19.10.2017

Unternehmen proaktiv bei Sexualität am Arbeitsplatz

Lesben und Schwule gehen immer offener mit ihrer Einstellung um. Offen schwul – und diskriminiert? Immer noch beklagen sich viele Beschäftigte darüber. Allerdings machen am Arbeitsplatz viele Mitarbeiter kein Geheimnis mehr aus ihrer Sexualität. Unternehmen gehen proaktiv damit um – der akute Arbeitskräftemangel zwingt sie dazu.

12 Herzen in Regenbogenfarben

Arbeitssituation alternativ sexueller Beschäftigter

Lesbische oder schwule Mitarbeiter bekennen sich zunehmend am Arbeitsplatz zu ihrer Sexualität. Ihre Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Knapp ein Drittel (28,9 Prozent) der Befragten spricht mit Kollegen offen über dieses Thema. 2007 waren es nur 12,7 Prozent. Das zeigt die Studie „Out im Office?!“ zur Arbeitssituation lesbischer, schwuler, bi- und transsexueller Beschäftigter in Deutschland. Sie hat das Institut für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung (IDA) in Kooperation mit der Hochschule Fresenius erhoben und gemeinsam mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vorgelegt.

Offenheit gegenüber Führungskräften

Ein Drittel (30,5 Prozent) spricht demnach mit niemandem oder nur mit wenigen Personen am Arbeitsplatz über die eigene sexuelle Identität. Dies war 2007 noch für 51,9 Prozent der Fall. Auch gegenüber Führungskräften wächst die Offenheit. Gleichzeitig ist die Zahl der Beschäftigten, die angeben, bereits Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt zu haben, unverändert hoch. Drei von vier Befragten (76,3 Prozent) berichten davon.

Bisexuelle und transgeschlechtliche Beschäftigte

An der Befragung haben zwischen Februar und Mai 2017 insgesamt 2884 lesbische, schwule, bi- und transsexuelle Beschäftigte teilgenommen. Die Erhebung ist eine Neuauflage der gleichnamigen Untersuchung aus dem Jahr 2007. Erstmalig wurde auch die Situation von bisexuellen und transgeschlechtlichen Beschäftigten in den Blick genommen. Die Antidiskriminierungsstelle hat die Studie gefördert.

Arbeitskräftemangel zwingt zu Veränderung

Führende Unternehmen haben der Studie zufolge Strategien zum Umgang mit unterschiedlicher Sexualität ihrer Mitarbeiter am Arbeitsplatz entwickelt. Als Grund geben die Forscher den Arbeitskräftemangel an. Er führe derzeit zu Veränderungen in dieser Hinsicht bei Arbeitgebern. Als Best Practice-Beispiele nennt die Studie SAP, Ikea und IBM. SAP zeichne sich beispielsweise durch „Transition-Guidelines“, geschlechtsneutrale Toiletten und entsprechende Öffentlichkeitsarbeit zu dem Thema aus. Ikea lasse Personalakten versiegeln, so dass keine Rückschlüsse auf die „Prä-Transitionsidentität“, also die sexuelle Ausrichtung des betreffenden Mitarbeiters vor Beginn seiner neuen sexuellen Einstellung möglich sind. IBM habe ein Diversitätsmanagement bei sich eingeführt.

Unterstützung durch Geschäftsleitung

Die Experten fordern seitens der Geschäftsleitung eine klare Unterstützung. Die Führungsebene müsse sich informieren, Maßnahmen konsequent umsetzen und der Belegschaft klare Grenzen setzen und diese auch kommunizieren. Sie müsse dabei auf die Konsequenzen für diskriminierendes Verhalten hinweisen wie Gespräche mit Mitarbeitern, Abmahnungen oder Kündigungen.

Diversitätsmanagement

Ein Diversitätsmanagement müsse explizit Geschlechtsidentität und -ausdruck enthalten. Hierzu zählen die Experten auch

  • verbindliche Leitlinien und Prozesse,
  • ein auf das Thema abgestimmtes Leitbild sowie
  • klar benannte und zuständige Ansprechpartner für dieses Thema.

Sie sollten im Unternehmen bekannt sein und entsprechendes Wissen entweder bereits besitzen oder bereit sein, es sich anzueignen.

Sexualität mit Asterisk

Der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders zufolge erleben als „LSBT*“ für „Lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell“ bezeichnete Personen „am Arbeitsplatz Ausgrenzung, Mobbing und Belästigungen“. Lüders: „Wir sehen aber auch: Das gewandelte gesellschaftliche Klima schlägt sich in den Unternehmen nieder.“ Viele Arbeitnehmer könnten heute offener mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen als noch vor zehn Jahren. Unternehmen könnten und sollten, so Lüders, das unterstützen, „indem sie Diskriminierung sichtbar ahnden und eine offene Unternehmenskultur fördern, zum Beispiel durch mehr Diversity-Trainings.“ Der Asterisk („*“) wird nach Auskunft der Antidiskriminierungsstelle als eine Art Platzhalter für alle möglichen Arten geschlechtlicher Neuausrichtung verwendet.

Entschädigung bei Diskriminierung steuerrechtlich

Nicht nur Kollegen, sondern auch Arbeitgeber dürfen ihre Arbeitnehmer nicht diskriminieren, egal ob wegen ihrer geschlechtlichen Ausrichtung oder sonst wie. Passiert dies doch, sind die Arbeitgeber verpflichtet, ihrem Arbeitnehmer Schadensersatz zu leisten. Darauf weist „Lohn- & Gehaltsprofi AKTUELL“ in der neuen Ausgabe (13/2017 Oktober) hin. Wie eine eventuelle Entschädigung unter Aspekten der Steuer– und Sozialversicherungspflicht zu behandeln ist, dazu alles Wissenswerte einschließlich dem Wortlaut des einschlägigen Paragraphen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes in dem Newsletter für betriebsprüfungssichere Abrechnung.

 

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Autor: Franz Höllriegel