13.02.2020

Ziehen Sie die Reißleine – warum auch für Sie als Chef ein Wechsel gut sein kann

Gnothi seauton, altgriechisch für „Erkenne dich selbst!“ So steht es am Apollotempel in Delphi, keine Weissagung der Pythia, sondern eine seither bestätigte Erkenntnis. Die moderne Motivationsanalyse nach Reiss knüpft an sie an – und verhilft Ihnen zu beruflichem Erfolg als Chef.

Wechsel Chef

Immer erfolgreich als Chef – und dann der Absturz. Wie das?

Ja, derlei gibt immer wieder Rätsel auf. Jahrelang ein Herr Freundlich: überaus erfolgreich, als Personalverantwortlicher und Netzwerker Ausgangspunkt innovativer Projekte und erfolgreicher Lobbyarbeit. Ihre Erfolge sprechen sich herum, man wirbt Sie mit großen Erwartungen ab. Doch dann: statt Wunder im neuen Unternehmen eine desaströse Bilanz – Sie verlieren interne Machtkämpfe, Ihre Konkurrenz zieht an Ihnen vorbei. Ihre Leistung lässt spürbar nach. Schließlich meldet sich Ihre Gesundheit.

Derart niederschmetternde Erfahrungen können Sie als Führungskraft nur vermeiden, wenn Sie sich zu allererst wirklich selbst gut kennen. Sie wollen Mitarbeiter führen? Sie wollen sie für Ihre Ideen begeistern? Dann sorgen Sie erstmal für eine authentische Persönlichkeit Ihrer selbst! Überzeugen Sie sich von sich selbst! Kommen Sie selbst zu innerer Ruhe!

Wie stellen Sie das an: sich selbst kennen, sich selbst überzeugen?

Gemeint ist damit nichts anderes als Motivation. Gerade unsere Motive liegen aber oft im Verborgenen. Diesen Schleier können Sie lüften – mit einer Motivationsanalyse wie dem Reiss Motivation Profile. Benannt ist sie nach dem amerikanischen Psychologen Steven Reiss. Er unterscheidet laut Benjamin Schulz (Buch: „Das große Personal Branding Handbuch“), Sparringspartner und Troubleshooter für strategische Fragen für einflussreiche Persönlichkeiten und Companies, insgesamt 16 Lebensmotive, wie z.B.:

  • Macht,
  • Ruhe,
  • Status,
  • Neugier,
  • Ehre,
  • Beziehungen,
  • Familie.

Sie sind bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Sie bilden eine einzigartige Motivkonstellation – jedem Menschen eigentümlich wie ein Fingerabdruck.

Wie lernen Sie Ihre Lebensmotive kennen und akzeptieren?

Dafür gibt es viele Persönlichkeitsmodelle. Viele beschäftigen sich vor allem mit dem individuellen Verhalten. Im Gegensatz  dazu erhalten Sie mit dem Reiss-Profil einen Einblick in Ihre innersten Motivatoren. Haben Sie beispielsweise eine starke Ausprägung des Motivs Macht, dann streben Sie Einfluss an. Sie wollen wirken, gestalten, alles selbst entscheiden – auch wenn der Druck hoch ist. Ist Ihr Motiv Anerkennung geringer ausgeprägt, so spricht viel dafür, dass Sie auch ohne Lob Vollgas geben, negative Kritik haut Sie nicht vom Hocker.

Das Wissen um die eigenen Motive ist bereits die halbe Miete. Doch erst die Erkenntnis, dass sich das, was Sie antreibt, in Ihrem Leben nicht mehr stark ändern wird, bringt Ihnen die Bereitschaft, sich so zu akzeptieren. Es ist viel Wahres dran, wenn wir schulterzuckend über jemanden sagen: „Der kann nicht anders. Der ist halt so.“ Niemand kann eben anders, um Erfolg zu haben und gesund zu leben.

Als Führungskraft sollten Sie:

  • über Ihre Lebensmotive Bescheid wissen,
  • Ihr implizites Wissen, Ihre Emotionen und Erfahrungen, abrufen können,
  • das Warum hinter Ihrem Tun geklärt haben.

Diese Bereiche machen Ihre Identität als Mensch aus, sie sind quasi die DNA Ihrer Persönlichkeit. Ziel ist es, alle Komponenten miteinander in Einklang zu bringen. Dazu müssen Sie sie sich bewusst machen.

Wie kann diese Erkenntnis Ihnen als Chef in neuer Position helfen?

Dadurch, dass Sie erkennen, dass die Situation in Ihrer neuen Position grundlegend anders ist als die frühere Situation, in der Ihr Handeln richtig war. Wenn Situation und Sie als Mensch aufeinandertreffen, sind Sie als Mensch die Konstante und die Situation die Unbekannte. Wissen Sie als Chef um Ihre Rolle, können Sie das Spielfeld genauer unter die Lupe nehmen und erkennen, ob die aktuelle Spielsituation überhaupt zu Ihnen passt.

Erkennen Sie das nicht, werden Sie keine Lösung finden. Ist zum Beispiel Ihr Machtmotiv gering ausgeprägt, zeigt Ihre Beziehungsmotivation sehr hohe Werte, finden Sie sich in der neuen Position plötzlich in einem stark umkämpften Markt wieder, wo es um Macht, Konkurrenz und die Bereitschaft zum und Freude am Wettbewerb geht, dann spielt die Pflege guter persönlicher Beziehungen für Sie in dieser Unternehmenswirklichkeit eine sehr untergeordnete Rolle. Und Sie als früherer Herr Freundlich sind in diesem Umfeld einfach deplatziert.

Wo andere abwinken, laufen sich wettbewerbsorientierte Menschen erst warm. Doch unser Herr Freundlich ist alles andere als warmgelaufen, bereits nach einem Dreivierteljahr ausgebrannt, fühlt sich ausgelaugt, überfordert. Folge: die Erfolge lassen auf sich warten, der Vorstand stellt Ihnen als Chef Freundlich Berater zur Seite im Glauben, man könne Sie ein wenig reparieren, bei Ihren Kompetenzen ein wenig nachhelfen.

Was läuft falsch bei Ihnen als Herr Freundlich?

Nichts. Bei Ihnen ist alles in bester Ordnung. Gespräche und die Analyse Ihrer Lebensmotive zeigen das. Sie stehen nur auf dem falschen Spielfeld. Wie Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), nach Einschätzung vieler Beobachter „ein hervorragender Kanzler, nur in der falschen Partei“. Die herbeigerufenen Berater hätten Sie motivieren können, bis der Arzt kommt – das kann man wortwörtlich nehmen. Motivation funktioniert nur bei angeregten Lebensmotiven. Ohne sie bringen Motivationsprogramme nichts. Stattdessen raten die Experten Ihnen als Herrn Freundlich:

  • wechseln Sie den Job!
  • suchen Sie sich eine neue Aufgabe!
  • Versuchen Sie nicht stumpf durchzuhalten und weiterzumachen! Das schadet Ihnen als Führungskraft und Ihrer Firma – wechseln Sie, das nutzt Ihnen beiden.

Gerade wenn Sie Führungskraft sind, fällt es Ihnen in der Regel schwer, Ihre Grenzen zu erkennen. Eine Führungskraft wie Sie in Chefposition überschreitet Grenzen, ist Pionier auf ihrem Gebiet. Sich zurückzunehmen ist in Ihrem Wortschatz dann nicht vorhanden. Stehen Ihre Lebensmotive als Führungskraft mit der Situation in Konflikt, geraten Sie allerdings auch unter Stress. Dann fallen Sie als Führungskraft, als Chef, in alte Verhaltensmuster zurück. Das emotionale Gedächtnis lässt Sie glauben, dieses Verhalten trage zur Rettung bei. Manchmal stimmt das, manchmal nicht. Ob es stimmt, das müssen Sie erkennen.

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Wie ist Führungsverantwortung in Zukunft zu verstehen?

Zur Beantwortung dieser Frage braucht es einen Kulturwandel. Das Leben ist ein Kreislauf. So gibt es auch bei Führungsverantwortung Zyklen, Kreisläufe. Markt oder politisches Umfeld ändert sich grundlegend, dann führt an einem Führungswechsel oft kein Weg vorbei. Leider wird hier immer wieder zu lange motiviert, repariert und verändert – ein für niemanden angenehmes monatelanges Trauerspiel. Stattdessen sollte es für den Kapitän auf der Unternehmensbrücke ein gewöhnlicher Vorgang sein, das Schiff zu wechseln, wenn der Wind gedreht hat. Nicht nur im Sinne des Unternehmens, sondern besonders in Ihrem Sinne als Führungskraft, Ihrer Gesundheit und Ihrem Streben nach Selbstverwirklichung. Am Ende ist damit also allen gedient.

Was steht diesem Kulturwandel im Weg?

Der unerschütterliche Glaube an die Kompetenz. Eine funktionale Auffassung von Führung überwiegt nach wie vor in deutschen Führungsetagen. Dieses Trauerspiel wird zur Dauervorstellung, kostet in der Realität Zeit, Geld und Prestige. Manchmal versenkt es sogar einen Konzern.

Wie können Sie als Führungskraft ihn bewältigen?

Als Führungskraft werden Sie zu einer wahren Führungsperson, indem Sie einvernehmlich von Bord gehen, wenn Ihre Arbeit getan ist. Sie als Führungsperson wissen, wo Ihre Stärken liegen. Neben den Motiven sind Sie sich Ihrer Emotionen, Erfahrungen und Visionen bewusst. Sie erkennen, wann es Zeit ist, das Spielfeld zu wechseln. Die Dinge können sich auch wieder ändern, und Ihre spezifischen Qualifikationen können wieder gefragt sein. Was es braucht, ist eine Führungskultur, in der zyklische Wechsel Normalität sind.

Dieses Umdenken muss in den Köpfen stattfinden. Man darf Sie als Führungskraft, wenn Sie gehen, nicht als persona non grata, als unerwünschte Person im Unternehmen gering schätzen. Der Wechsel von hier nach da und wieder zurück muss business as usual sein. Wie beim Staffellauf: ein Läufer übergibt den Stab an den anderen, und dieser rennt mit ihm weiter, bis alle Läufer als Team den Sieg errungen haben. Dieser Kulturwandel muss schneller kommen, als manchem lieb ist. Die Digitalisierung erfordert es: das Wandern der Führungsverantwortung von dem einen zum anderen.

Ist Ihr Unternehmen zum Beispiel beim nächsten Projekt auf die Qualitäten eines Netzwerkers angewiesen, die Geschäftsführung liegt eigentlich bei einem Typ „Sanierer“ mit der Mentalität zum Durchgreifen, dann geschieht der Wechsel zum Wohle der Führungskraft besser heute als morgen. Ohne Gesichtsverlust, ohne falsche Eitelkeit.

Der britische Schauspieler John Nettles, vielen bekannt in seiner Rolle der gleichnamigen Krimi-TV-Serie als Chief Inspector Detective Tom „Barnaby“, fasste seine Erkenntnis über sich und seine Aufgabe bei Beendigung dieser Rolle auf die Frage, warum er aufhöre, in die Worte: „Ich hatte das Gefühl, dass ich alles gesagt hatte, was in dieser Rolle zu sagen war.“ Eine Selbsterkenntnis, die die Alten Griechen schon vor zweieinhalbtausend Jahren von sich forderten mit Ihrer Aufforderung, sich selbst zu erkennen: Gnothi seauton!

Autor: Franz Höllriegel