News | Arbeitsrecht 10.02.2017

Wenn Gutachter über Arbeitsunfähigkeit entscheiden

Medizinische Gutachter oft uneinig Zwei Gutachter – drei Meinungen. Gerade bei medizinischen Fragen wird gerne das Einholen einer zweiten Meinung empfohlen. Wenn medizinische Gutachter über Arbeitsunfähigkeit von Mitarbeitern entscheiden sollen, bekommt man zwei. Dabei wäre eine einheitliche Befundlage unabdingbar.

Arbeitsleben und Invalidität

Invaliditätsansprüche unter der Lupe

Oft geht es um viel Geld. Invaliditätsansprüche können gestellt werden. Dann kommt alles auf das unabhängige medizinische Gutachten an. Doch oft sind Ärzte, die dieselben Patienten begutachten, in puncto Arbeitsunfähigkeit unterschiedlicher Meinung. Abhilfe wäre vonnöten. Schaffen könnten sie standardisierte Verfahren, wie eine Studie der Universität Basel und des Universitätsspitals Basel in der Fachzeitschrift „BMJ“ zeigt.

Funktionsorientierte Begutachtung

Im Rahmen einer vom Schweizerischen Nationalfonds, dem Bundesamt für Sozialversicherungen und der Schweizerische Unfallversicherung Suva finanzierten Studie hat ein Forscherteam um Regina Kunz, Professorin für Versicherungsmedizin an der Universität Basel und Leiterin Evidence-based Insurance Medicine am Universitätsspital Basel, für Menschen mit psychischen Beschwerden eine neue Methodik entwickelt und getestet: die funktionsorientierte Begutachtung.

23 Studien ausgewertet

Dafür hatte das internationale Forschungsteam aus der Schweiz, den Niederlanden und Kanada 23 Studien von Wissenschaftlern und Versicherungen in zwölf Ländern ausgewertet. Die früheren Untersuchungen hatten analysiert, wie groß die Übereinstimmung unter Gesundheitsfachleuten ist, wenn es galt, die Arbeitsfähigkeit von Patienten zu beurteilen, die einen Invaliditätsanspruch geltend machten.

Einschätzung einer Arbeitsunfähigkeit

Medizinische Gutachten werden oft zur Einschätzung einer Arbeitsunfähigkeit eingesetzt und haben weitreichende Konsequenzen für Arbeitnehmer, die ihre Arbeitsfähigkeit aufgrund von Krankheit oder Unfall eingeschränkt sehen. „Weltweit wird rund die Hälfte aller Invaliditätsansprüche aufgrund unabhängiger medizinischer Gutachten abgelehnt“, sagt Kunz.

Gültige Standards fehlen

Die Übersichtsstudie habe jedoch gezeigt, dass sich die Experten oft nicht einig sind, ob jemand arbeitsunfähig ist oder nicht. Als Grund für die unterschiedliche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die medizinischen Fachleute führen die Wissenschaftler auf das Fehlen gültiger Standards zurück. „Wir haben Hinweise darauf gefunden, dass strukturierte Begutachtungsprozesse die Zuverlässigkeit der Beurteilungen verbessern können“, so Kunz.

Messen, was man zu messen vorgibt

Kein Gutachten sei stichhaltig, solange es nicht zuverlässig ist – „das heißt, solange es nicht misst, was es zu messen vorgibt“, ergänzt Mitautor Jason W. Busse von der McMaster University in Hamilton, Kanada. Die Ergebnisse seien beunruhigend, weil Patienten eine valide Einschätzung benötigen – einerseits, um zu vermeiden, dass es bei Erwerbsersatzleistungen zu Verzögerungen kommt, anderseits, um durch eine angemessene Betreuung eine anhaltende Arbeitsunfähigkeit zu verhindern.

Bewertung der Arbeitsunfähigkeit verbessern

Deshalb raten Busse und Kollegen zur Entwicklung geeigneter Instrumente und strukturierter Ansätze, die die Bewertung der Arbeitsunfähigkeit verbessern. Die Ergebnisse der Übersichtsstudie werden demnächst vorgestellt.

 

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Autor: Franz Höllriegel