28.06.2018

Unternehmen bieten Mitarbeitern Urlaub nach Bedarf an

Urlaub nach Bedarf: Gleitzeit nicht nur bei der täglichen Arbeit – immer mehr Arbeitgeber bieten ihren Mitarbeitern an, selbst zu bestimmen, wie viel Urlaub sie brauchen. Doch kann das funktionieren? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Eine Studie sieht für das Modell durchaus eine Mehrheit.

Urlaub nach Bedarf

Urlaub nach Bedarf

26 Tage Urlaub stehen im Vertrag. Nicht genug? Einige Unternehmen experimentieren mit dem Konzept. Immer mehr Arbeitgeber bieten ihren Mitarbeitern an, selbst zu bestimmen, wie viel Urlaub sie brauchen. Sie wollen damit starre Strukturen aufbrechen, Urlaubsplanung erleichtern.

Unbegrenzter Urlaub bis der Arzt kommt sozusagen? Kann es funktionieren, wenn Mitarbeiter in Abstimmung mit Kollegen ihren Urlaubsumfang selbst bestimmen und flexibel auf die private Situation anpassen können?

An der Frage scheiden sich die Geister, wie die alljährliche Studie „Kompass Neue Arbeitswelt“ des Marktforschungsinstituts marketagent.com und der Businessplattform Xing ergab. Für den Urlaubsreport „Urlaub ohne Ende“ befragten die Forscher 1.015 deutsche Arbeitnehmer repräsentativ im ersten Quartal 2018.

Selbstbestimmung der Urlaubstage

Knapp über die Hälfte der befragten Teilnehmer glauben demnach, dass die Selbstbestimmung der Urlaubstage funktionieren würde. Anscheinend funktioniert das Konzept, glauben die Meinungsforscher.

Vor allem jüngere Berufstätige befürworteten das Modell des unbegrenzten Urlaubs. Sie wünschten sich auch mehr Urlaubstage als ihre älteren Kollegen. Mit durchschnittlich 34,2 Urlaubstagen würden sich Mitarbeiter im Alter zwischen 18 und 24 Jahren rund vier freie Tage mehr als solche zwischen 60 und 65 Jahren nehmen, im Grunde egal welchen Geschlechtes.

Auch Arbeitnehmer in Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern würden mit 30,3 Urlaubstagen rund vier Tage weniger als Arbeitnehmer in großen Unternehmen nehmen, die mehr als 10.000 Mitarbeiter beschäftigen.

Ältere kritischer als Jüngere

Doch nicht alle sind dem Thema gegenüber so positiv eingestellt. Ältere Generationen betrachten das Modell kritischer als jüngere. Unter den 40- bis 65 Jahre alten Arbeitnehmern sind 13 Prozent ausgeprägte Skeptiker, unter denen zwischen 18 und 39 nur neun Prozent.

Julian Draxler, Talent-Manager bei Elbdudler GmbH sieht in seinem Unternehmen kein festes Kontingent an Urlaubstagen. Jeder könne so viel Urlaub nehmen, wie er möchte. Angenommen, man macht in einem Jahr die längere Reise, die man schon immer machen wollte und kann dadurch die Weihnachtszeit nicht mehr bei Familie oder Freunden in der Heimat verbringen, weil einem zwei Tage Urlaub dafür fehlen, dann hielte man das für sinnlos.

Genauso andersrum. Hat man im vorigen Jahr seinen Urlaub nicht ganz aufgebraucht, fühle man sich dennoch erholt und gut. Draxler: „Warum sollte ich dann meinen Resturlaub einfach abbummeln?“ Das bedeute allerdings nicht, dass hier jeder 60 Tage Urlaub im Jahr nimmt. Im Schnitt läge man etwa bei 30 Tagen, so Draxler.

Beziehung Urlaubstage und Einkommen

Steht die gewünschte Anzahl an Urlaubstagen mit dem Einkommen der Arbeitnehmer in Verbindung? Laut Studie: ja! Vielverdiener wünschten sich rund vier Tage mehr Urlaub als Geringverdiener. Dabei spielten auch die finanziellen Möglichkeiten eine Rolle, auch etwas mit dem Urlaub anfangen zu können, vermuten die Forscher.

Der sogenannte Vertrauensurlaub ist nur schwierig mit den rechtlichen Rahmenbedingungen vereinbar, glaubt Jens Niehl, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht. Wer fünf Tage die Woche arbeitet, hat einen Mindestanspruch von 20 Urlaubstagen im Kalenderjahr. Davon darf nicht zu Lasten der Arbeitnehmer abgewichen werden.

Vertrauensurlaub führe dazu, dass einzelne Arbeitnehmer weniger als ihren gesetzlichen Mindesturlaub einreichen. Dafür sieht Niehl verschiedene Gründe. Sei es, weil Arbeitnehmer ein schlechtes Gewissen fürchten, der Konkurrenzdruck zu groß sei oder Arbeitnehmer schlicht Angst vor dem Chef hätten. Niehl: „Die für Arbeitgeber und Arbeitnehmer zwingenden gesetzlichen Regelungen sollen den Arbeitnehmer aber gerade davor schützen, dass – egal aus welchen Gründen – zu wenig Urlaub gewährt wird.“

Sabbatical selten beantragt

In Sachen Sabbatical sieht es in Deutschland weniger gut aus. Zwar haben rund elf Prozent der Deutschen schon einmal eine längere Auszeit genommen, für ein Viertel aller Befragten besteht jedoch der Wunsch nach einer längeren Auszeit. So stehen ein Drittel der deutschen Arbeitnehmer einer längeren Auszeit positiv gegenüber.

Viele trauen sich aber nicht, diese Option auch beim Arbeitgeber anzusprechen. Einen Grund dafür sehen die Wissenschaftler darin, dass die Hälfte aller Sabbatical-Anfragen der Teilnehmer abgelehnt und ein Drittel der Anfragen lediglich mit Einschränkungen genehmigt wurden. Eine längere Auszeit kommt nicht für alle in Frage: Die Mehrheit der befragten Teilnehmer hat sich bisher noch keine längere Auszeit genommen oder ist sogar gar nicht daran interessiert.

Im unbegrenzten Urlaub auch unbegrenzt erreichbar?

Eine andere Frage ist: Wie steht es mit der Erreichbarkeit während des unbegrenzten Urlaubs? Die modernen Kommunikationsmittel sorgen ja dafür, dass Mitarbeiter fast überall auf der Welt ständig erreichbar und – je nach Tätigkeit – auch in der Lage sind, im Urlaub zu arbeiten.

Auch wenn sich mittlerweile in vielen Unternehmen die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass eine dauerhafte Erreichbarkeit während des Urlaubs langfristig der Gesundheit schadet, wird sie, wie „Personaltipp AKTUELL“ (08/2018) schreibt, in vielen Firmen noch immer als ein Zeichen besonderen Arbeitseinsatzes angesehen. Der Beratungsbrief für aktuelles Arbeitsrecht geht in der Sonderausgabe zum „Sommer im Betrieb“ ausführlich auf für Arbeitgeber und Personalmanager wichtige Aspekte des Urlaubs und vor allem die immer strengere Rechtsprechung dazu ein.

Autor: Franz Höllriegel