News | Personal 03.02.2017

Invaliditätsanspruch abgelehnt? Kein Wunder!

Studie postuliert standardisierte Verfahren Ein Mitarbeiter wird arbeitsunfähig geschrieben. Unabhängige medizinische Gutachten sollen Invaliditätsansprüche klären. Doch beurteilen verschiedene Ärzte dieselben Patienten unterschiedlich. Abhilfe könnten standardisierte Verfahren schaffen.

Arbeitsleben und Invalidität

Invaliditätsansprüche oft abgelehnt

Weltweit wird rund die Hälfte aller Invaliditätsansprüche abgelehnt aufgrund unabhängiger medizinischer Gutachten. Dabei sind sich die Experten oft nicht einig, ob jemand arbeitsunfähig ist oder nicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Basel. Den Grund für die Diskrepanz der Beurteilung vermutet Regina Kunz, Professorin für Versicherungsmedizin an und Leiterin Evidence-based Insurance Medicine am Universitätsspital Basel, im Fehlen gültiger Standards. „Wir haben Hinweise darauf gefunden, dass strukturierte Begutachtungsprozesse die Zuverlässigkeit der Beurteilungen verbessern können“, so Kunz.

Funktionsorientierte Begutachtung

Im Rahmen einer vom Schweizerischen Nationalfonds, dem Bundesamt für Sozialversicherungen und der Schweizerische Unfallversicherung Suva finanzierten Studie hat das Forscherteam um Professor Kunz für Menschen mit psychischen Beschwerden eine neue Methodik – die funktionsorientierte Begutachtung – entwickelt und getestet.

Übersichtsstudie über 23 Studien weltweit

Die Wissenschaftler aus der Schweiz, den Niederlanden und Kanada haben für ihre Übersichtsstudie 23 Studien einer systematischen Überprüfung unterzogen. Die früheren Untersuchungen hatten analysiert, wie groß die Übereinstimmung unter Gesundheitsfachleuten ist, wenn es galt, die Arbeitsfähigkeit von Patienten zu beurteilen, die einen Invaliditätsanspruch geltend machten.

Einschätzung einer Arbeitsunfähigkeit

Medizinische Gutachten werden oft zur Einschätzung einer Arbeitsunfähigkeit eingesetzt und haben weitreichende Konsequenzen für Arbeitnehmer, die ihre Arbeitsfähigkeit aufgrund von Krankheit oder Unfall eingeschränkt sehen. „Kein Gutachten ist stichhaltig, solange es nicht zuverlässig ist – das heißt solange es nicht misst, was es zu messen vorgibt“, ergänzt Mitautor Jason W. Busse von der McMaster University in Hamilton, Kanada.

Valide Einschätzung benötigt

Die Ergebnisse seien beunruhigend, weil Patienten eine valide Einschätzung benötigen – einerseits, um zu vermeiden, dass es bei Erwerbsersatzleistungen zu Verzögerungen kommt, und anderseits, um durch eine angemessene Betreuung eine anhaltende Arbeitsunfähigkeit zu verhindern. Deshalb sollten dringend Instrumente und strukturierte Ansätze entwickelt und erprobt werden, welche die Bewertung der Arbeitsunfähigkeit verbessern, so die Forscher. Die Ergebnisse werden demnächst vorgestellt.

Im Brennpunkt

Erkranken Mitarbeiter arbeitsunfähig, ist im Unternehmen der Personalverantwortliche gefragt. Zur Beurteilung, ob der Mitarbeiter tatsächlich arbeitsunfähig ist, und zur Klärung weiterer Beschäftigungsmöglichkeiten kann er allerdings nicht immer verfahren, wie er es für am besten hält. „Personaltipp AKTUELL“ (01/2017 Januar) geht in einem „Brennpunkt“ auf die besonderen Umstände ein, die dabei zu beachten sind.

Autor: Franz Höllriegel