25.04.2019

Welche Vor- und Nachteile bringt eine Nettolohnvereinbarung mit sich?

Macht Geld glücklich? Der Blick auf den Lohnzettel sagt meistens: Nein. Grund: die vielen Abzüge. Also, denkt mancher, vereinbaren wir Lohn ohne Abzüge: Nettolohn! Doch der macht auch nicht glücklich.

Nettolohnvereinbarung

Warum sollten Sie als Arbeitgeber überhaupt Nettolohn vereinbaren?

Chance einer verringerten Steuerlast

Also, wir geben zu: wir mussten lange suchen, um eine Begründung für Nettolohnvereinbarungen zu finden. Weder aus Sicht des Arbeitgebers noch aus Sicht des Arbeitnehmers wurden wir fündig. Einen kleinen Hinweis gibt die Oberfinanzdirektion Nordrhein-Westfalen in der Veröffentlichung „Steuerliche Fragen im Zusammenhang mit Nettolohnvereinbarungen“ vom 15. August 2018 (S 2367-2017/0004-St 213, S 1301-2017/0058-St, 126/St 127). Danach sollen Sie als Arbeitgeber mit Abschluss der Nettolohnvereinbarung die Chance einer verringerten Steuerlast bekommen können. Muss aber nicht sein. Es kann auch sein, dass Sie als Arbeitgeber das Risiko einer erhöhten Steuerlast übernehmen – das hängt ganz von der Änderung der Lohnsteuerabzugsmerkmale ab. Vorteil für Sie als Arbeitgeber?

Chance, Arbeitnehmer an sich zu binden

Oder Sie wollen den Arbeitnehmer locken oder an sich binden mit dem Versprechen, er bräuchte keine Abzüge zu befürchten. Klar: für Ihren Arbeitnehmer wäre eine Nettolohnvereinbarung vorteilhaft. Er bekommt auch bei Änderungen in seinen persönlichen Verhältnissen und bei gesetzlichen Änderungen monatlich stets den gleichen Betrag von Ihnen als seinem Arbeitgeber ausbezahlt. Ihre Verpflichtung als Arbeitgeber zur Übernahme der Abzugsbeträge berührt zudem lediglich Ihr Innenverhältnis mit Ihrem Mitarbeiter. Für ihn ist die Übernahme der Abzugsbeträge durch Sie als seinem Arbeitgeber zusätzlich zu seinem Nettogehalt gezahlter Arbeitslohn, den er versteuern muss. Er selbst schuldet die jeweiligen Beträge weiter. Also Vorteil sieht auch für Ihre Arbeitnehmer anders aus.

Tipp der Redaktion

Dieser Beitrag stammt aus unserem monatlichen Beratungsbrief Meisterbrief aktuell (Ausgabe 04/2019).

Meisterbrief aktuell für das Handwerk befasst sich in kurz und verständlich dargestellter Form mit allen wichtigen Themen rund um Unternehmensführung, Finanzen, Steuersparmöglichkeiten, Personafragen u.s.w. bis hin zu Tipps für Kundenmanagement und der Rechnungsstellung. Erfahrene Experten geben Ihnen konkrete Tipps und Arbeitshilfen an die Hand. Darüberhinaus können Sie sich als Kunde auch mit Ihren persönlichen Fragen an sie wenden.

Ein Verwirrspiel: Wer schuldet denn nun was wem?

In einem allgemein üblichen Arbeitsverhältnis schulden Sie als Arbeitgeber Ihrem Arbeitnehmer den Bruttolohn. Dieser vermindert sich zulasten Ihres Arbeitnehmers um die daraus ermittelten steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Abzüge. Bei gesetzlichen Änderungen sind Sie als Arbeitgeber lediglich im sozialversicherungsrechtlichen Bereich durch Veränderung der Zahlung des Arbeitgeberanteils zur Sozialversicherung beteiligt.

Ihr Mitarbeiter schuldet die einzelnen Abzugsbeiträge den Abzugsempfängern, also

  • Lohnsteuer und Solidaritätszuschlag dem Staat,
  • Kirchensteuer soweit einschlägig der Kirche,
  • Kranken-, Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung den jeweiligen Versicherungsträgern.

Sie als Arbeitgeber können mit Ihrem Arbeitnehmer vereinbaren, dass Sie diese steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Abzüge übernehmen und er von Ihnen den Nettolohn vertraglich zugesichert bekommt. Dazu schließen Sie dann eine Nettolohnvereinbarung ab.

Birgt eine Nettolohnvereinbarung eine Gefahr für Sie als Arbeitgeber?

Ja. Bei der Nettolohnvereinbarung tragen Sie als Arbeitgeber das volle und alleinige Risiko bei Änderungen im Lohnabzug etwa durch einen Wechsel des Familienstands Ihres Arbeitnehmer. Dann kann dieses Risiko gravierende Auswirkungen für Sie als Arbeitgeber haben.

Beispiel: Wechsel der Steuerklasse

Nehmen wir an, Sie als Arbeitgeber vereinbaren mit Ihrem Arbeitnehmer einen Nettolohn von 2.000 Euro. Bei seiner Einstellung war er ledig, hatte insofern Steuerklasse 1. Daraus ergibt sich ein Bruttolohn von 3.129,26 Euro. Zuzüglich eines pauschal angenommenen Arbeitgeberanteils zur Sozialversicherung von 20 Prozent betrüge die Belastung für Sie als Arbeitgeber insgesamt 3.755,11 Euro monatlich.

Jetzt, weiter angenommen, heiratet Ihr Mitarbeiter. Dafür haben Sie als Arbeitgeber ihm eine Nettolohnerhöhung von 100 Euro zugesagt. Was Sie dabei nicht bedacht haben: nach der Eheschließung wechselt Ihr Mitarbeiter in Steuerklasse 5. Aus dem ursprünglichen Bruttolohn von 3.129,26 Euro wird so ein Bruttolohn von 4.193,29 Euro. Kommen hinzu die 20 Prozent Ihr pauschalierter Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung. Und schon steigt Ihre monatliche Belastung als Arbeitgeber auf nun 5.031,95 Euro.

Merken Sie die Falle, in die Sie getappt waren: Aus Ihrer Erhöhung des Nettolohns von 100 Euro für Ihren Mitarbeiter wird jetzt eine Erhöhung des Bruttolohns um 1.064,03 Euro – und ruckzuck für Sie als Arbeitgeber eine monatliche Mehrbelastung insgesamt sogar um 1.276,84 Euro.

 

Sollten Sie immer noch eine Nettolohnvereinbarung anstreben?

Nein, davon kann man eigentlich nur abraten. Falls Sie als Arbeitgeber gleichwohl eine Nettolohnvereinbarung anstreben, sollten Sie einen arbeitsrechtlich einwandfreien Passus in den Arbeitsvertrag einarbeiten lassen, der Sie von dem Risiko befreit, eine Änderung in den Verhältnissen Ihres Arbeitnehmers finanziell allein tragen zu müssen.

Dabei sollten Sie auf den Unterschied zwischen echter und unechter Nettolohnvereinbarung achten. Machen Sie immer klar, auf welche der beiden Vereinbarungen Sie sich als Arbeitgeber berufen:

  • die echte Nettolohnabsprache: hier bleibt, wie beschrieben, das Netto gleich auch bei Änderungen in den Beiträgen der Sozialversicherung oder bei der Steuer. Egal ob die Abgaben steigen oder sinken, beides hat keine Auswirkung auf den Nettolohn.
  • Die unechte Nettolohnabsprache: hier halten Sie im Vertrag lediglich das zu zahlende Nettogehalt fest, das bei Vertragsabschluss gilt. Eine Änderung im Rahmen einer steigenden oder sinkenden Abgabelast ist damit jedoch nicht automatisch ausgeschlossen.
Auswirkungen auf den Bruttolohn bei Wechsel der Steuerklasse

Wie berechnen Sie eine rechtlich wasserdichte Abrechnung?

Dafür berechnen Sie zunächst einmal einen fiktiven Bruttolohn. Davon ziehen Sie die einzubeziehenden Abzüge ab. Im Ergebnis erhalten Sie dann den Nettolohn. Für die Berechnung der Abzugsbeträge ist auf den Bruttolohn hochzurechnen. Sie als Arbeitgeber müssen die Lohnsteuer vom Bruttolohn zahlen, was wiederum zusätzlichen Lohn für Ihren Mitarbeiter darstellt, und zwar auch dann, wenn die festgesetzte Einkommenssteuer höher als die errechnete Lohnsteuer ausfallen sollte. In der Buchhaltung müssen Sie den Bruttolohn beim Verbuchen angeben.

Auch bei einer Nettolohnvereinbarung bleibt Ihr Arbeitnehmer ein Steuerschuldner. Er kann bei der jährlichen Steuererklärung einen Ausgleich erhalten oder muss eventuell Steuern nachzahlen. Teilweise können Sie innerbetrieblich vereinbaren, dass Ihr Mitarbeiter eine Steuererstattung an Sie als Arbeitgeber weitergibt. Dies ist für die Steuer selbst aber ohne Bedeutung.

Autor: Franz Höllriegel