24.09.2020

So verbessern Sie Ihr Unternehmen mit Six Sigma

Citius, altius, fortius oder deutsch: schneller, höher, stärker! Im Jahr 2020 galt das olympische Motto nicht im Sport. Das Pendant für die Wirtschaft gilt indes weiter: wachsen, wachsen, wachsen! Für Mittelständler nicht immer leicht. Vielleicht ist für Sie dabei Six Sigma eine Überlegung wert.

Six Sigma

Was heißt Six Sigma?

Der Begriff leitet sich aus der Statistik ab. Dort bezeichnet der griechische Buchstabe σ, kleines Sigma, eine sechsfache Abweichung vom Standard. Die meisten Prozesse in den Firmen in Deutschland dürften bei einem Prozess-Sigma zwischen drei und vier liegen. Das bedeutet eine Ausbeute von 93,3 bis 99,4 Prozent; bei vier Sigma ist das jedoch immer noch eine Fehlerrate von 6210 auf eine Million Teile (parts per million, ppm).

Die Abweichung von spezifizierten Qualitätsmerkmalen oder von Kennzahlen zur Prozessfähigkeit toleriert die deutsche Industrie kaum mehr. Die Zuverlässigkeit von Produkten, Systemen oder die Lieferfähigkeit könnten darunter leiden. Six Sigma ist sozusagen die amerikanische Antwort auf das japanische Kaizen.

Six Sigma will bessere Ergebnisse für Ihr Unternehmen bewirken?

Bessere Ergebnisse heißt auch, verkürzt ausgedrückt, weniger Auswurf. Das will Kaizen auch. Aber Kaizen eignet sich eher für die vielen kleinen Probleme und deren Lösung durch direkt betroffene Mitarbeiter. Demgegenüber geht es bei Six Sigma um größere Verbesserungspotenziale, die Sie als Führungskraft als wichtig und dringlich einstufen.

Kann nicht einfach alles so bleiben wie es ist?

Auch hier gilt: Wer rastet, rostet. Unternehmenstätigkeit ist in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden. Stichworte sind hier:

  • Digitalisierung
  • Internationalisierung
  • Globalisierung

Sie machen es gerade Ihnen als mittelständischem Unternehmen schwer, sich auf den Märkten zu behaupten. Wenn Sie als solches vor diesem Hintergrund erfolgreich und konkurrenzfähig bleiben wollen, kommen Sie um eine ständige Verbesserung Ihrer Unternehmenstätigkeit nicht herum. Six Sigma könnte hierzu ein interessanter Ansatz sein, mangelhafte Produktion soweit wie möglich zu vermeiden.

Was ist das Ziel von Six Sigma?

In einer Million Produkte lediglich 3,4 fehlerhafte Einheiten herstellen!

Ist das nicht etwas hoch gegriffen?

Diese Forderung mag in der Tat praxisfern erscheinen. Doch zeigen Ergebnisse zahlreicher Six-Sigma-Projekte das Gegenteil. Danach können Six-Sigma-Initiativen die Gesamtkosten etwa durch Vermeiden von Nachbesserungen oder Wiedergutmachungen deutlich verringern.

Wie steuern Sie die Produktion, damit möglichst wenig Auswurf anfällt?

Die entscheidenden Steuerungsgrößen von Six Sigma sind:

  • Qualitätsverbesserungen und
  • Kosteneinsparungen.

Dabei nimmt man als gegeben an, dass Mitarbeiter immer weitere Möglichkeiten zur Verbesserung haben. Kaum ein Prozess, der sich überhaupt nicht mehr verbessern ließe. Dies gilt insbesondere in Wachstumsphasen. Je stärker das Unternehmenswachstum, desto unvollkommener die Unternehmensprozesse, desto ungleicher verteilt die Arbeit. Es ist nicht unnormal, wenn sich als Folge davon Arbeit in einigen Abteilungen auftürmt, während andere Bereiche an Unterbeschäftigung leiden.

Selbst im Normalbetrieb kommt es vor, dass Arbeit ungleich verteilt ist, Arbeitsprozesse nicht bestmöglich gestaltet sind, das Arbeitsergebnis mit Fehlern behaftet ist. Hier können Sie mit Six Sigma Verbesserungen erzielen. Die Methode lässt sich fast überall einsetzen, wo Sie Fehler vermeiden und Kosten senken wollen.

Überall? Was sind beispielsweise Anwendungsbereiche für Six Sigma?

Sie reichen von der Produktion bis zu Dienstleistung. Anfangs haben sich vor allem große Konzerne mit Six Sigma befasst. Auch deutsche Unternehmen wie z. B. Porsche, Siemens, Linde, Infineon nutzen dieses Konzept. Kam Six Sigma zunächst hauptsächlich in produzierenden Betrieben zur Anwendung, findet man heute immer mehr Anwendungsfälle aus dem Service- und Dienstleistungsbereich (Banken, Versicherungen etc.). Darüber hinaus setzen zunehmend Unternehmen schon ab etwa 50 Mitarbeitern Six Sigma ein.

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Können Sie als kleines oder mittelständische Unternehmen Ihr eigenes Six-Sigma-Level bestimmen?

Ja, das können Sie, und zwar mithilfe statistischer Six-Sigma-Level. Ziel entsprechender Projekte ist eine fortlaufende Prozessverbesserung bis hin zu vollständig fehlerfreien Prozessen. Dafür gibt es diese Levels. Sie sollen auf dem höchsten Level eine Fehlerfreiheit von 99,999 Prozent gewährleisten.

Sigma-Level Defekte je Million Bewertung
1 691.462,0 nicht wettbewerbsfähig
2 308.538,0 nicht wettbewerbsfähig
3 66.807,0 verbesserungsbedürftig
4 6.210,0 Durchschnitt
5 233,0 gut
6 3,4 Weltklasse

Um Ihr eigenes Six-Sigma-Level zu bestimmen, benötigen Sie folgende Kennzahlen für die Fehlerbetrachtung:

  • die fehlerfrei produzierte Menge
  • die gesamte produzierte Menge
  • Anzahl der möglichen Fehlerquellen
  • DPMO-Wert (Defects Per Million Opportunities, Fehler pro einer Million Möglichkeiten)

In vielen Fällen brauchen Sie gar nicht den besten Six-Sigma-Level anzustreben. Für Dienstleistungen dürfte häufig ein Level 3 (93,3 Prozent) bis 4 (99,4 Prozent) als Zielmarke ausreichen. Allerdings gibt es durchaus Unternehmen, die einige ihrer Produkte oder Dienstleistungen auf einem Niveau von sechs Sigma anbieten müssen. Beispielsweise bewegt sich die Sicherheit der Flugpassagiere auf einem Niveau von sechs Sigma und mehr, die Gepäckabfertigung hingegen nur auf einem Niveau von vier Sigma.

Wie bestimmen Sie die Anzahl von Fehlerquellen?

Das dürfte Ihnen in der Tat nicht ganz einfach fallen. Sie hängt sowohl von den Teilen ab, die in der Produktion verwendet werden, als auch von den Produktionsschritten. Je komplexer die Produktionsprozesse oder die verwendeten Teile sind, desto größer ist die Anzahl von möglichen Fehlerquellen. Den für das Six-Sigma-Projekt wichtigen DPMO-Wert bestimmen Sie nach folgender Formel:

DPMO
DPMO: Defects Per Million Opportunities

Wie setzen Sie als Unternehmen Six Sigma um?

In der Regel in fünf Phasen:

  • Phase 1 Define, Definieren: In dieser legen Sie das zu bearbeitende Projekt fest. Wählen Sie zunächst nicht zu umfassende Projekte aus! Ihre Mitarbeiter sollten positive Erfahrungen mit Six-Sigma-Projekten sammeln können. Bestimmen Sie anschließend ein Projektteam und stellen diesem Team die notwendigen Ressourcen zur Verfügung. Beschreiben Sie die Ausgangssituation und vereinbaren Sie mit Ihrem Team realistische Ziele.
  • Phase 2 Measure, Messen: Jetzt untersucht Ihr Projektteam die Ursachen des Problems und dokumentiert sie. Sie erheben bereits vorhandene und neue Daten zur Komplettierung. Die Schwierigkeit in dieser Phase besteht darin, möglichst viele nützliche Informationen aus den ermittelten Daten herauszuholen. Beschränken Sie sich hierzu am besten auf solche Daten, die für den Fortschritt wichtig und brauchbar sind. Die Durchlaufzeit eines Gesamtprozesses etwa kann häufig ein kritischer Punkt sein. Um Optimierungspotenziale zu finden, zerlegen Sie die Daten und erfassen die Zeit pro Prozessschritt. Gegebenenfalls kann Ihnen die Ermittlung von Fehleranteilen pro Prozessschritt dabei helfen, korrigierende Maßnahmen herzuleiten.
  • Phase 3 Analyse, Analysieren: Hier geht es insbesondere um eine detaillierte Problemanalyse. Dafür greifen Sie auf mathematisch-statistische Methoden (z. B. Flussdiagramme, Regressionsanalysen, Design of Experiment etc.) zurück. Ziel ist nicht die Lösung des Problems, sondern die Ermittlung grundlegender Ursachen für die erkannten Probleme. Sie spüren die Einflüssen auf die Zielgrößen auf, damit Sie in der darauffolgenden Phase Lösungen erarbeiten können. Spätestens hier wird deutlich, dass Sie für die Durchführung von Six-Sigma-Projekten unbedingt statistische Kenntnisse benötigen.
  • Phase 4 Improve, Verbessern: In dieser verbessern Sie die mit Problemen behafteten Prozesse bestmöglich. Welche Lösungen hierzu in Betracht kommen, hängt von der Art des Problems ab. In vielen Fällen können Sie Workshops nutzen, um über bestimmte Sachverhalte zu diskutieren. Geeignet sind in diesem Zusammenhang die Delphi-Methode oder Poka Yoke.
  • Phase 5 Control, Kontrollieren: Abschließend kontrollieren Sie die Ergebnisse über einen längeren Zeitraum hinweg und stellen den nachhaltigen Erfolg der Verbesserungen sicher. Sie kontrollieren die Prozesse. Dabei reicht es nicht aus, ein Produkt etwa erst nach seiner Fertigstellung zu prüfen. Vielmehr werden Sie die Fertigungs-Prozesse so überwachen, dass des gar nicht erst zu fehlerhaften Produkte mehr kommt. Erst in dieser letzten Phase können Sie beurteilen, ob Sie den zu Anfang kalkulierten und dokumentierten Vorteil für Ihr Unternehmen erzielen und ob Sie die gewählten Maßnahmen zur Abstellung der festgestellten Probleme dauerhaft erfolgreich implementieren konnten. Bereiten Sie also den Prozess gut vor und ziehen Sie in allen fünf Phasen konsequent durch!

Wie können Sie als Unternehmen für nachhaltige Verbesserung sorgen?

Durch eine Standardisierung. Jede dieser Phasen enthält bestimmte Werkzeuge, die Sie fast standardmäßig einsetzen können. Mit diesem Vorgehen können Sie am besten Einflüsse und Störgrößen in einem Prozess erkennen – und wirkungsvolle Verbesserungen vornehmen.

Autor: Franz Höllriegel