29.06.2022

Praktikanten sind die Fach- und Führungskräfte von Morgen

In der Not frisst der Teufel Fliegen – im Arbeitskräftemangel sollten Sie als Arbeitgeber dem Gedanken an Praktikanten nicht abgeneigt sein. Sie galten lange vielen nur als Belastung im betrieblichen Alltag. Doch das ändert sich. Praktikanten von heute sind Ihre Fachkräfte von Morgen.

Praktikanten

Inwiefern sollten Praktikanten den betrieblichen Alltag belasten?

Praktikanten sind eben keine Profis. Fehler sind ihnen erlaubt. Als Arbeitgeber sollen Sie einen Praktikanten erst mühevoll in den Arbeitsprozess einweisen, damit dieser bereits nach zwei Wochen wieder verschwindet. Und das nicht zum Nulltarif, versteht sich. Fänden Sie als Arbeitgeber so gut? Früher galten Praktikanten nicht als Arbeitnehmer, weil sie keinen Lohn bekamen, sondern nur um der Ausbildung Willen ihr Praktikum absolvierten. Das hat sich geändert. Heute zahlen Sie als Arbeitgeber auch Ihrem Praktikanten einen Lohn – einen Mindestlohn zwar nur, aber immerhin.

Wieso kein Lohn? Wieso sind Praktikanten keine Arbeitnehmer?

Im Vordergrund eines Praktikumsverhältnisses stehen:

  • Ausbildung
  • Vorbereitung auf einen Beruf.

Deshalb gelten Praktikanten nicht als Arbeitnehmer im rechtlichen Sinn. Insbesondere Hochschulabsolventen konnten Sie als Arbeitgeber noch vor einigen Jahren unter dem Deckmantel des Praktikumsbegriffes als billige oder sogar unbezahlte Arbeitskräfte ausnutzen. So berichtete die „Welt“ 2004, dass Immer mehr Akademiker nach dem Studium statt eines festen Jobs nur ein unbezahltes Praktikum bekamen. Bundesweit stieg dem Bericht zufolge damals die Zahl

  • der Arbeitslosen mit Hochschulabschluss zwischen 2001 und 2003 um rund 40 Prozent,
  • während die Arbeitslosigkeit insgesamt um zwölf Prozent zunahm.
  • 68.000 Akademiker unter 35 Jahren waren ohne Job.

In den ersten drei Monaten 2004 seien gut 13 Prozent weniger Stellen für Hochschulabsolventen angeboten worden als im ersten Quartal das Vorjahres. Immer mehr Unternehmen setzen auf Praktikumsstellen. Die „Welt“ schreibt: „Arbeiten zum Nulltarif oder für einen symbolischen Betrag und für das vage Versprechen, vielleicht übernommen zu werden.“ Die Folge: Um nicht auf der Straße zu landen, fügten sich immer mehr Jungakademiker ins Unvermeidliche. Doch drohte ihnen dadurch eine Karriere als ewiger Praktikant.

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„Es ist durchaus im Rahmen, dass Akademiker bis zu einem Jahr warten müssen, bis sie eine Stelle finden“, zitiert das Blatt Thomas Vielhauer, damals Leiter des Hochschulteams der Agentur für Arbeit Hamburg. Zwar war es ihm zufolge noch immer die Ausnahme, dass die Studienabgänger mehrere Praktika hintereinander absolvierten. Aber dieses Phänomen gewann damals an Bedeutung. Parallel dazu machte sich Missbrauch breit. „Wir stellen hier mit Schrecken fest, dass immer mehr Unternehmen dazu übergehen, hochkarätige Kräfte zum Teil bis zu einem Jahr als Praktikanten zu verpflichten“, so Vielhauer in der Zeitung. Er empfahl auf der Suche nach einem Job, mit Praktika defensiv umzugehen, eine Art Probezeit anzubieten und das Wort „Praktikum“ aber zu vermeiden. Vielhauer: „Es besitzt zurecht kein tolles Image.“

Wer ist ein Praktikant?

  • 22 Mindestlohngesetz (MiLoG) stellt Praktikanten Arbeitnehmern gleich und gibt ihnen grundsätzlich einen Anspruch auf den geltenden Mindestlohn von seit dem 01.01.2022 9,82 Euro, ab Oktober 2022 zwölf Euro. Damit hat sich die Situation für Praktikanten geändert. Praktikant ist danach unabhängig von der Bezeichnung des Rechtsverhältnisses, wer:
  • sich nach der tatsächlichen Ausgestaltung und
  • Durchführung des Vertragsverhältnisses
  • für eine begrenzte Dauer
  • zum Erwerb praktischer Kenntnisse und Erfahrungen
  • einer bestimmten betrieblichen Tätigkeit
  • zur Vorbereitung auf eine berufliche Tätigkeit unterzieht,
  • ohne dass es sich dabei um eine Berufsausbildung oder um eine vergleichbare praktische Ausbildung handelt.

Was ist das Mindestlohngesetz?

Es ist Bestandteil eines Maßnahmenbündels, das mit dem Tarifautonomiestärkungsgesetz vom 11. August 2014 in Kraft getreten ist. Das Mindestlohngesetz gibt vor,

  • für wen und
  • wann Sie als Arbeitgeber Mindestlohn zahlen,
  • wie die Höhe bestimmt und
  • wie die Einhaltung durchgesetzt und kontrolliert wird.

Das Artikelgesetz beinhaltet in erster Linie das Gesetz zur Regelung eines allgemeinen Mindestlohns, kurz Mindestlohngesetz. Es enthält Regelungen für:

  • die Erleichterung der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen
  • die Ausweitung des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes auf alle Branchen.

Mit diesem Tarifpaket wollte der Gesetzgeber die Tarifautonomie aller Tarifvertragsparteien mit dem Ziel stärken, angemessene Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer sicher zu stellen. Einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn gibt es in Deutschland seit 2015. Damit wurde eine Lohnuntergrenze eingeführt, die Sie als Arbeitgeber nicht unterschreiten dürfen.

Wer entscheidet über die Anpassung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns?

Nach der Konzeption des MiLoG alle zwei Jahre eine unabhängige Kommission der Tarifpartner. Sie setzt sich aus Vertretern der Arbeitgeberverbände sowie den Gewerkschaften zusammen. Außerdem beraten sie Wissenschaftler. Laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) soll die Bestimmung des gesetzlichen Mindestlohns durch die sachnäheren Sozialpartner ebenfalls eine Stärkung der Tarifautonomie bedeuten. Die Mindestlohnkommission prüft nach dem Gesetz für ihre Entscheidung im Rahmen einer Gesamtabwägung, welche Höhe des Mindestlohns geeignet ist,

  • zu einem angemessenen Mindestschutz der Arbeitnehmer beizutragen,
  • faire und funktionierende Wettbewerbsbedingungen zu ermöglichen sowie
  • Beschäftigung nicht zu gefährden.

Sie orientiere sich dabei nachlaufend an der Tariflohnentwicklung. Bei diesen Kriterien soll es sich ebenfalls um Vorgaben des MiLoG handeln. Die Bundesregierung kann den Vorschlag der Mindestlohnkommission nur unverändert umsetzen und nicht eigenständig eine andere Höhe festsetzen. Mit entsprechenden Regierungsverordnungen werden die vorgeschlagenen Mindestlohnhöhen für alle Arbeitgeber sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer rechtsverbindlich umgesetzt.

Ausnahme: Zur Durchsetzung der plötzlichen Anhebung des Mindeststundenlohns auf zwölf Euro verzichtete man auf eine Entscheidung der paritätische besetzten Mindestlohnkommission und umging damit die Tarifautonomie. Dies haben die Arbeitgeber kritisiert, allerdings ohne Erfolg. Ab 2023 soll dann wieder die Mindestlohnkommission das Sagen über die Höhe des geltenden Mindestlohnes haben.

Bisher festgesetzte Mindestlöhne:
ab Höhe brutto/h Rechtsgrundlage
01.01.2015 8,50 Euro § 1 Absatz 2 Mindestlohngesetz
01.01.2017 8,84 Euro Mindestlohnanpassungsverordnung vom 15. November 2016 (BGBl. I S. 2530)
01.01.2019 9,19 Euro Zweite Mindestlohnanpassungsverordnung vom 13. November 2018 (BGBl. I S. 1876)
01.01.2020 9,35 Euro
01.01.2021 9,50 Euro Dritte Mindestlohnanpassungsverordnung vom 9. November 2020 (BGBl. I S. 2356)
01.07.2021 9,60 Euro
01.01.2022 9,82 Euro
01.07.2022 10,45 Euro
01.10.2022 12,00 Euro Gesetz zum Mindestlohn, beschlossen vom Bundestag 03.06.2022 und vom Bundesrat 10.06.2022
Quelle: BMAS

Das Arbeitnehmer-Entsendegesetz bietet einen Rechtsrahmen, um tarifliche branchenbezogene Mindestlöhne auf alle Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen einer Branche zu erstrecken, unabhängig davon, ob Sie als Arbeitgeber Ihren Sitz im In- oder Ausland haben. Nach dem Tarifvertragsgesetz können die Tarifvertragsparteien gemeinsam beantragen, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären. Damit gelten die tariflichen Arbeitsbedingungen auch für die nicht tarifgebundenen inländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wie beispielsweise der Mindestlohntarifvertrag im Schornsteinfegerhandwerk. Aufgrund des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes kann das BMAS auf gemeinsamen Vorschlag von Tarifvertragsparteien eine Lohnuntergrenze in der Arbeitnehmerüberlassung festsetzen.

Was, wenn es für ein Praktikum keinen Mindest- oder sonstigen Lohn gibt?

Auch dann ist es Ihnen als ausbildender Betrieb unbenommen, Ihrem Praktikanten zur Motivation für eine mögliche künftige Zusammenarbeit eine Vergütung zu zahlen und Urlaub zu gewähren.

Wann gilt das MiLoG nicht?

Bestimmte Praktika sind von der Anwendung des MiLoG ausgenommen. Hierzu zählen

  • Pflichtpraktika, d. h. alle schul-, studien- und prüfungsbegleitenden und solche Praktika, die als Voraussetzung zur Aufnahme einer bestimmten Ausbildung oder eines Studiums verbindlich vorgeschrieben sind,
  • temporäre Praktika, die zur Orientierung für eine Berufsausbildung oder ein Studium dienen sollen (Höchstdauer drei Monate), sofern sie einen deutlichen inhaltlichen Bezug zu einer Ausbildung oder einem möglichen Studiengang aufweisen sowie
  • freiwillige Praktika, die freiwillig begleitend zu einer Ausbildung absolviert werden (Höchstdauer drei Monate), wenn nicht bereits zuvor ein die Regelzeit von drei Monaten ausschöpfendes Praktikumsverhältnis mit demselben Ausbildenden bestanden hat.

Oft ist das Praktikumsentgelt aber Verhandlungssache. Bei einer Umfrage unter rund 3200 Praktikanten im Auftrag der Unternehmensberatung Clevis, aus der der „Donaukurier“ zitiert, wurden etwa 92 Prozent der Praktika im Jahr 2020 bezahlt. Das Durchschnittsgehalt lag dem „Future Talents Report“ zufolge bei rund 1067 Euro. 58 Prozent der Befragten absolvierten ein Pflichtpraktikum, 42 Prozent ein freiwilliges Praktikum.

Müssen Sie einen Praktikantenvertrag schriftlich abschließen?

Nein, das Nachweisgesetz ist auf Praktikumsverhältnisse anwendbar, deswegen brauchen Sie einen solchen Vertrag nicht schriftlich abzuschließen.  Allerdings müssen Sie die wesentlichen Inhalte des Praktikumsverhältnisses gemäß dem Nachweisgesetz schriftlich niederlegen und dem Praktikanten dann eine unterschriebene Niederschrift aushändigen. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, von vornherein einen schriftlichen Praktikumsvertrag zu unterzeichnen. Eine kostenlose Vorlage eines „Mustervertrages Praktikum“ haben wir Ihnen ebenfalls zum Download zu Ihrer sofortigen Verwendung vorbereitet. Eine Musterformulierung für ein Pflichtpraktikum außerhalb des MiLoG ohne oder mit Vergütung mit einschlägigen Paragraphen wie z.B. Praktikumsdauer, Probezeit, Tätigkeit, Ihre Pflichten als Firma und vieles mehr können Sie im Downloadbereich unter www.personal-tipp.de herunterladen. Zur weiteren rechtlichen Absicherung empfehlen wir Ihnen unseren Beitrag „So sichern Sie ein Praktikum rechtlich ab“.

Autor*in: Franz Höllriegel