10.04.2018

Unternehmen outsourcen Routinearbeiten an Crowdworker

Computer können vieles, aber nicht alles. Was sie nicht können, lagern Unternehmen aus an Zuarbeiter, je mehr, desto besser, bei geringen Löhnen, ohne die Last sozialer Absicherung. Die Menge an Zuarbeitern macht‘s. Die Gewerkschaften sehen in ihnen moderne Tagelöhner.

Outsourcing

Spaltung unter den Beschäftigten

Digitalisierung der Arbeitswelt – das ist nicht nur künstliche Intelligenz und ihre Folgen für die Arbeitsplätze. Dabei geht es zunehmend auch um eine Spaltung unter den Beschäftigten, mahnt Wolfgang Kessler in der „Frankfurter Rundschau“. In vielen IT-Unternehmen gruppiere sich um eine gut bezahlte Stammbelegschaft mit selbstbestimmten Arbeitszeiten ein Heer digitaler Zuarbeiter. Auf Internet-Plattformen kann sich jede Person um ganz unterschiedliche Tätigkeiten bewerben:

  • kleine Texte erstellen,
  • Bilder im Web kategorisieren,
  • Zeichnungen für bestimmte Software-Programme ausmalen,
  • Programme testen,
  • Firmenadressen überprüfen.

Geld verdienen in Bahn oder Wartezimmer

Es handelt sich um standardisierte Aufgaben, die noch nicht von Computern durchgeführt werden können. Die Aufgaben dauern oft nur Sekunden oder Minuten und lassen sich einfach in den Alltag integrieren – „so ist Geld verdienen auch in der Bahn oder im Wartezimmer möglich“, schreibt „wissen.de“. Grundsätzlich kann jeder über 18 Jahren ein Clickworker werden. Einfach bei einer der Online-Plattformen anmelden und schon könne man sich aus der Flut an Angeboten bedienen. In den USA hat Amazon bereits 2005 die erste Clickworking-Plattform gegründet: „Mechanical Turks“. Der Verdienst beginne hier im absoluten Keller – bei einem Cent pro Aufgabe. Nicht der einzige Grund, weshalb der Branche häufig Ausbeutung vorgeworfen wird. So sollen laut der Wissensplattform die Auftraggeber Aufträge auch nach Asien, insbesondere Indien, auslagern, um die dortigen Arbeiter für wenige Cents auszubeuten.

Die Menge macht‘s

Bei der Vergabe dieser Jobs hoffen die Unternehmen auf die Menge (englisch crowd) an Zuarbeitern. Deshalb heißen diese Zuarbeiter Crowdworker. Sie können selbstbestimmt von jedem Ort arbeiten für wenige Cent pro Text. Der DGB hat einen Durchschnittsverdienst von 3,50 Euro errechnet. Sie müssen sich zudem selbst gegen Krankheit absichern und für ihr Alter vorsorgen. Forschungsinstitute schätzen ihre Zahl auf 500.000, Tendenz steigend. Firmen schätzen die Billigarbeitskräfte, für die sie keine Sozialbeiträge bezahlen müssen. Für die Gewerkschaften seien Crowdworker „moderne Tagelöhner“.

Freiheitsliebe zu Niedrigstpreis

Die Gewerkschaften kommen nur schwer an Crowdworker oder etwa freiberufliche Zusteller von Paketen oder Essen heran. Diese Gruppe arbeitet individualisiert und pocht meistens auf ihre Freiheit. Mit über einer Millionen Nutzer führt laut „wissen.de“ die Online-Plattform Clickworker den deutschen Markt an. Auch hier liegt das Honorar für einzelne Klickjobs im Centbereich, es wenn man sich hochgearbeitet habe, seien aber Stundenlöhne von neun bis zwölf Euro möglich. Das scheint jedoch die Ausnahme zu sein. Clickworker verdienen durchschnittlich nur 4,80 Euro pro Stunde, weit weniger als der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro, zitiert „wissen.de“ aus einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Rentenversicherung & Co für Tagelöhner?

Die große Koalition will zumindest alle Selbstständigen in die Rentenversicherung einbetten. Ob aber Crowdworker und andere Freiberufler der Digitalgesellschaft in der Lage sind, so viel in eine Rentenversicherung einzuzahlen, dass sie von Altersarmut verschont bleiben, bezweifelt Kessler. Wenn nicht, müsse man über Einzahlungen der Unternehmen nach dem Modell der Künstlersozialversicherung sprechen. Tue die Politik weiter nichts, könnte sich dies bitter rächen, wenn immer mehr moderne Tagelöhner im Alter oder bei Krankheit zu Sozialfällen werden. Kessler: „Wer die Industrie 4.0 will, muss auch über einen Sozialstaat 4.0 reden.“

Unständig Beschäftigte – die Tagelöhner von heute

Heute bezeichnet man den Personenkreis der Tagelöhner auch als „unständig Beschäftigte“, „hinsichtlich ihres Berufsbilds ohne festes Arbeitsverhältnis“, wie „Lohn- & Gehaltsprofi AKTUELL“ (5/2018) schreibt. Sie sind nicht ständig beim gleichen Arbeitgeber beschäftigt und arbeiten weniger als sieben Kalendertage am Stück. In der gesetzlichen Kranken‑, Pflege– und Arbeitslosenversicherung gelten für versicherungspflichtig unständig Beschäftigte besondere versicherungs‑, beitrags- und melderechtliche Regelungen, wenn sie die unständige Beschäftigung berufsmäßig ausüben. Beispiele, Definitionen und was Arbeitgeber sonst zur Begriffsbestimmung unständig Beschäftigter wissen sollten, dazu mehr in dem Beratungsbrief für betriebsprüfungssichere Abrechnung.

 

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Autor: Franz Höllriegel