24.07.2018

Nach wie vor Kinderkrankheit beim Jobticket

Der Umwelt soll es nützen, Unternehmen beim Sparen von Steuern helfen. Doch nach wie vor kommt das Jobticket in einigen Kommunen aus den Kinderkrankheiten nicht heraus. Städte wie Stuttgart oder Bonn feilen noch an einer Ausgestaltung, die alle Seiten zufriedenstellen kann.

Jobticket, U-Bahnsteig

Volle Straßen, teurer Sprit

Berufspendler quälen sich durch volle Straßen, Sprit ist teuer und an manchen Orten heißt es für einige Dieselfahrer sogar: Fahrverbot. Grund genug für Berufspendler umzudenken. Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel wäre ein Ausweg. Doch wirkt sich hier ein bewährtes Mittel der Politik aus, sich beim Bürger unbeliebt zu machen: sie fordert den Umstieg auf Bus oder Bahn und hebt die Fahrpreise an.

Abhilfe könnte vom Chef kommen. Er kann den Wechsel begünstigen. Dazu braucht er nur die Fahrkarte für Bus und Bahn finanziell zu unterstützen – etwa in Form eines Jobtickets.

Fahrkarte statt Pkw

Jobtickets sind in der Regel Monats- oder Jahresfahrkarten für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Arbeitgeber erwerben sie bei einem Verkehrsunternehmen, um sie an ihre Arbeitnehmer weiter zu geben. In den meisten Fällen gewähren, so der der Lohnsteuerhilfeverein Vereinigte Lohnsteuerhilfe e.V. (VLH) in einer Pressemitteilung, die Verkehrsunternehmen den Arbeitgebern günstige Sonderkonditionen wie zum Beispiel Tarifrabatte. Soweit die Theorie.

Unmut über Jobticket

Die Praxis sieht nicht überall so rosig aus. In Bonn beispielsweise berichtet der dortige „General-Anzeiger“, Unternehmen und die IHK kritisierten die bestehenden Regelungen für die Monatskarte für Mitarbeiter. Das Jobticket sei für viele Firmen in der bisherigen Form „unattraktiv“.

Die Zeitung beschreibt den Fall des Softwareunternehmens „Tarent Solutions“ mit Sitz in Duisdorf. Das Unternehmen ist demnach sehr um Nachhaltigkeit bemüht. Es würde gerne auch noch mehr für den Umweltschutz in der Region machen. Um einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz und zur Reduzierung der Feinstaubbelastung zu leisten, versuche der Betrieb daher viele seiner rund 160 Mitarbeiter am Standort Bonn zum Umsteigen auf Bus und Bahn zu bewegen.

„Doch das ist für uns äußerst unattraktiv“, kommt Unternehmenschef Andreas Seibt in dem Bericht zu Wort. Das existierende Jobticket-Modell schreibt vor, dass wegen der Größe des Betriebes sich alle Beschäftigten für ein Jobticket entscheiden müssten. Nur dann gelte der günstige Tarif (Solidarmodell) von derzeit 54 Euro pro Monat.

Dann fahr‘ doch selbst …!

Nur 70 Tarent-Mitarbeiter interessierten sich derzeit für den Dauerfahrschein. Daher greife für das Unternehmen das Fakultativmodell. Dabei kostet aber das Ticket 74 Euro. Derzeit würden viele Angestellte nach wie vor mit dem Auto zur Arbeit kommen. Andere wiederum kauften sich auf eigene Kosten ein normales Monatsticket. „Einer unserer Mitarbeiter kommt beispielsweise aus Köln und zahlt jeden Monat 220 Euro für die Fahrten“, sagt Seibt.

Gerade angesichts der Luftbelastung und der anstehenden Großbaustellen in und um Bonn sind seiner Meinung nach unbürokratische Lösungen nötig, um den Individualverkehr zu drosseln. Aber dafür brauche man interessante und vor allem attraktive Alternativen.

Immerhin: In Stein gemeißelt sind die derzeitigen Modelle offenbar noch nicht. Man werde überlegen, wie man durch innovative Maßnahmen den Nahverkehr interessanter machen und was man verbessern könne, zitiert der Bericht Werner Schui, Pressesprecher der Stadtwerke Bonn.

Umdenken bei der Stadt Stuttgart

In Stuttgart zahlt laut einem Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“ die Stadt beim Jobticket ihren Beschäftigten bisher für eine Zone 15,60 Euro Zuschuss, für zwei und mehr 28,30 Euro, also den maximalen steuerlichen Freibetrag pro Monat.

Eine umfassende Tarifreform im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) soll auch Auswirkungen auf städtische Zuschüsse für das Jobticket haben. Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) hat angekündigt, darüber mit dem Gesamtpersonalrat zu sprechen. Es gehe um bis zu eine Million Euro, die für die Beschäftigten neu verteilt werden könnte.

Außerdem verhandelt die Stadt mit dem VVS über die Obergrenze, die sie für Ermäßigungen der Bonuscard-Inhaber zahlt. Durch die Verschiebung hin zum Ein-Zonen-Ticket könnte die Stadt eine Million Euro Zuschuss einsparen. Das sei nicht vorgesehen, so Föll. Wenn man wie das Land pauschal 25 Euro pro Monat geben würde, hätte man immer noch 400 000 Euro gespart. Das Signal, dass Firmen durch die Tarifreform am Zuschuss knapsen könnten, will man aber nicht senden.

Diskussionen in Biberach, ProfiTicket in Hamburg

Im Kreis Biberach hat das Jobticket erneut für Diskussionen gesorgt. Die Mehrheit der Kreisräte stimmte am Ende für die Einführung. Doch Kreisrat Roland Wersch (CDU) bezeichnete laut „schwaebische.de“ die Einführung des Jobtickets als „ökologische Effekthascherei“. Das Jobticket nutzen die Mitarbeiter, die sowieso schon den ÖPNV nutzen. Das sei dann eine ungleiche Behandlung der Mitarbeiter. Wersch: „Für mich sind das politisch motivierte Spielchen.“

Anders dagegen die Situation in Hamburg und Umgebung. Hier sieht die Verkehrssituation nicht positiv aus. Aus diesem Grund wurde für den Verkehrsraum der Hansestadt sowie die Kreise Pinneberg, Segeberg, Stormarn und Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein sowie die niedersächsischen Landkreise Lüneburg, Harburg und Stade das „HVV ProfiTicket“ eingeführt. Dieses Ticket können, wie „Lohn- & Gehaltsprofi AKTUELL“ (9/2018) schreibt, alle voll- oder teilzeitbeschäftigten Arbeitnehmer einschließlich Auszubildende und Bundesfreiwilligendienstleistende in Anspruch nehmen. Der Beratungsbrief für betriebsprüfungssichere Abrechnung geht auf verschiede Varianten ein, wie Arbeitgeber bei der Lohnbuchhaltung im Zusammenhang mit dem Jobticket Fehler vermeiden.

 

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Autor: Franz Höllriegel