von Vorschriften zum Einsatz, um alle auftretenden Gefahren erkennen und entsprechende Schutzmaßnahmen treffen zu können.

AiN in der DGUV Vorschrift 3

Der Text zum § 7 DGUV Vorschrift 3 lautet: „In der Nähe aktiver Teile elektrischer Anlagen und Betriebsmittel, die nicht gegen direktes Berühren geschützt sind, darf, abgesehen von den Festlegungen in § 8, nur gearbeitet werden, wenn

  • deren spannungsfreier Zustand hergestellt und für die Dauer der Arbeiten sichergestellt ist oder
  • die aktiven Teile für die Dauer der Arbeiten, insbesondere unter Berücksichtigung von Spannung, Betriebsort, Art der Arbeit und verwendeten Arbeitsmittel durch Abdecken oder Abschrauben geschützt worden sind oder
  • bei Verzicht auf vorstehende Maßnahmen die zulässigen Annäherungen nicht unterschritten werden.“

Daraus ergibt sicheine ganze Reihe wichtiger Fragen:

  • Was ist unter „Nähe“ zu verstehen?
  • Wie und womit darf ich in der Nähe der Anlage arbeiten?
  • Wie weit darf ich mich an die unter Spannung stehenden Teile mit Ausrüstungen und Hilfsmittel annähern?

Man kann jetzt als Antwort sagen: Es müssen alle Spannung führenden Teile entsprechend abgedeckt oder abgeschrankt sein oder es ist dafür zu sorgen, dass die zulässigen Annäherungen nicht unterschritten werden. Für die Laien tritt jetzt eine weitere Frage in den Vordergrund: Wie weit muss ich von dem Leiter oder unter Spannung stehenden Teil wegbleiben? Als Antwort werden dann meistens die Tabellen aus der VDE 0105-100 mit der Darstellung der Gefahrenzone und den Schutzabständen gezeigt.

Zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bei AiN

Leiter oder leitfähige Teile in der Nähe unter Spannung stehender Teile können elektrisch beeinflusst werden. Bei Arbeiten an solchen leitfähigen Teilen sind zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu treffen:

  • durch abschnittsweise Erdung in angemessenen Abständen, sodass die Beeinflussungsspannung gegen Erde auf ungefährliche Werte abgebaut wird
  • durch Potenzialausgleichsmaßnahmen an der Arbeitsstelle, um zu verhindern, dass der Arbeitende in eine Induktionsschleife geraten kann.

Die Arbeitsstelle ist durch geeignete Einrichtungen (Flaggen, Seile, Schilder usw.) zu kennzeichnen. Benachbarte, unter Spannung stehende Schaltfelder können durch zusätzliche, deutlich sichtbare Hilfsmittel gekennzeichnet werden, z.B. Warnschilder.

Der Arbeitende hat bei jeder Bewegung stets selbst darauf zu achten, dass er weder mit einem Teil seines Körpers noch mit Werkzeugen oder Gegenständen die Gefahrenzone erreicht. Besondere Vorsicht ist geboten beim Umgang mit langen Gegenständen, wie z.B. Werkzeugen, Leitungsenden, Rohren, Leitern.

AiN: Notwendigkeit von Unterweisungen

Vor Beginn der Arbeiten muss der Arbeitsverantwortliche die für die Arbeit vorgesehenen Personen, insbesondere solche, die mit Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender Teile nicht vertraut sind, über das Einhalten der notwendigen Abstände sowie über die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen unterrichten und zum sicherheitsbewussten Verhalten auffordern. Die Grenzen des Arbeitsbereichs sind jeweils genau anzugeben, auf Besonderheiten ist hinzuweisen. Unterrichtung und Aufforderung sind in angemessenen Zeitabständen oder nach Änderung der Arbeitsbedingungen zu wiederholen.

Wichtige Fragen bei AiN

Im Zusammenhang mit AiN treten viele Fragen auf:

  • Welche örtlichen Besonderheiten der Anlagen finden die Mitarbeiter vor und worauf müssen sie achten?
  • Wo sind die Grenzen für die Gefahren- und Annäherungszonen in der jeweiligen Anlage?
  • Welche zusätzlichen Probleme kann es vor Ort geben? (offene Kabelkanäle)

Vor Ort hat die Elektrofachkraft dann noch weitere Kriterien zu beachten:

  • Welche Fremdfirma arbeitet in der Anlage?
  • Welche Ausrüstungen kommen zum Einsatz?
  • Muss die Fremdfirma ständig beaufsichtigt werden?
  • Sind alle Abschrankungen ausreichend und sicher angebracht?
  • Welche Geräte kommen zum Einsatz?

Einsatz von Großgeräten bei AiN

Transportarbeiten bzw. der Einsatz von Großgeräten in elektrischen Anlagen sind immer mit erhöhten Sicherheitsanforderungen verbunden. Meistens sind die Probleme in den zulässigen Annäherungen zu suchen. Hier ist besonders der Zustand der Straßen und Wege zu beachten. Befestigte Wege stellen kein Problem beim Transport dar, lediglich die Durchfahrtshöhe und damit der Abstand zu unter Spannung stehenden Teilen sind zu beachten. Der Abstand beim Unterqueren, wie auch der seitliche Abstand müssen Berücksichtigung finden.

Bei Verwendung von Baggern und Kränen, Leitern, Kippern usw. sind gleichfalls die Abstände nach VDE 0105-100 einzuhalten. Bei Arbeiten im Freileitungsbereich beziehen sich die Schutzabstände auf die tatsächliche Lage der Leiterseile (Windeinfluss). Ebenso ist zu berücksichtigen, dass sich der Durchhang der Leiterseile witterungs- und belastungsabhängig ändert. Es haben sich dabei folgende Erfahrungen herausgestellt:

  1. Vom Führungsstand aus ist der Abstand zwischen Ausleger und Leitung schwer einzuschätzen.
  2. Entsprechend der Last kann es zu unkontrolliertem Ausschwingen des Auslegers kommen.
  3. Beim Abladen eines Kippers konzentriert sich der Fahrer auf den Abladevorgang und nicht auf die über ihn verlaufende Freileitung.

Maßnahmen, die das verhindern können sind, der Einsatz von fachkundiger Aufsicht, das Aufstellen einer Höhenbegrenzung, Arbeiten mit Schutzgerüsten oder der Einsatz einer Schwenkkreisbegrenzung.

Autor: Jörg Adamus