15.06.2018

Weniger ist manchmal mehr: Wie Unternehmen Produktivität steigern

Mal sprudeln kreative Ideen im stillen Büro, mal abends beim Bier. Leistungen erbringt man nicht im Takt der Stechuhr. US-Wissenschaftler sind überzeugt: Mehr Arbeit schafft nicht mehr Produktivität. Trotzdem wird in Deutschland viel Produktivität in Überstunden verschwendet.

Produktivität steigern

Leistung messbar steigern

Zwischen 30 und 50 Stunden pro Woche in der Regel arbeiten – das genügt, um Leistung messbar zu steigern, wenn man für ein Projekt kurzfristig mehr Zeit investiert. Wer aber ständig wöchentlich bis zu 60 Stunden im Büro verbringt, dessen Produktivität stagniert.

Das behauptet jetzt Morten Hansen, Managementprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley, in seinem Buch „Great at Work“, über das die „WirtschaftsWoche“ berichtet. Hansen hat dafür das Phänomen der Produktivität wissenschaftlich untersucht und fünf Jahre lang Leistung und Arbeitsweise von 5000 Berufstätigen untersucht. Ergebnis: Bei einer Wochenarbeitszeit von mehr als 65 Stunden ist die Leistung sogar rückläufig.

Exzessive Überstunden verschwendet

Den standardisierten Acht-Stunden-Tag hielten viele Forscher längst für überholt, exzessive Überstunden für verschwendet, berichtet das Wirtschaftsmagazin. Mehr Arbeit schaffe nicht mehr Produktivität, zitiert es Hansen weiter. Er selbst hatte nach dem Studium als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group in London nach dort üblichen langen Arbeitszeiten mit bis zu 80 Stunden die Woche gearbeitet. Er habe jedoch festgestellt, dass Kollegen bis zu 30 Stunden weniger arbeiteten und trotzdem meist bessere Ergebnisse ablieferten.

Bei Cisco arbeitet man flexibel

Bei technisch ausgerichteten Unternehmen wie dem amerikanischen Netzwerkausrüster Cisco hat man die Arbeitszeit längst auch in deutschen Unternehmenstöchtern umgestellt. Christoph Nienhaus, bei Cisco zuständig für die Regionen Deutschland und Mitteleuropa, berichtet, dass alle Mitarbeiter des Konzerns wählen dürfen, wann und wo sie arbeiten.

So verlasse auch er mittags das Büro, fahre heim, nehme die Hunde an die Leine und gehe in den Wald. So ein Spaziergang helfe ihm, den Kopf freizubekommen, durchzuatmen und nachmittags mit neuem Elan zurück an den Schreibtisch zu gehen.

Niemand überprüfe, wie lange jemand aktiv ist oder pausiert, arbeitet oder ruht. Ob seine Mitarbeiter ihren Arbeitstag gleich morgens oder erst mittags starten, ob sie im Büro nebenan sitzen oder lieber im Café arbeiten, sei ihm egal. Nienhaus: „Solange die Ergebnisse stimmen.“

Höchstleistungen nicht im Takt der Stechuhr

Inzwischen sei klar, dass Höchstleistungen nicht im Takt der Stechuhr erbracht werden. Die tatsächlich absolvierte Arbeitszeit sagt dem Bericht zufolge wenig über die Produktivität eines Mitarbeiters aus. Manch einer versuche mit Überstunden, vor dem Chef zu glänzen, bewältige sein Pensum aber nur mit Mühe. Andere gingen ihre Aufgaben fokussierter an und lieferten binnen kurzer Zeit exzellente Arbeit ab. Mal sprudelten kreative Ideen morgens im stillen Büro, mal abends beim Bier. Mal gedeiht Motivation im trubeligen Großraumbüro, mal beim Rückzug ins Homeoffice.

Calvinistisches Arbeitsethos

„Wir sollten anders arbeiten statt mehr“, fordert Hansen. Einerseits glaubten viele Menschen noch immer, dass das calvinistische Arbeitsethos der beste Weg sei, um eine erfolgreiche Karriere hinzulegen. Andererseits herrsche in vielen Büros Gruppenzwang: Viele trauten sich nicht, früher als andere nach Hause zu gehen.

Für Hansen eine längst überholte Vorstellung: „Wir müssen von der falschen Überzeugung wegkommen, dass Leistung etwas mit der Arbeitsmenge zu tun hat.“ Es gehe vielmehr darum, wie sie erbracht wird. Sein Motto: „Tu weniger – aber das besessen.“ In seinen Untersuchungen stellte Hansen immer wieder fest: Die wirklichen Leistungsträger hatten die Fähigkeit, sich auf wenige Punkte zu konzentrieren – und so Störfaktoren auszublenden.

Cisco-Arbeitszeitmodell in Deutschland in der Minderheit

Gleichwohl gehört das Deutschland-Büro von Cisco offenbar hierzulande noch zu einer Minderheit. Laut „WirtschaftsWoche“ können sich 2017

  • nur 34 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland die Arbeit frei einteilen.
  • Zwölf Prozent der Arbeit werde im Home-Office erledigt. 71 Prozent der Mitarbeiter arbeiteten trotz Krankheit,
  • 42 Prozent, weil sie sagen, dass ihre Arbeit sonst nicht machbar wäre,
  • 31 Prozent aus Eigenmotivation. 53 Prozent arbeiteten häufig länger, um alle Aufgaben erledigen zu können.
  • Und 33 Prozent sehen bei sich oder Kollegen das Risiko dauerhafter Unterforderung.

Produktivität im Hightechunternehmen und im Handwerksbetrieb

Ist die Arbeitszeitkultur in Deutschland also noch rückständig? Oder liegt es vielleicht daran, dass sich Hansens Postulate für mehr Produktivität im Hightechunternehmen mit der Wirklichkeit beispielsweise im Handwerksbetrieb irgendwie nicht vertragen? „Meisterbrief AKTUELL“ (08/2018) bringt handgreifliche Beispiele aus der Praxis: Ein Monteur vergisst notwendiges Material, Werkzeuge liegen nicht griffbereit, zusätzliche Kundenfahrten fallen an – alles unproduktive Zeiten, für die ein Home-Office kaum die Lösung darstellen dürfte. Anders als Theoretiker wie Hansen bringt der Wirtschaftsbrief für das Deutsche Handwerk konkrete Tipps und Hinweise, mit welchen Hilfswerkzeugen Sie unproduktive Zeiten überbrücken und den Weg hin zu höherer Produktivität im alltäglichen Betrieb ebnen können. Da wird schnell klar: Produktivität bringt umso mehr, je konsequenter sie überwacht wird – egal ob im Unternehmen oder zu Hause erbracht.

Empfehlung der Redaktion

Sie führen einen Handwerksbetrieb? Wir bieten Ihnen Informationen und Know-How – aus Wirtschaft, Steuer und Betriebsführung. Im „Meisterbrief AKTUELL“ kurz und verständlich von Experten für Ihren Bedarf aufbereitet. Sie optimieren Ihr Management, gewinnen Sicherheit, sparen Zeit und Geld.

Lesen Sie jetzt 14 Tage kostenlos eine Ausgabe des „Meisterbrief AKTUELL“!

Dabei haben Sie freien Zugriff auf das ganze Media-Paket! (Online-Zugangsdaten in der Ausgabe.) Incl. aller Ausgaben im Archiv, sowie Downloads zu Checklisten, Mustertexten und anderen Arbeitshilfen! Auch die oben erwähnte Ausgabe können Sie dort einsehen. Jetzt testen!

Autor: Franz Höllriegel