17.07.2017

Immer weniger Azubis – Arbeitgeber mit deren Kritik konfrontiert

Niedrigstzahlen von Azubis in ländlichen wie in urbanen Regionen. Arbeiten wie Gott in Frankreich – für Azubis stellt sich derzeit die Stellensuche wie die Auswahl eines leckeren Menüs dar. In ländlichen Regionen zählt man so wenige Azubis wie selten. In der Region Stuttgart können sich junge Leute die Lehrstellen quasi nach Gusto aussuchen.

Wir suchen Azubis

Steigerung neu abgeschlossener Verträge

Im Kreis Coesfeld zählte man im vergangenen Jahr ganze 3978 Auszubildende – so wenig wie noch nie zuvor. So berichtet „Allgemeine Zeitung“ (AZ-online) Münsterland unter Berufung auf Angaben des statistischen Landesamtes. Danach ging die Zahl binnen Jahresfrist um 0,4 Prozent zurück. Immerhin: Andererseits war eine Steigerung der neu abgeschlossenen Verträge um 1,6 Prozent auf 1497 festzustellen. Den unterm Strich zu konstatierenden Rückgang führen die Statistiker auf Ausbildungsabbrüche zurück. Zudem ging die Zahl der weiblichen Azubis mit -3,1 Prozent am stärksten zurück. Im Jahr 2014 absolvierten noch 4062 junge Leute eine Lehre im dualen System.

Münsterland kein Einzelfall

Das abgelegene Münsterland stellt indes offenbar keinen Einzelfall dar. In der Region Stuttgart gibt es Medienberichten zufolge jede Menge freie Lehrstellen. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) meldet 1000, die Handwerkskammer 800 nicht besetzte Ausbildungsplätze. „Unsere Betriebe suchen händeringend nach Fachkräften“, zitieren die „Stuttgarter Nachrichten“ Gerd Kistenfeger, Sprecher der Handwerkskammer. Martin Frädrich, Geschäftsführer Beruf und Qualifikation der IHK Region Stuttgart, stellt laut der Zeitung fest: „Der Wettbewerb um Fachkräfte und junge Menschen, die sich in Zukunft zu einer solchen ausbilden lassen wollen, wird sich weiter verschärfen.“ Besondere Probleme bei der Besetzung der Lehrstellen haben nach Auskunft von Carmen Gutierrez-Gnam, Pressesprecherin der Arbeitsagentur Stuttgart, der Einzelhandel und der Verkauf, wo derzeit in Stuttgart 146 Ausbildungsstellen offen seien.

Lehrlinge händeringend gesucht

Unternehmen, die über keinen Mangel an Auszubildenden klagen, bilden mittlerweile die Ausnahme. Zu ihnen gehört der Stuttgarter „Saturn“ in der Königstraße. „Wir haben immer zwischen 80 und 100 Bewerber“, berichtet Yasmar Korkmaz, Personalentwickler und Ausbildungsverantwortlicher der Filiale. Alle elf Azubi-Stellen seien besetzt. „Wir schauen nicht nur auf die Schulbildung – uns geht’s drum, jedem eine faire Chance zu geben“, erklärt Korkmaz. Deshalb biete man den in Frage kommenden Bewerbern zwei Schnuppertage an. Ihnen sage man: „Schaut euch die zwei Tage intensiv um. Stellt euch vor, ihr müsst das jeden Tag machen.“

Zu wenig Mühe mit Bewerbungen

Allerdings komme es bei vielen Bewerbern schon gar nicht so weit. „Wir haben den Eindruck, dass sich leider einige Azubis bei der Bewerbung wenig Mühe geben – wir kriegen Bewerbungen, wo kein richtiges Anschreiben dabei ist, nur ein Lebenslauf und die Ansage: ‚Ich habe Interesse.’“, berichtet Korkmaz. Der Einzelhandelsberuf sei zwar begehrt, aber es fehle bei vielen Bewerbern an der richtigen Strategie oder an Konzentration. So bekomme man Bewerbungen, die an ein anderes Unternehmen gerichtet sind.

Aufs Wollen kommt es an

Wichtig sei bei Bewerbern das Interesse, sagt Korkmaz. „Das Können kann man sich aneignen – es steht und fällt aber mit dem Wollen.“ Zunehmend bilde man Realschulabsolventen aus. Zudem bietet Saturn eine Online-Plattform mit Lernprogrammen und Tests an. Azubis könnten diese während der Arbeitszeit absolvieren. Zu den Schulungen durch Industriepartner seien die Lehrlinge genauso eingeladen wie Mitarbeiter. Insgesamt spiele Wertschätzung eine große Rolle. Dazu gehört offenbar, dass Saturn laut Korkmaz nicht für den Arbeitsmarkt einstellt sondern: „Wir stellen für uns ein – wir wollen die Azubis auch übernehmen.“ Nur zehn Prozent von ihnen nutzten die Möglichkeit, nach zwei Ausbildungsjahren als Verkäufer einzusteigen. Die meisten hängten ein drittes Jahr an zum Einzelhandelskaufmann an.

Kritik am Arbeitgeber

Bei so viel Auswahlhoheit bleibt es nicht aus, dass sich Azubis, wenn sie denn einen Ausbildungsvertrag letztlich unterschrieben und die Arbeit aufgenommen haben, meinen, sich nicht alles gefallen lassen zu müssen. Da kommt es schon mal zu Kritik am Arbeitgeber. Der aber lässt sich auch nicht alles gefallen. Folge nicht selten: Kündigung. Doch zu Vorsicht mahnt allzu ungeduldige Arbeitgeber „Personaltipp AKTUELL“ (09/2017 Juli). Die Gerichte teilten die Empörung der Arbeitgeber nicht immer. Sie prüften vielmehr ganz genau, welche Umstände im Einzelfall eine Rolle gespielt haben, gibt der Newsletter für Arbeitsrecht für Arbeitgeber zu bedenken. Welche Art von Kritik erlaubt ist und wo Meinungsfreiheit auf Grenzen stößt, dazu mehr in der neuen Ausgabe des Newsletters.

 

Autor: Franz Höllriegel