07.09.2022

Streitfall Weiterbildungskosten: So sichern Sie sich ab

Lebenslanges Lernen – zum Wohle Ihres Unternehmens? Schön wär‘s. Der Vorstellung, Ihr Mitarbeiter werde von Ihnen als Arbeitgeber bezahltes Wissen im Betrieb einbringen, steht oft eine bittere Realität gegenüber. Dann kommt es auf jedes Wort an, um Ihr Geld wieder zu bekommen.

Weiterbildungskosten

Weiterbildung – wie wichtig ist sie eigentlich für Ihr Unternehmen?

Sehr wichtig. Weiterbildung beflügelt nicht nur die Karriere Ihres Mitarbeiters. Sie kommt Ihrem Unternehmen als Schlüssel für den beruflichen Aufstieg und Wegbereiter für mehr Verantwortung und größere Aufgabenbereiche zugute. Dies zeigt die jüngste Studie „Weiterbildungstrends in Deutschland 2018“, für die Kantar TNS im Auftrag der Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD) 300 Personalverantwortliche befragt hat. Für 80 Prozent fördert sie eine Gehaltssteigerung. Bereits seit Beginn der Befragung 2009 ist klar erkennbar, dass Arbeitnehmer, die sich in Eigeninitiative fortbilden, im Job einen Vorsprung haben.

Weiterbildung in Unternehmen
Weiterbildung in Unternehmen

Ist das Kriterium Weiterbildung wichtig bei Personalentscheidungen?

Ja. Auch das zeigt die Kantar TNS-Studie. Danach sind Interesse und Engagement von Mitarbeitern zum Thema Weiterbildung wichtig bei Personalentscheidungen:

  • Für 87 Prozent aller Befragten ist der Einsatz für Weiterbildung entscheidend für die Entwicklung der Mitarbeiter im Unternehmen.
„Der Langzeittrend zeigt, dass eigenmotiviertes Lernen immer wichtiger wird. Der Grund: In Zeiten des rasanten Wandels und der zunehmenden Digitalisierung müssen Mitarbeiter schneller dazulernen, um neue Aufgaben oder Technologien optimal zu beherrschen. Das persönliche Engagement des Einzelnen ist hierfür absolute Grundvoraussetzung“, so Maziar Arsalan, Geschäftsführer der SGD.

Wie wirkt sich Eigeninitiative bei der Jobsuche aus?

Arbeitnehmer, die Eigeninitiative zeigen, können sich bei der Jobsuche positiv von Mitbewerbern abheben oder etwas für die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes tun, so Andreas Vollmer, pädagogischer Direktor der SGD. 84 Prozent aller befragten Chefs gaben an, dass für sie bei der Frage, ob ein Job erhalten werden kann oder nicht, das Weiterbildungsengagement des Mitarbeiters eine wichtige Rolle spielt. In großen Unternehmen ab 500 Mitarbeitern sind es demzufolge sogar 92 Prozent. Geht es um die Einstellung eines neuen Mitarbeiters, schauen 78 Prozent auf die Lernbereitschaft des Bewerbers. Vollmers Empfehlung: „Wer eine Fortbildung macht bzw. abgeschlossen hat, sollte dies bei den entsprechenden Karrierewünschen oder bei Bewerbungen unbedingt hervorheben.“

Sind Unternehmen bereit, bei der Finanzierung zu helfen?

Ja. Wer sich weiterbildet, investiert nicht nur Zeit und Motivation, sondern auch Geld. Wie die Kantar TNS-Studie verdeutlicht, sind viele Arbeitgeber bereit, sich an den Kosten zu beteiligen:

  • 65 Prozent der Personalentscheider gaben an, Mitarbeiter finanziell zu unterstützen.
  • In mittleren Unternehmen bejahten dies sogar 80 Prozent und
  • in großen Unternehmen 76 Prozent der Befragten.

„Wichtig ist, dass die angestrebte Weiterbildung zu den Unternehmenszielen passt und diese im Voraus mit dem Vorgesetzten oder der Personalabteilung abgestimmt wird“, rät Vollmer.

Wie schätzen Chefs Fernstudium ein?

Onlinekurs oder Präsenzseminar – was ist die richtige Lernform?

  • 72 Prozent aller Befragten gaben an, dass sich ein hybrider Ansatz aus Online und Präsenzlernen für Berufstätige eignet,
  • in großen Unternehmen sind sogar 84 Prozent dieser Meinung.

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Für die Lernmotivation sowie die Bedürfnisse individueller Lerntypen ist ein Mix aus unterschiedlichen Medien entscheidend. Die wichtigsten Formate sind:

  • Web Based Trainings (86 Prozent)
  • Videos (81 Prozent)
  • E-Books (75 Prozent)
  • Audiodateien (73 Prozent)
  • Online-Campus (73 Prozent)
  • Live-Webinaren (72 Prozent)
  • Printunterlagen (70 Prozent)
  • Apps (69 Prozent).

„Gerade für Berufstätige hat ein Fernstudium viele Vorteile: Sie können das Lernen flexibel an ihren Arbeits- und Familienalltag anpassen und nach ihren individuellen Vorlieben lernen – mit E-Book oder Printunterlagen, über den Online-Campus von zuhause oder unterwegs“, erklärt Arsalan. Was Fernlernende ihren Chefs auf alle Fälle bewiesen:

  • Sie steuern das Lernen selbst,
  • sind motiviert und
  • tragen Eigenverantwortung.

Diese Skills seien in Zeiten des schnellen Wandels durch die Digitalisierung für Unternehmen von unschätzbarem Wert, so Arsalan.

Wie ist die Bereitschaft zur Weiterbildung in Zeiten der Krise?

Weiterhin hoch. Trotz der Krise zeigen sich die Kernbranchen widerstandsfähig, sagte der Chef der Berlitz-Schule Mattias Schwarz noch 2021. Die Komplexität der Arbeitswelt, die sich immer weiter fortsetzende Globalisierung und der Fachkräftemangel sind in seinen Augen weiterhin wichtige Gründe für einen hohen Stellenwert von Weiterbildung in Deutschland. Viele Unternehmen wüssten, wie wichtig Weiterbildung für ihre Mitarbeiter ist – auch und insbesondere in Zeiten wie diesen. Er nennt eine Vielzahl von Tendenzen nicht nur für Unternehmen aus der Weiterbildungsbranche. Einige Wichtige davon sind in meinen Augen die nachfolgenden Bereiche:

  • Neue Lernerlebnisse – digital, blended, hybrid: Sich online weiterzubilden sei für die einen Neuland, andere hätten viel Erfahrung damit. Wer sich für die neuen Lernformate öffne, erlebe eine neue Welt des Lernens. Das Kombinieren von bekannten und neuen Trainingsformaten biete vielfältige Optionen mit interaktiven Online-Programme, mit denen man komplett selbstständig und sehr flexibel lernt. Das virtuelle Lernen finde live mit einem Trainer im online Klassenzimmer statt. Hybrides Lernen verbinde und kombiniere die Lernformen.
  • Digitalisierung in der Arbeitswelt und New Work: Durch die Verbreitung von Home Office habe sich die Art des Arbeitens verändert. Das Ausmaß habe sich verändert und Unternehmen müssten ihre Organisation anpassen. Ein Lernprozess, nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für Führungskräfte und die Unternehmen selbst. Teams seien nicht mehr vor Ort greifbar, Projekte würden aus der Ferne gesteuert. „Das verlangt schnelle und flexible Lösungen“, so Schwarz.
  • Authentisch führen – ehrlich kommunizieren: In Krisenzeiten und dem aktuellen „distance working“ sei ehrliche Kommunikation ein wichtiger Antrieb für eine erfolgreiche Teamarbeit. Mitarbeiter wie Führungskräfte sollten offen und ehrlich miteinander kommunizieren, fordert Schwarz. Mehr Verständnis untereinander helfe; denn für alle von uns hat sich das Arbeiten seit dem Frühjahr 2020 erheblich verändert und bekannte Routinen sind weggefallen.
  • Agiles Arbeiten: Kein neuer Begriff, aber weiterhin von großer Wichtigkeit, ist das agile Arbeite mit Stichworten wie schnelles Reagieren, flexibles Arbeiten und Hands-on-Mentalität im Führungskräftebereich, ohne sich dabei in Tools zu verlieren. Zusammen besonnen und flexibel auf Änderungen reagieren und dabei ehrlich miteinander umgehen: Das hilft nach Ansicht von Schwarz, um gemeinsam erfolgreich durch turbulente Fahrwasser zu navigieren.
  • Berufliche Weiterbildung weiterhin enorm wichtig: Sich schnell verändernde Abläufe, komplexe Arbeitsprozesse, neue technische Herausforderung, globales Arbeiten – Weiterbildung hält Schwarz weiterhin für einen immens wichtigen Karrierefaktor für Arbeitnehmer und eine wichtige Ressource für Unternehmen, um gutes Fach- und Führungspersonal zu halten.

Sie als Arbeitgeber zahlen Fortbildung Ihres Mitarbeiters – und er wechselt zur Konkurrenz?

Das soll vorkommen. Fortbildungsmaßnahmen im laufenden Arbeitsverhältnis zahlen in den meisten Fällen Sie als Arbeitgeber. Damit das nicht bei Ihrer frommen Erwartung in das Anstandsgefühl Ihres derart von Ihnen mit Bildung bereicherten Mitarbeiter bleibt, können Sie mit ihm eine Rückzahlungsvereinbarung schließen. Das wissen Sie als unseren Blogg hier lesender Arbeitgeber natürlich; denn Sie haben unseren Beitrag „Kosten und Bindung bei Fortbildung: Arbeitgeber sollten sich juristisch absichern!“ gelesen.

Und? Reicht die juristische Absicherung nicht?

Doch, grundsätzlich schon. Vereinbarungen über die Rückzahlung von Fortbildungskosten, die die weitere Betriebszugehörigkeit des Arbeitnehmers nach Ende der Fortbildung absichern sollen, sind nach der Rechtsprechung zulässig. Es kommt drauf an, was man unter „juristischer Absicherung“ versteht? Sie erfüllt ihren Zweck nämlich nur, wenn die Rückzahlungsvereinbarung juristisch wasserdicht abgefasst ist. Und da liegt es häufig im Argen.

Worauf kommt es bei der Abfassung einer Rückzahlungsvereinbarung an?

Zunächst einmal handelt es sich hierbei regelmäßig um sogenannte Allgemeine Geschäftsbedingungen. Diese überprüfen die Gerichte dahingehend, ob sie:

  • angemessen sind
  • und den Arbeitnehmer nicht unangemessen benachteiligen.

Bei der Überprüfung von Rückzahlungsvereinbarungen nehmen sie im Wesentlichen die nachfolgenden fünf Aspekte unter die Lupe:

  1. Geldwerter Vorteil der Fortbildung für den Arbeitnehmer: Liegt seine Fortbildung ausschließlich in Ihrem Interesse als sein Arbeitgeber ohne materiellen Nutzen für Ihren Arbeitnehmer, scheidet eine Rückzahlungsverpflichtung aus. Die Fortbildung muss dem Arbeitnehmer einen geldwerten Vorteil bringen, z. B. wenn er
    • infolge der Fortbildung höher und besser bezahlte qualifizierte Tätigkeiten übernehmen kann oder
    • durch sie seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert.
  1. nicht zu lange Bindungsdauer: Weitere Wirksamkeitsvoraussetzung ist, dass die Rückzahlungsvereinbarung mit Ihnen als seinem Arbeitgeber Ihren Arbeitnehmer nicht zu lange an Ihren Betrieb bindet. Für die Rechtsprechung ist das Verhältnis der Dauer der Fortbildung zur Bindungsdauer an den Betrieb wichtig. Sie können dabei von folgenden Richtwerten ausgehen:
Dauer der Fortbildung Maximale Bindung
bis zu 1 Monat 6 Monate
bis zu 2 Monate 12 Monate
bis zu 4 Monate 24 Monate
bis zu 12 Monate 36 Monate
bis zu 24 Monaten 60 Monate
  1. Sinkender Rückzahlungsbetrag je nach Betriebstreue: Eine Rückzahlungsvereinbarung ist nur wirksam, wenn der Rückzahlungsbetrag sich zeitanteilig zur jeweils zulässigen Bindungsdauer verringert. Beispiel: Staffelung der Rückzahlung nach Monaten bei dreijähriger Bindungsdauer pro Monat der weiteren Betriebszugehörigkeit um 1/36.
  2. Einschätzbare Höhe der Rückzahlungskosten: Damit der Arbeitnehmer bei Eingehung der Rückzahlungsverpflichtung weiß, was bei einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Betrieb auf ihn zukommen kann, muss die Höhe der zu erstattenden Fortbildungskosten in der Vereinbarung angegeben werden. Ist dies im Voraus nicht möglich, müssen die Angaben zumindest so konkret sein, dass der Arbeitnehmer eine realistische Einschätzung der Kosten vornehmen kann.
  3. Rückzahlungspflicht aus interessengerechten Beendigungsgründe: Die Wirksamkeit einer Rückzahlungsvereinbarung ist an bestimmte Beendigungsgründe im Verantwortungsbereich des Arbeitnehmers geknüpft. Unwirksam ist eine Rückzahlungsklausel bei:
  • betriebsbedingten Kündigungen
  • Kündigungen, die Ihr Arbeitnehmer wegen eines vertragswidrigen Verhaltens auf Ihrer Seite als Arbeitgeber ausspricht; hat Ihr Arbeitnehmer hingegen durch sein Verhalten eine Kündigung durch Sie als Arbeitgeber selbst verursacht, ist eine Rückzahlungsverpflichtung zulässig.
  • vorzeitiger Kündigung seines Arbeitsverhältnisses durch Ihren Arbeitnehmer selbst wegen dauerhafter Arbeitsunfähigkeit.

2019 wollte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit dem Qualifizierungschancengesetz jedem Arbeitnehmer die Chance geben, sich in seinem Beruf weiterzubilden oder neue Wege zu gehen. Was das bedeuten sollte, lesen Sie in dem Beitrag „Was bringt das Qualifizierungschancengesetz?“. Wer rastet, der rostet. Auf kaum etwas trifft das so zu wie auf Bildung. Zukunftsorientierte Unternehmen sorgen deswegen für Fortbildungen ihrer Mitarbeiter – oft angewiesen nur auf Bordmittel. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Beitrag „Betriebliche Fortbildung – das sollten Sie als Arbeitgeber wissen!“.

Autor*in: Franz Höllriegel