15.12.2017

Unternehmen des Einzelhandels fordern moderne Tarifverträge

Im Einzelhandel regeln Tarifverträge Löhne und Arbeitsbedingungen. Doch immer weniger Unternehmen unterliegen einem Tarifvertrag. Die Gewerkschaften fordern allgemeinverbindliche Tarifverträge. Die lehnen die Unternehmen ab. Sie fordern statt dessen modernere Tarifverträge.

Tarifvertrag

Tarifbindung im Handel

Über 2.000 Beschäftigte der Handelsbranche demonstrierten unlängst in Anwesenheit von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) für allgemeinverbindliche Tarifverträge. Aufgerufen dazu hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Die Arbeitnehmervertreter beklagen eine mittlerweile geringe Tarifbindung im Handel von nur noch 30 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel und 21 Prozent im Groß- und Außenhandel in tarifgebundenen Unternehmen. In den ihrer Ansicht nach zunehmend nicht-tarifgebundenen Handelsunternehmen würden bis zu einem Drittel geringere Löhne gezahlt als in tarifgebundenen. Auch seien bei jenen die Arbeitsbedingungen schlechter.

Moderne Tarifverträge gefordert

Der Handelsverband Deutschland (HDE) widerspricht. Die Tarifbindung im Einzelhandel sei stabil, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbandes. Zusätzlich orientierten sich zahlreiche Unternehmen der Branche an den Regelungen der Tarifverträge. Um die Tarifbindung in der Branche weiter zu steigern, fordert der Verband Ver.di auf, konstruktiv über die Modernisierung der Tarifverträge zu sprechen. Eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung der Tarifverträge im Einzelhandel, wie von Ver.di gefordert, sei dagegen der falsche Weg.

Unmittelbar tarifgebundene Unternehmen

38 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel sind den Angaben des HDE zufolge in unmittelbar tarifgebundenen Unternehmen tätig. Der Verband beruft sich dabei auf Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Darüber hinaus hätten sich viele Unternehmen durch Vereinbarung im Arbeitsvertrag dazu verpflichtet, die Branchentarifverträge ganz oder teilweise anzuwenden. So fände für 60 Prozent (West) bzw. 44 Prozent (Ost) der Beschäftigten, die bei nichttarifgebundenen Mitgliedern im Arbeitgeberverband arbeiten, bei der Vergütung eine Orientierung an den tariflichen Löhnen und Gehältern statt.

Steigerung der Tarifbindung

„Die Zahl der Arbeitnehmer im Einzelhandel, die in tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt ist, ist seit Jahren relativ stabil. Für eine Steigerung der Tarifbindung müssen wir gemeinsam mit der Gewerkschaft Ver.di die Tarifverträge attraktiv und zeitgemäß gestalten“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Die Gewerkschaft müsse deshalb endlich konstruktiv über die Anpassung der Entgeltstrukturen sprechen.

Genth: Gutes Geld für gute Arbeit

„Die Branche zahlt gutes Geld für gute Arbeit“, so Genth weiter. Der Durchschnittslohn liege über 90 Prozent über dem Mindestlohn. Mit durchschnittlich 16,91 Euro pro Stunde verorte die Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamts die Löhne der Branche deutlich über der gesetzlich festgelegten Grenze von 8,84 Euro. Die Monatseinkommen seien aufgrund des hohen Anteils von Teilzeitbeschäftigten naturgemäß geringer als in Branchen mit überwiegend Vollzeitbeschäftigten.

Droht Altersarmut?

Derzeit sind Genth zufolge 63 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel in Teilzeit oder als Minijobber tätig. Genth: „Nur eine Minderheit davon verdient sich auf diese Weise das Haupteinkommen.“ Hieraus den Schluss zu ziehen, dass die Beschäftigten aufgrund ihrer Tätigkeit im Handel später in der Altersarmut landen, „ist deshalb falsch“, so der HDE-Hauptgeschäftsführer. Meistens sei in diesen Haushalten zusätzlich ein Vollzeitverdiener vorhanden.

Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen

Die derzeitigen Entgeltstrukturen stammen aus den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Sie bilden aus Sicht des Einzelhandels nicht mehr die aktuellen Arbeitsbedingungen ab. Die Schwächung der Tarifautonomie durch staatliche Einmischung dagegen sei der falsche Weg. Deshalb lehnt der HDE die Ver.di-Forderung nach einer Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen ab. Wie wichtig die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen ist, zeigt ein aktueller Bericht in „Personaltipp AKTUELL“ (14/2017). Danach ist es ein „weit verbreiteten Irrglauben“ anzunehmen, Tarifverträge gälten automatisch, wenn in der Branche ein hinlänglich bekannter Tarifvertrag existiert oder der Arbeitgeber im Arbeitgeberverband ist. Der Bericht empfiehlt deshalb Personalverantwortlichen, sich mit den Grundzüge zur Anwendung von Tarifverträgen unbedingt vertraut zu machen. Worauf insbesondere zu achten ist, dazu alles Wichtige in dem Newsletter für Arbeitsrecht.

 

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Autor: Franz Höllriegel